Afrika

Aus BucherWiki

Wechseln zu: Navigation, Suche

Der Zusammenhang zwischen "Afrika" und "Medien" wurde bisher selten hergestellt. Dieser Artikel befasst sich sowohl mit der Entwicklung und den Problemen und Aufgaben der Medien in Afrika als auch mit der Wahrnehmung Afrikas als Krisenkontinent und seiner Darstellung in den westlichen, besonders den US-amerikanischen und deutschen Medien.

Inhaltsverzeichnis

Krisenkontinent Afrika?

Afrika ist ein Kontinent, der aus 53 Staaten besteht, die 22 % der Landfläche der Erde einnehmen (30,3 Millionen km²) und dort 14 % der Weltbevölkerung (906 Millionen Menschen) beherbergen. Er ist zugleich ein sehr inhomogener Kontinent: Es gibt große kulturelle Unterschiede zwischen Nord- und Subsahara-Afrika, die es fast unmöglich machen, Aussagen über Afrika als Ganzes zu treffen. Aber auch zwischen Nachbarstaaten und innerhalb vieler Staaten gibt es große Inhomogenitäten. Während der Kolonialzeit wurden die Staatsgrenzen oft ohne Respekt auf traditionelle Stammes- und Clangrenzen oder Nomadengebiete gezogen. Diese Grenzen wurden nach der Unabhängigkeit (meist in der Mitte des 20. Jahrhunderts) und bis heute beibehalten, was zu Vielvölkerstaaten und Ethnien ohne Staat führt. Dies erhöht das interne Konfliktpotential Afrikas um ein Vielfaches. Im Folgenden geht es vor allem um Afrika südlich der Sahara, da die nordafrikanischen Staaten in vieler Hinsicht eine Ausnahme bilden; sie sind bedeutender für die westliche Welt beziehungsweise werden so wahrgenommen und oft nicht unter dem Schlagwort „Afrika“ gefasst.

In der globalen Weltwirtschaft ist Afrika mit Ausnahme einiger weniger Länder unbedeutend. Die politische Bedeutung Afrikas für die westlichen Staaten ist mit dem Ende des Kalten Krieges deutlich zurückgegangen – Afrika wird hauptsächlich als Krisenkontinent wahrgenommen. Dies ist vor allem auf die anhaltende Unterentwicklung und die vielen Konflikte zurückzuführen, die zu verschiedensten Krisen führen können.

Die Unterentwicklung Afrikas lässt sich am Human Development Index der Vereinten Nationen ablesen. Hierfür werden nicht nur wirtschaftliche Indikatoren erfasst, sondern zum Beispiel auch Indikatoren für Bildung und Gesundheit der Menschen. 2005 finden sich die Staaten Afrikas südlich der Sahara im letzten Drittel dieses Index, unter den 31 Staaten mit der geringsten Entwicklung gibt es nur zwei nicht-afrikanische.

Afrika wird auch geprägt durch die zahllosen Konflikte, die von keinem Konfliktverhalten bis zum offenen Krieg alle Schattierungen durchlaufen. Betrachtet man die Konfliktarten, so handelt es sich vor allem um ethnische Konflikte oder Clanstreitigkeiten, die also auf vorkolonialen Konfliktlinien beruhen, Machtkonflikte vor allem um den Ressourcenzugang (auch der Staat wird teilweise als Ressource angesehen) und Landnutzungskonflikte. Hinter diesen Konflikten steht dabei vor allem der starke Gegensatz zwischen modern und traditionell, zwischen den Megastädten und dem unterentwickelten Land. Aber auch die asymmetrische Ressourcenverteilung – oft zugunsten der Mächtigen – und (menschlich verschuldete) ökologische Probleme wie fragile Böden spielen eine wichtige Rolle (Baechler 1998: 1 – 11). Doch neben all diesen Probleme gibt es auch Positives zu berichten: So wurden in den letzten beiden Jahrzehnten zumindest in einigen Staaten Fortschritte im Bereich der Demokratie und der Freiheitsrechte erreicht, die regionale politische und wirtschaftliche Integration wurde vorangetrieben und die globale Staatengemeinschaft hat sich das Ziel gesetzt, die die Unterentwicklung Afrikas zu bekämpfen (siehe zum Beispiel die Millenium Development Goals).

Der hier skizzierte Kontext muss bei der Betrachtung der Verknüpfung Medien – Afrika zugrunde gelegt werden. Trotz der skizzierten Inhomogenität des Kontinents wird oft pauschal von Afrika die Rede sein, da in diesem Rahmen keine detaillierteren Studien möglich sind und in vielen Bereichen auch nicht existieren. Zuerst wird es dabei um Medien in Afrika gehen, danach um die Berichterstattung über Afrika in den deutschen und amerikanischen Medien, zuletzt im Fallbeispiel um die Berichterstattung der Medien während des ruandischen Genozids 1994.

Medien in Afrika

Die Rolle der Medien im Demokratisierungsprozess Afrikas

Die Medien spielen im Demokratisierungsprozess Afrikas eine wichtige Rolle. Sie sollen die Bevölkerung objektiv informieren, den Dialog zwischen Kommunikation und Öffentlichkeit sowie innerhalb der Öffentlichkeit selbst fördern, geeignete Methoden für Problemlösungen verbreiten, ein kritisches Bewusstsein schaffen und somit zur Veränderung der Einstellung der Bevölkerung beitragen. Auf diesem Weg kann eine partizipative Demokratie erreicht werden. Allerdings müssen dazu verschiedene Voraussetzungen erfüllt werden: So sollen Informations- und Meinungsfreiheit in den Staaten verfassungsrechtlich abgesichert sein und die Medien dezentralisiert werden. Außerdem ist eine Verbesserung der Infrastruktur, der völlig unzureichenden Kommunikationssysteme und der undemokratischen Strukturen unabdingbar. (Meyer 1992: 57)

