Der 11.September 2001 als globales Medienereignis

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Die Terroranschläge am 11. September 2001wurden weltweit wahrgenommen. Millionen Fernsehzuschauer sahen live, wie das zweite Flugzeug ins New Yorker World Trade Center flog. Die Medien wurden so zum Überbringer einer Schreckensbotschaft. Manche sagen auch: sie haben sich von den Terroristen als Plattform benutzen lassen. Menschlich gesehen haben die Journalisten allerdings angemessen auf die Nachricht reagiert, deren Bedeutung erst im Verlauf der Berichterstattung klar wurde.

In diesem Beitrag werden die Anschläge vom 11. September 2001 zunächst als Extremereignis kategorisiert und von „normalen“ Kriegsereignissen abgegrenzt, die ebenfalls im Seminar behandelt wurden. Spezielle Voraussetzungen führten dazu, dass die Anschläge auf der ganzen Welt live übertragen und auch fast überall zeitgleich wahrgenommen wurden. Der zweite Abschnitt bezieht sich auf die Rezipientenseite, indem er beschreibt, auf welchen Wegen die Menschen in Deutschland von den Anschlägen erfuhren und wie sie sich weiter informierten. Eine besondere Rolle spielte dabei das TV, weshalb der dritte Abschnitt die Fernsehberichterstattung behandelt. Dabei wird näher auf die Ästhetik der Bilder und den Umgang deutscher Fernsehmoderatoren mit der Ausnahmesituation eingegangen. Schließlich wird die Rolle, die CNN am 11. September einnahm, charakterisiert und kritisiert. Leute, die sich zum Zeitpunkt der Anschläge an ihrem Arbeitsplatz befanden, informierten sich durch Radiohören und übers Internet. Die letzten beiden Abschnitte sind daher diesen beiden Medien und ihren besonderen Schwierigkeiten und Vorteilen gewidmet.

Inhaltsverzeichnis

Extremereignis 9/11

New York City am 11. September 2001, neun Uhr vormittags. Viele Angestellte sind noch auf dem Weg zu ihrem Arbeitsplatz in Manhattan. Die Nachrichtenagenturen und Redaktionen schalten gerade vom Nachtbetrieb aufs Tagesgeschäft um. In Los Angeles ist es sechs Uhr morgens, in Berlin 15 Uhr nachmittags, in Moskau 17 Uhr nachmittags, in Peking 21 Uhr abends, in Sydney 23 Uhr nachts. Es ist der einzige Zeitpunkt des Tages, an dem fast die ganze Welt wach ist. Im Süden Manhattans fliegt ein Passagierflugzeug in den Südturm des World Trade Centers und setzt die Medienmaschinerie der Welt in Bewegung.

Ein CNN-Kamerateam filmt den Einschlag des Flugzeugs. Agenturjournalisten auf dem Weg zur Arbeit informieren ihre Kollegen in den New Yorker Redaktionen telefonisch über das Ereignis. Wenige Minuten später ist die Nachricht auf dem Draht. Fernsehsender zeigen live Bilder vom brennenden World Trade Center. Noch ist allerdings nicht klar, dass es sich um einen Terroranschlag handelt. Die Nachricht lautet: „Flugzeug fliegt ins World Trade Center“.

Erst durch den zweiten Einschlag wird deutlich, dass die Flugzeuge mit Absicht in das Gebäude gesteuert wurden. Aus dem „Unglück“ wird ein „Attentat“. Im World Trade Center arbeiteten Menschen aus über 80 Nationen. Als der Nordturm vor den Augen von Millionen Fernsehzuschauern einstürzt, fühlen sich Menschen in aller Welt angegriffen. Mit den Türmen fällt ein Symbol der wirtschaftlichen Macht des Westens. Kurz darauf werden mit dem Pentagon und dem Weißen Haus Symbole der militärischen und politischen Macht angegriffen.

Der 11. September 2001 kann als Extremereignis bezeichnet werden, das kommunikative Routinen sowohl innerhalb der Medien als auch bei den Rezipienten aufgebrochen hat. Damit eine Nachricht als „extrem“ – oder in der Agentursprache als „Stufe 1“ – empfunden und eingestuft wird, muss sie bestimmte Kriterien erfüllen, die zunächst mit den üblichen Nachrichtenwertfaktoren wie Aktualität, Nähe - hier eher politische und kulturelle als geographische Nähe - und Identifikation übereinstimmen. Zusätzlich muss das Ereignis sehr überraschend und die Folgen außergewöhnlich schlimm oder unvorhersehbar sein. Weder Journalisten noch Rezipienten hatten am 11. September 2001 mit einem solchen