Die Entwicklung der afrikanischen Medien

Von der Kolonialzeit bis in die 1980er Jahre

Die afrikanischen Medien sind zuerst entstanden, um der kolonialen Administration zu dienen. So sind beispielsweise die ersten Radiostationen entstanden, um die Landsleute der Kolonialmächte Frankreich und Großbritannien, die in Afrika lebten, mit Informationen aus ihrer Heimat zu versorgen. Nach dem zweiten Weltkrieg unterstanden sie dann den lokalen Regierungen, von denen sie nicht selten instrumentalisiert wurden. Die Medien sollten nun zur Findung der nationalen Identität im Sinne des Nation-Building dienen. Die ehemaligen Kolonialmächte unterstützten die afrikanischen Regierungen dabei. Dazu reichte eine Radiostation und eine Fernsehsender pro Land maximal aus. Die westlichen Mächte nutzen diese Art der Informationsvermittlung, um auf diese Weise ihre Innovationen in der sogenannten Dritten Welt bekannt zu machen. Anfang der 1970er Jahre änderte sich das Paradigma erneut. In den Vereinten Nationen wurden Rufe nach einer neuen wirtschaftlichen Weltordnung laut, die einher gehen sollte mit einer neuen globalen Ordnung der Information und der Kommunikation. Der Grund dafür war, dass man die Medien von Europa und Amerika ablösen wollte, wozu auch gehören sollte, den einseitigen Informationsfluss von Nord nach Süd zu beenden. (Vgl. Frère 2005:8)

Der kulturelle Imperialismus

Herbert Schiller hat in diesem Zusammenhang das Konzept des „kulturellen Imperialismus“ geschaffen, den er so definiert: „C’est la somme des processus par lesquels une société est introduite au sein du système moderne mondial et la manière dont sa couche dirigeante est amenée, par la fascination, la pression, la force ou la corruption, à modeler les institutions sociales pour qu’elles correspondent aux valeurs et aux structures du centre dominant du système. » (Schiller 1976)

Bis zum Anfang der 1970er Jahre wird Afrika noch stark von den westlichen Medien dominiert. Afrika hat versucht, darauf zu reagieren, indem es in Kooperation mit den Vereinten Nationen zwei (pan-)afrikanische Nachrichtenagenturen gründete: Erstens die PANA (Panafrican News Agency), gegründet 1979. Sie sollte Informationen schaffen im Sinne « sur l’Afrique faite par des Africains ». Sie scheiterte dann schließlich an mangelnder finanzieller Unterstützung seitens der Staaten. Zweitens wurde die Urtna (Union des Télévisions et Radios Nationals de l’Afrique) chaffen, sozusagen das audio-visuelle Gegenstück zur PANA. Die Urtna war der Verband der freien Radio- und Fernsehsender Afrikas. Sie wurde allerdings aus den gleichen Gründen Opfer mangelnder Unterstützung. Heute ist sie lediglich noch ein Austauschzentrum für afrikanische Programme. (Vgl. Keita 2005) Am Ende der Diskussion jedoch blieben die Medien unter Kontrolle der Regierungen, auch wenn sie dann nur noch Informationen, die sich auf die Nation bezogen, ausstrahlen durften. So blieben die Medien weiterhin starker politischer Einflussnahme ausgesetzt.

Vom Ende der 1980er Jahre bis heute

Am Ende der 1980er Jahre ließ sich das Scheitern der Regime nicht weiter kaschieren. Die Rezipienten waren von nun an nicht mehr nur passiv, sondern wollten aktiv werden. Es entstanden Bewegungen in vielen afrikanischen Ländern, die Meinungsfreiheit und ein Mehrparteiensystem forderten. Die Regierungen mussten schließlich nachgeben, und die private Presse wurde zugelassen. In Folge dessen stieg die Anzahl der Zeitungen schlagartig an. Man kann zu diesem Zeitpunkt deshalb auch von der Geburtsstunde einer neuen Öffentlichkeit sprechen. (Vgl. Frère 2005: 9) Die Liberalisierung des Mediensektors und die beginnende Demokratisierung Ende der 1980er Jahre führte zu einer steigenden Anzahl von Tages- und Wochenzeitungen. Eine ansatzweise kritische und pluralistische Presse bildete sich heraus. Als Beispiele wären zu nennen die „Gazette du Golfe“ in Benin, „Les Echos“ und „Aurore“ in Mali, „Le Courrier du Golfe“ oder das „Forum Hebdo“ in Togo, „Le Messager“ in Kamerun. Sie waren von nun an nicht mehr nur politische Instrumente, sondern sahen sich selbst als Instrumente zur Verstärkung des demokratischen Prozesses. (Vgl. Meyer 1992: 60)

Problembereiche für die Presse

Das Überleben der pluralistischen Presse hing jedoch davon ab, ob es ihnen gelingen würde, Lösungen für folgende Problembereiche zu finden: a) Produktion: Hohe Importzölle für Druckereibedarf und die starke Rationalisierung von Papier erschwerten die Produktionsbedingungen. b) Verteilung: Der in Afrika weit verbreitete Analphabetismus und unzureichende Kommunikationssysteme waren wichtige Ursachen für die schwache Kaufkraft der Leser. Hinzu kam der Faktor Armut, denn der Preis einer Zeitung entsprach etwa dem einer Mahlzeit. c) Finanzierung: Der Anzeigenmarkt ist in Afrika sehr unterentwickelt, er macht weniger als 10% der Produktionskosten aus. Außerdem gibt es kaum Investitionskapital, da die Mehrheit der Zeitungen von Journalisten gegründet wurde, insbesondere in den frankophonen Ländern. Die anglophonen Journalisten wurden oft von Industriellen unterstützt. d) Mangelhafte Ausbildung der Journalisten: Die Journalisten mussten sich als Allrounder auch um das Management kümmern, hatten dafür jedoch keine angemessene Verwaltungsausbildung. Dies wirkte sich negativ auf das Management und die Qualität der Presse aus. Hinzu erschwerten die politischen Regime den Journalisten den Zugang zu Ressourcen. Somit gab es oftmals nur mangelhafte Recherchen, worauf viele Verleumdungsprozesse gegen Journalisten folgten. (Vgl. Meyer 1992: 60/61)

Die Erklärung von Windhoek

Zu Beginn der 1990er Jahre gab es unter der Schirmherrschaft der Unesco einen Versuch, den afrikanischen Mediensektor zu professionalisieren. Am 3. Mai 1991 gaben die subsaharischen Staaten Afrikas in Namibia eine gemeinsame Erklärung ab. Artikel 1 der Erklärung von Windhoek besagt: „Conformément à l'esprit de l’article 19 de la Déclaration universelle des droits de l'homme, la création, le maintien et le renforcement d’une presse indépendante, pluraliste et libre sont indispensables au progrès et à la préservation de la démocratie dans un pays, ainsi qu'au développement économique.» ([1])

Artikel 10 ermutigt

"(…) les organisations internationales (gouvernementales et non gouvernementales), les organismes d'aide au développement et les associations professionnelles -- devrait en priorité appuyer financièrement le développement et la création de journaux, magazines et périodiques non gouvernementaux qui reflètent la société dans son ensemble et les divers points de vue des communautés qu'ils desservent." ([2])

Daraufhin wurden viele internationale Programme ins Leben gerufen, um den demokratischen Wandel in Afrika zu unterstützen. Sogar in Afrika selbst wurden Non Governmental Organisations (NGOs) gebildet, um den Pluralismus in den Medien zu unterstützen. Als problematisch erwiesen sich allerdings Diktatoren, die ihre Regime in eine Demokratie umwandeln wollten, nur um an der Macht zu bleiben. Dazu benutzen sie oft das Versprechen, die Pressefreiheit zu gewähren (z.B.: Mobutu Sese Seko, Juvénal Habyarimana, Gnassingbé Eyadema, etc.).

Die zweite Hälfte der 1990er Jahre

Dieser Optimismus der 1990er Jahre fand sein Ende mit dem Genozid in Ruanda 1994, der sorgfältig vorbereitet wurde von dem privaten Radiosender RTLM. Dieser Fall hat gezeigt, dass auch freie Medien töten können. (Weitere Ausführungen siehe Fallbeispiel Ruanda)

Man versuchte wieder, sich auf die Professionalisierung des Mediensektors zu konzentrieren, und das auf zwei Wegen: Auf der einen Seite die Stärkung der Ethik und der Déontologie, auf der anderen Seite sollte die Finanzierung der Medien nicht mehr zu propagandistischen Zwecken instrumentalisiert werden können. Als Maßnahmen fanden Förderungen zur Ausbildung von Journalisten zur Bekämpfung der Armut und der Korruption statt, sowie die Etablierung eines Journalisten-Netzwerkes zur Bekämpfung von HIV. Dennoch können Journalisten oft der Bestechung nicht widerstehen, da sie meist unterbezahlt sind. Die Eliten versuchen derweil, die Unglaubwürdigkeit der Medien für sich zu nutzen. (Vgl. Frère 2005: 11) In der 2. Hälfte der 1990er Jahre stürzt das frankophone Afrika in eine chaotische Krise: es brechen Kriege aus, von denen die Medien oft ausgeschlossen werden: Beispielsweise in Burundi, Congo-Brazzaville, Zaire, Zentralafrika und an der Elfenbeinküste. Darin werden die öffentlichen Medien wieder zu Propagandazwecken instrumentalisiert und die freien Medien mundtod gemacht. Sie ausländischen Partner bemühen sich erneut, die Medien für den Frieden einzusetzen. Man spricht hier von einem „Journalisme de paix“ . Dazu gehörte die Installierung von Radiosendern, die zur Versöhnung aufrufen sollen, die sogenannten „radios humanitaires“ (In Bangui: Ndeke Luka; In Kinshasa: Radio Okapi). Die Medien sollten so zu Friedensmediatoren werden.

Aktuelle Situation

Die wirkliche Gradwanderung der afrikanischen Systeme in Richtung Demokratie ist heute sehr umstritten. Fakt ist, dass Journalisten vielerorts immer noch unter Druck gesetzt werden, und dass die Finanzierungen oft noch sehr intransparent sind. (Vgl. Frère 2005: 14) Die einst so erfolgreichen freien Zeitungen wie der Messager in Kamerun haben sich zu auflagenschwachen Zeitungen zurückentwickelt (800.000 Auflagen Anfang der 1990er, heute ca. 8.000). Die starke Unterdrückung der Presse durch die Regierungen ist aber nicht der einzige Erklärungsgrund für die schlechte (Rück-)Entwicklung. Das zeigt also, dass selbst unter wirtschaftlich und sozial günstigen Bedingungen es nicht ausreicht, der Presse ihre Freiheit zu gewähren, um sie als unabhängige Informationsvermittler wirken zu lassen. Wirtschaftliche und soziale Bedingungen spielen also eine große Rolle für die Ohnmacht der Medien. In Mali z.B. war die Regierung gar nicht so sehr gegen die Pressefreiheit, die 1992 eingeführt wurde, und doch schaffen es die privaten Zeitungen nicht, ihre Auflagen über ein paar Tausend zu steigern. Bei den Radiosendern hingegen ist die Anzahl seit der Liberalisierung schlagartig auf über 150 angestiegen, der Radiojournalismus ist aber nur wenig professionalisiert und deshalb auch sehr riskant. Das Radio spielt aber v.a. in den Ländern eine größere Rolle, in denen die Analphabetenrate sehr hoch ist oder wo die Presse nur in der offiziellen Sprache erscheint. 15 Jahre nach dem „vent de la liberalisation“ (Frère 2005: 15) kann man festhalten, dass sich die afrikanischen Medien ebenso wie ihre Demokratien sehr unterschiedlich entwickelt haben. Grund für das Scheitern war oft die wirtschaftliche Instabilität und politische Krisen bzw. Kriege. Auf der einen Seite haben sie zur Versöhnung und zum Schutz der Menschenrechte beigetragen, auf der anderen Seite hasserfüllt die Völker gegeneinander aufgehetzt. (Vgl. Frère 2005: 16/17)

Das Radio

Von den elektronischen Medien ist der Rundfunk das am weitesten verbreitete Informations- und Mobilisierungsmedium. In den großen afrikanischen Städten sind Medien mittlerweile sehr verbreitet, doch in abgelegeneren Regionen findet man höchstens das Radio. Das Radio ist also das Hauptmedium in Afrika. Ein Apparat ist erschwinglich (kostet umgerechnet ca. 1,50 Euro); die meisten Erwachsenen sind Analphabeten, und da es nicht genügend Haushalte mit Stromversorgung gibt, ist das Fernsehen relativ selten. Deshalb explodieren die Zahlen der Radiostationen seit den 1990er Jahren stetig: Allein in Mali gibt es 150 Radiostationen. Der demokratische Prozess ist eingeleitet und somit muss eine Entmystifizierung des Radios als ein staatliches Instrument beseitigt werden. Er soll zielgruppengerechter werden. Außerdem muss die hauptstadtzentrierte Programmpolitik verändert werden, die zu mehr als 90% ihre Informationen in einer Sprache ausstrahlt, die von weniger als 30% der Bevölkerung verstanden werden. Es ist also der Beginn einer Regionalisierung des Rundfunks erkennbar und somit macht die Dezentralisierung von Informationen in Afrika einen großen Fortschritt. Radio France Internationale (RFI) ist mit ca. 26 Mio. Hörern der meist gehörte und damit einflussreichste Radiosender des subsaharischen Afrikas. (Vgl. Meyer 1992: 62)

Das Fernsehen

Die afrikanischen Fernsehsender haben sich ebenfalls multipliziert. Der Kongo zählt 30 Sender, Bénin sechs. In zehn afrikanischen Ländern jedoch bleibt das Fernsehen ein Staatsmonopol. Das Fernsehen ist auch in Afrika auf dem Vormarsch. Problematisch gestaltet sich jedoch die Finanzierung der landesweiten Ausstrahlung. Deshalb gibt es zahlreiche ausländische Fernsehprogramme, woraus sich für die Afrikaner ein Problem der kulturellen Identität ergibt. (Vgl. Meyer 1992: 62)

Die Presse

Die Anzahl der Zeitungen ist seit den 1990ern ebenfalls angestiegen. Die Pressefreiheit ist sehr viel eingeschränkter als in westlichen Demokratien: Es gibt nach wie vor viel Zensur seitens der Regierungen, und es tauchen immer noch gelegentlich erfundene Nachrichten auf. Aber es hat sich doch Einiges getan. Denn in mehreren Ländern gibt es mittlerweile verschiedene Zeitungen, nicht mehr nur eine, die von der Regierung kontrolliert wird. Außerdem gibt es mittlerweile auch spezielle Magazine aus den Bereichen Sport, Wirtschaft, Landwirtschaft, humoristische Presse usw. Das sind erste Zeichen einer neuen Meinungsfreiheit in Afrika. (Vgl. Meyer 1992: 61)

Das Internet

Ein entscheidender Vorteil des Internets ist, dass es eine Plattform bietet, wo nun Zeitschriften veröffentlicht werden können, die in manchen Ländern zuvor verboten wurden. Dies ist ein wichtiger Fortschritt in Richtung Meinungsfreiheit und eine Kampfansage an die Zensur. ([3]) Die Internetseite www.Afrik.com wurde im Jahr 2000 von Journalisten in Paris gegründet und ist heute die erfolgreichste Internetseite, wenn man Informationen über Afrika sucht, mit 500.000 Lesern pro Monat.

Afrikanische Krisen: (k)ein Medienthema? Die Berichterstattung über Afrika in den deutschen und amerikanischen Medien

Afrika hat im 20. Jahrhundert einen Bedeutungswandel vollzogen. Vom Schauplatz des Kalten Krieges wurde es nach dem Ende der Ost-West-Konfrontation in der Wahrnehmung der westlichen Welt immer mehr zu einem Krisenkontinent und rückte an den Rand des Blickfeldes (Zimmermann 1996: 162 – 163, Lennartz 1996: 209 – 214).

Dies spiegelt sich auch in der Medienberichterstattung über Afrika. In den deutschen und amerikanischen Medien ist dies gut nachvollziehbar und soll hier beispielhaft untersucht werden. In den Medien der ehemaligen Kolonialmächte, also vor allem Frankreich und Großbritannien, kann von einem anderen Afrikabild ausgegangen werden. Die ehemaligen Kolonien nehmen hier einen größeren medialen Raum ein und die Berichterstattung wird oft von (neo-)kolonialen Diskursen (zum Beispiel diagnostiziert von Jean-Paul Gouteux) bestimmt. Über aller westlichen Berichterstattung liegt der Vorwurf des „Afropessimismus“, der mit neokolonialen und paternalistischen Diskursen eine realistischere Berichterstattung über Afrika verhindert (Poenicke 1995: 103 – 123).

Der Befund: Unterrepräsentation Afrikas

In den deutschen Medien ist Afrika unterrepräsentiert. MediaPerspektiven kommt für das Jahr 2005 zu dem Ergebnis, dass in den Hauptnachrichtensendungen von ARD, ZDF, RTL und SAT 1 kein afrikanisches Land unter den 20 meistgenannten ist, sechs afrikanische Länder hingegen höchstens einmal genannt wurden (Krüger 2006: 64).

Außerhalb der Nachrichten belegt Afrika vor allem spezielle Sendeplätze. Zum einen kommt Afrika in Magazinen wie dem Weltspiegel (ARD) oder dem Auslandsreport (N-TV) vor, die über politische Themen berichten oder Afrika über kulturelle Praktiken und ähnliches erschließen und Afrika so vor allem als einen exotischen Kontinent darstellen; Magazine wie Voxtours beschäftigen sich dagegen alleine mit kulturellen und touristischen Aspekten, also „Ausland light“. In den politischen Beiträgen der Magazine und in den Nachrichten steht der Krisenkontinent Afrika im Vordergrund, es geht um Kriege, Krisen, Katastrophen und Krankheiten (Mikich 2003).

Die Ursachen: Nachrichtenfaktoren und strukturelle Gründe

Die Ursachen für diese mangelnde Präsenz und Differenziertheit in der Berichterstattung liegen in den Nachrichtenfaktoren begründet, die entweder zu gar keiner Nennung Afrikas oder zur Krisenberichterstattung führen (vergleiche auch Moeller 1999: 17 – 25 mit Beispielen für die erste Hälfte der 1990er Jahre):

  • Nähe (geographisch, zeitlich, emotional):

Das Kriterium der geographischen Nähe ist nicht gegeben und auch emotionale Nähe kann wegen der geringen Verflechtung des „Westens“ mit Afrika kaum entstehen.

  • Negativismus

Nach dem Motto „only bad news is good news“ wird, wenn berichtet wird, hauptsächlich über negative Ereignisse, also Kriege oder Krisen |berichtet.

  • Signifikanz

Signifikanz entsteht vor allem dadurch, dass viele Menschen betroffen sind, dies ist bei Kriegen und Krisen zwar der Fall, dieses Kriterium wird allerdings oft ausgestochen durch das Kriterium der Neuigkeit.

  • Neuigkeitswert

Krisen in Afrika sind für uns „alltäglich“ geworden, jede Krise muss größer sein als die vorherige und darf sich nicht mit einer anderen überschneiden, um bemerkt zu werden.

  • Prominenz

Sobald Europäer oder Amerikaner mitbetroffen sind, steigt die Berichtswahrscheinlichkeit. Dies kann als Ethnozentrismus bezeichnet werden (Schwanebeck 2003: 24).

Die Unterrepräsentanz Afrikas hat auch strukturelle Gründe. Diese führen dazu, dass oft keine Neuigkeiten, vor allem aber auch keine Bilder zu diesen vorhanden sind.

  • Sowohl Nachrichtenagenturen als auch einzelne Presseorgane haben eine viel zu geringen Anzahl an Korrespondenten in Afrika, um über einen Kontinent dieser Größe umfassend berichten zu können. Diese wenigen Korrespondenten haben infolgedessen große Verantwortungsgebiete, die vor allem in Zentralafrika viele Länder umfassen (Schwanebeck 1999: 16 – 17).
  • Die Journalisten, die ständig in Afrika sind, vor allem aber auch die, die nur zu Krisen eingeflogen werden, haben oft keine Kenntnis der örtlichen Sprachen und müssen so immer mit Übersetzern arbeiten oder sich auf öffentliche Verlautbarungen verlassen, wodurch eine gewisse Abhängigkeit entsteht. Der Zuschauer hingegen verlässt sich auf ihre Interpretation der Bilder (Lilienthal 2003: 52 – 53).
  • Für ihre Heimatredaktionen verursachen Journalisten in Afrika oft hohe Kosten, da sie sich ihre Infrastruktur selbst aufbauen müssen. Dies trifft besonders bei einem Fallschirmjournalismus im Falle von Krisen zu. Journalisten werden ohne größere Kenntnisse in die Krisenregionen geschickt, die oft weder eine journalistische noch eine allgemeine Infrastruktur besitzen (Moeller 1999: 19 – 20).
  • Für die Korrespondenten ist es schwierig, Sendezeit oder Raum für Berichte oder Reportagen zu bekommen, da gegen die von ihnen recherchierten Ereignisse die oben genannten Nachrichtenkriterien sprechen. Auch verkrustete Redaktionsstrukturen können Ursache hierfür sein, wenn Redakteure entscheiden, wie sie es schon seit langem tun und kein Interesse des Publikums an Afrika annehmen. Je kürzer die Sendezeit und je kleiner die Zeilenzahl, desto vereinfachender muss die Berichterstattung werden (Moeller 1999: 29 – 33).

Merkmale der Afrikaberichterstattung: Oberflächlichkeit und Formalisierung

Wie wird also in den deutschen und amerikanischen Medien über Afrika berichtet? Es kann vor allem nur über eine Krise oder allgemeiner ein afrikanisches Thema zu einer Zeit berichtet werden (Carruthers 2004: 166), wenn das Thema „Hungersnot“ schon besetzt ist, wird über eine zweite, vielleicht ebensogroße Hungerkrise nicht berichtet. Da außerdem Bilder aus dem Krisengebiet nötig sind, verlieren afrikanische Krisen oft gegen andere. Wenn über eine Krise berichtet wird, so werden häufig Journalisten in diese Länder geschickt, die wenig Wissen über die Situation in dem Land und den Hintergrund der Krise haben und so nicht angemessen berichten können. Scheuen die Redaktionen vor diesen Kosten zurück, können auch (Fernseh-)Bilder gekauft werden und die Redakteure schreiben ohne je anwesend gewesen zu sein den Text, was problematisch sein kann („voice-over-journalism“). Haben hingegen gar keine Journalisten Zugang zu einer Krise (zum Beispiel wegen Visaverweigerungen), so fällt die Berichterstattung völlig aus (Moeller 1999: 26 – 28).

Bei der Auswahl und Präsentation der (Krisen-)Nachrichten bleiben die Journalisten in ihrer westlichen Perspektive; weder Nachrichtenfaktoren noch Präsentationsarten sind überkulturell („Eurozentrismus“, Schwanebeck 2003: 24). So erleichtert die Amerikanisierung oder Europäisierung einer Krise zum Beispiel durch Vergleiche den Zugang des westlichen Publikums zu der Nachricht, wird der Realität dadurch aber weniger gerecht. Dies ist auch der Fall, wenn oft auf weiße oder westliche O-Ton-Geber zurückgegriffen wird. All dies führt zu einer Oberflächlichkeit der Berichterstattung über Afrika, Sensationen werden kreiert und in einer formalisierten, ikonisierten Berichterstattung dargeboten. Der Sinn dieser Formalisierung und des Sensationalismus, nämlich Aufmerksamkeit des Publikums und Komplexitätsreduktion, führt so in den meisten Fällen zu einer starken Oberflächlichkeit (Moeller 1999: 7 – 53).

Auswirkung der formalisierten Berichterstattung auf das Publikum: "compassion fatigue"

Eine andauernde, formalisierte Berichterstattung über Afrika und vor allem afrikanische Krisen führt beim Rezipienten zu einem Effekt, der als „compassion fatigue“ (Moeller 1999) beschrieben wurde. Das Publikum ist der Krisen müde, die durch die immergleichen Formeln und Ikonen beschrieben werden, Krisen müssen dadurch immer gravierender sein, um beachtet zu werden. Afrika wird außerdem wegen dieser mangelnden Differenziertheit der Berichterstattung immer weiter als monolithischer Block wahrgenommen, einzelne Länder können nicht geographisch und politisch eingeordnet werden. Dies verstärkt den Ermüdungseffekt: „Schon wieder ein Hungersnot in Afrika. Da ist doch alle Hilfe vergebens“, ist ein typisches Denkmuster, auch wenn die aktuelle Hungersnot in Mosambik ist und die vorherige in Äthiopien war, auf einem ganz anderen Teil des Kontinents. Dass es dort eventuell ganz andere Krisenursachen gab, wird nicht wahrgenommen, da die formalisierte Berichterstattung kein komplexes Ursachengeflecht zulässt, um das es sich oft handelt, sondern die Ursache vereinfacht.

Für die Hilfsorganisationen ist die Art der Berichterstattung und der Ermüdungseffekt des Publikums, die sich gegenseitig verstärken, ein großes Problem, da so keine Krisenprävention möglich ist. Die Aufmerksamkeit der Berichterstattung und des Publikums ist erst dann wahrscheinlich, wenn viele Menschen sterben und nicht in einer früheren Phase, in der noch Prävention möglich gewesen wäre. Das Problem ist hier, dass positive Nachrichten wie „Hungersnot verhindert“ nach den Nachrichtenfaktoren nicht berichtet würden und werden, so auch nicht wahrgenommen werden und den Ermüdungseffekt beim Publikum, das in einer frühen Phase spenden müsste, noch verstärken.

Formalisierte, ikonisierte Berichterstattung: Das Beispiel "Hungersnot"

Wie sieht nun eine formalisierte, ikonisierte Krisenberichterstattung zum Beispiel über eine Hungersnot konkret aus (Moeller 1999: 97 – 155)?

Die Ikone der Krise „Hungersnot in Afrika“ ist ein verhungerndes, abgemagertes Kind. Die typischste und vielleicht erste so berichtete Hungersnot fand in Äthiopien 1984/85 statt. Die komplexen Hintergründe einer solchen Krise, also politische und wirtschaftliche Probleme in Kombination mit „natürlichen“ Auslösern können durch die Ikone nicht dargestellt werden, die „natürlichen“ Gründe treten als am einfachsten verständliche und emotional ansprechendste in den Vordergrund. Dies provoziert einfache, kurzfristige Maßnahmen gegen diese Krise – das hungernde Kind braucht etwas zu essen, Kleidung etc. und deswegen gehen im Moment der Krise viele Spenden an Hilfsorganisationen; diese Maßnahmen helfen allerdings nicht gegen die komplexen Ursachen der Krise, ja verhindern sogar langfristige Strategien und eine Erziehung des Publikums zur Förderung gerade dieser.

In einer formalisierten Berichterstattung werden auch die einzelnen Akteure in Stereotypen dargestellt. So gibt es die unschuldigen Opfer, meist Frauen und Kindern, die in ihrem Leid gezeigt werden, aber nicht zu Wort kommen. Ihnen wird geholfen von den heldenhaften Retter – zum Beispiel Hilfsorganisationen wie „Ärzte ohne Grenzen“, die zur allgemeinen Lage Stellung nehmen. In einem späteren Stadium der Krise können auch noch Bösewichte auftreten, also beispielsweise Warlords, die Hilfsgüter abzweigen.

Jede Hungersnot, die so berichtet wird, verstärkt die Formel wieder. Hungersnöte, die sich nicht formalisiert berichten lassen, bekommen keine Medienaufmerksamkeit, genauso wie Krisen, die zu einer ungünstigen Zeit stattfinden. Denn nur wenn die Nachrichtenbedingungen für eine Krise gut sind, das heißt keine anderen Katastrophen, Terroranschläge oder Kriege mit westlicher Beteiligung stattfinden und sich eine prominente Persönlichkeit, also zum Beispiel ein Politiker, für die Krise interessiert, kann Medienaufmerksamkeit erreicht werden.


Diese Darstellung afrikanischer Krisenberichterstattung ist sehr allgemein gehalten und nimmt sowohl Afrika als auch die westlichen Medien als monolithischen Block an – was natürlich nicht der Realität entspricht. Eine differenzierte Darstellung der Afrikaberichterstattung einzelner Medien ist wünschenswert, allerdings bisher selten geschehen. Ob Afrika dort differenziert dargestellt wird, muss am konkreten Einzelfall überprüft werden. Außerdem trifft der hier dargestellte Befund in weiten Teilen nicht nur auf Afrika sondern auch auf große Teile der so genannten „Dritten Welt“ zu.

Fallbeispiel: Berichterstattung über den Genozid in Ruanda 1994

An diesem Fallbeispiel können die Probleme des westlichen Journalismus in Afrika gut gezeigt werden. Der folgende Konflikthintergrund ist auf diese Analyse hin ausgerichtet und wird der Komplexität des Konflikts nicht gerecht, ausführlichere Darstellungen zum Beispiel von bbc oder aus der Wikipedia bieten sich dafür an.

Verlauf

Die Wurzeln des Konflikts zwischen Hutu und Tutsi in Ruanda liegen noch in der Kolonialzeit, in der die Tutsi (Hirten) von den Hutu (Bauern) unterschieden und von den Europäern bevorzugt und als „herrschende Elite“ behandelt wurden. Nach der Unabhängigkeit 1962 herrschten erst die Tutsi, dann nach einem Staatsstreich 1973 die Hutu. 1990 beginnt der Bürgerkrieg mit dem Einmarsch der Ruanda Patriotic Front (RPF – Tutsi), das Radio wird zum Propagandaapparat der Hutu, der Rassismus verbreitet. Die Hutu werden systematisch mobilisiert und bewaffnet, im Land verbreitet sich Angst.

Der Flugzeugabsturz des ugandischen und des ruandischen Präsidenten Anfang April 1994 wird zum Anlass des Genozid der Hutu an den Tutsi. Die Hutu wurden wiederum über das Radio, vor allem den Sender Radio Television Libre des Mille Collines, zur Ermordung ihrer Tutsi-Nachbarn aufgerufen; bis Juli fielen ungefähr eine Million Menschen dem Genozid zum Opfer. Die Tutsi fliehen in die Nachbarländer, vor allem nach Tansania. Die Rolle der internationalen Gemeinschaft in dieser Zeit ist sehr umstritten, ihr wird vorgeworfen, sie hätte den Völkermord verhindern können und habe es sehenden Auges nicht getan. Schließlich wird eine französische Schutzzone eingerichtet, die allerdings nur 20% des Landes umfasst. Der Bürgerkrieg geht weiter und viele Hutu (auch viele Täter) fliehen nach Zaire, als die Rebellen die Hauptstadt einnehmen. Hinter der zairischen Grenze entstehen große Flüchtlingslager.

Die amerikanische Berichterstattung über die Krise

Der Verlauf dieses Konflikts hat die Berichterstattung über ihn geprägt. Für die USA wurde diese untersucht. Susan Moeller (Moeller 1999: 280 – 307) unterteilt die Berichterstattung in drei Phasen. Die erste Phase bedeckt den Genozid bis zur Einrichtung der französischen Schutzzone. Die Nachrichtenlage war in dieser Phase zwar schwierig, doch das Thema Ruanda war in den Medien präsent, wenn auch nicht an erster Stelle. Die erste Medienaufmerksamkeit kam durch die Evakuierung aller Europäer und Amerikaner aus Ruanda. Nur 20 ausländische Journalisten blieben im Land, die meisten Redaktionen verließen sich auf das Material von Nachrichtenagenturen. Durch die grausamen Bilder des Genozids bleibt Ruanda Medienthema, die Bilder schleichen sich ein, auch wenn die Aufmerksamkeit im Laufe der Monate etwas nachlässt und Ruanda nie Titelstory wird. Signalwörter sind zuerst „Blut“, später „Holocaust“, auch biblische Vergleiche sind beliebt (Moeller 1999: 298 – 299). Die grausamen Bilder mit ihren noch grausameren Erklärungen überfordern die anwesenden Journalisten, die sich auf die Berichterstattung einlassen. Ob es in dieser Phase einen CNN-Effekt gibt, ist umstritten, Carruthers argumentiert dagegen, dass es den Medien nicht gelang, eine langfristige emotionale Bindung des Publikums an die Krise aufzubauen, sondern dass die Medien mit den anderen Europäern und Amerikanern das Land verließen und so große Teile des Genozids nicht berichtet wurden. So wurde kein Druck auf die politischen Entscheider im Westen aufgebaut, den Genozid beim Namen zu nennen und zu beenden. Dies begann erst mit dem Flüchtlingsdrama in der dritten Phase (Carruthers 2004: 157 – 161).

Die zweite Phase beginnt mit der Einrichtung der französischen Schutzzone. In dieser können sich die Journalisten relativ frei bewegen und mehr berichten, die Öffentlichkeit bekommt den Eindruck, der Konflikt ebbe ab. Allerdings gibt es jetzt auch immer mehr, immer grausamere Bilder und die Gerüchte eines doppelten Genozids, also der beiden Volksgruppen aneinander, werden verbreitet. Das Publikum verschließt sich daraufhin dem Konflikt, da es keine klare Täter-Opfer-Rollen mehr erkennt, die Situation immer komplexer wird und die Bilder immer grausamer. Moeller nennt dies „compassion avoidance“, da das Publikum vor seiner eigenen Hilflosigkeit kapituliert und den Konflikt zu vermeiden versucht (Moeller 1999: 306).

Die dritte Phase des Konflikts ist die Phase der großen Flüchtlingslager in Zaire. Hunger und Krankheiten (Cholera) dort machen eine formalisierte Berichterstattung als Flüchtlingsdrama einfach und verdrängen so die politischen Hintergründe des Konflikts und auch den Genozid, obwohl viele Hutu-Täter in das Nachbarland geflüchtet sind. Auch die strukturellen Bedingungen sind günstig, da viele Journalisten auf dem Rückweg aus Südafrika (von der Amtseinführung Nelson Mandelas) im Krisengebiet vorbeischauen können. Das Mitleid des Publikums wird geweckt und die Öffentlichkeit weiß zu reagieren, zum Beispiel durch massive Spenden an Hilfsorganisationen. Die Berichterstattung ist häufig gleichgültig, oberflächlich und voller Clichés und Stereotypen (Carruthers 2004: 165). Nachdem das Flüchtlingsdrama allerdings unter Kontrolle ist und die UN-Wiederaufbaumission UNAMIR II im Land, lässt die öffentliche Aufmerksamkeit und auch die Medienaufmerksamkeit wieder nach. Dass sich die Probleme hier nicht auf ein Land beschränken, sondern es sich um eine Krisenregion mit Problemen über Staatsgrenzen hinaus handelt, wird nicht berichtet, es gibt keine Konfliktberichterstattung bis zur Zairekrise 1996 (Vorwurf von Mel McNulty). Auch eine Einordnung in größere Zusammenhänge, zum Beispiel den Verfall der Kaffeepreise, geschieht nicht (Carruthers 2004: 169).

Bewertung der Berichterstattung nach Mel McNulty

Eine Interpretation des Medienhandelns in Ruanda liefert Mel McNulty (McNulty 1999). Für ihn ist die Berichterstattung über den Genozid in Ruanda Ausdruck einer neokolonialen westlichen Agenda. Seine These ist, dass die Medien sich durch ihre unkritische Berichterstattung zu Komplizen der externen (westlichen) Akteure mit Interesse in der Region gemacht haben und bewusst oder unbewusst deren Neokolonialismus und somit auch ihr Handeln und letztliches Eingreifen legitimieren; so war es ihm zufolge beispielsweise Frankreich möglich, seine zweifelhafte Rolle als Waffenlieferant und Unterstützer des Hutu-Regimes durch die Errichtung der Schutzzone zu verschleiern. Er wirft den Journalisten vor, dass sie die kolonialen sozialen Konstrukte „Hutu“ und „Tutsi“ unhinterfragt aus der Hutu-Propaganda übernommen hätten und den Krieg so als ethnischen Krieg dargestellt hätten, ohne die Rolle des Westens kritisch zu reflektieren. Auch die gleichgültige und oberflächliche Berichterstattung („poor journalism“) mancher Journalisten kritisiert er und wirft ihnen Versagen angesichts der Bedingungen im Land und der Gleichgültigkeit ihrer Heimatredaktionen vor. Er fordert weniger Eurozentrismus und die journalistische Analyse auf lokale Meinungen zu stützen, um das westliche Verhalten als neokolonialistisch zu erkennen. Er differenziert dabei zwischen drei Kategorien von Journalisten. Die ersten sind die ignoranten Journalisten, die sich eigentlich gar nicht für die Situation vor Ort interessieren. Die zweiten sind Journalisten, die auf die neokoloniale Propaganda hereinfallen, sich vor Ort allerdings um eine angemessene Berichterstattung bemühen. Sie sind also informiert und engagiert, können allerdings nicht hinter die sozialen Konstrukte blicken. Die letzte Gruppe von Journalisten sind diejenigen, die als „hidden agenda“ bewusst eine neokoloniale Propaganda verbreiten wollen. Für die Region selbst sieht er nun einen Konsens, der diese Art von westlicher Berichterstattung nicht mehr akzeptieren will und eigene Ziele („peace, stability, prosperity and security“) in den Vordergrund stellt:

„Indeed, Western selectivity of reporting, condemning and inquiring will increasingly be seen as serving a self-interested, neo-colonial, Western agenda.“(McNulty 1999: 285)

Literatur

  • Baechler, Günther (1998): Hintergründe der Kriege und bewaffneten Konflikte in Afrika, in: Engel, Ulf, Mehler, Andreas (Hrsg.): Gewaltsame Konflikte und ihre Prävention in Afrika. Hintergründe, Analysen und Strategien für die entwicklungspolitische Praxis, Hamburg, S. 1 – 24.
  • Carruthers, Susan L. (2004): Tribalism and Tribulation. Media construcitions of “African savagery” and “Western humanitarism” in the 1990s, in: Allen, Stuart, Zelizer, Barbie (Hrsg.): Reporting War: Journalism in wartime, London, New York, S. 155 - 173.
  • Frère, Marie-Soleil (2005): Médias, journalistes et espace public. Médias en mutation: De l’émancipation aux nouvelles contraintes, in: Politique africaine, Nr. 97, März 2005.
  • Gibson, Malcolm D. (1994): Aids and the African press, in: Media, culture and society, Jg. 16, Nr. 2, S. 349 - 356.
  • Krüger, Udo Michael (2006): Jahresbilanz des InfoMonitors. Fernsehnachrichten bei ARD, ZDF, RTL und Sat. 1: Strukturen, Themen und Akteure, in: Media Perspektiven 2/2006, S. 50 - 74.
  • Lennartz, Veit (1996): Verteufelt und vergessen. Die dritte Welt im Spiegel der elektronischen Medien, in: Ertel, Dieter, Zimmermann, Peter (Hrsg.): Strategie der Blicke: Zur Modellierung von Wirklichkeit in Dokumentarfilm und Reportage, Konstanz, S. 209 – 220.
  • Lilienthal, Volker (2003): Nahaufnahmen in der Fremde. Ausland im Fernsehen – eine Programmbeobachtung, in: Cippitelli, Claudia, Schwanebeck, Axel (Hrsg.): Nur Krisen, Kriege, Katastrophen? Auslandsberichterstattung im deutschen Fernsehen. Dokumentation der 21. Tutzinger Medientage, München, S. 31 - 54.
  • McNulty, Mel (1999): Media Ethnicization and the International Response to War and Genocide in Rwanda, in: Allen, Tim, Seaton, Jean (Hrsg.): The Media of Conflict: War reporting and representations of ethnic violence, London, New York, S. 268 – 286.
  • Meyer, Reinhold (1992): Die Rolle der Medien für Demokratie und Entwicklung in Afrika, in: Afrika Jahrbuch 1992, S. 57-64.
  • Mikich, Sonia (2003): Geistige Provinzialisierung. Eine Zustandsbeschreibung, in: Cippitelli, Claudia, Schwanebeck, Axel (Hrsg.): Nur Krisen, Kriege, Katastrophen? Auslandsberichterstattung im deutschen Fernsehen. Dokumentation der 21. Tutzinger Medientage, München, S. 117 – 127.
  • Moeller, Susan D. (1999): Compassion Fatigue. How the media sell disease, famile, war and death, New York, London.
  • Poenicke, Anke (1995): Die Darstellung Afrikas in europäischen Schulbüchern für Französisch am Beispiel Englands, Frankreichs und Deutschlands, Frankfurt a.M et al.
  • Schwanebeck, Axel (2003): Die Welt im Wohnzimmer. Was leisten Auslandsberichte im deutschen Fernsehen?, in: Cippitelli, Claudia, Schwanebeck, Axel (Hrsg.): Nur Krisen, Kriege, Katastrophen? Auslandsberichterstattung im deutschen Fernsehen. Dokumentation der 21. Tutzinger Medientage, München, S. 13 – 30.
  • Zimmermann, Peter (1996): Auslandsberichterstattung zwischen Projektion und dokumentarischer Recherche, in: Ertel, Dieter, Zimmermann, Peter (Hrsg.): Strategie der Blicke: Zur Modellierung von Wirklichkeit in Dokumentarfilm und Reportage, Konstanz, S. 149 – 176.

Weblinks

Persönliche Werkzeuge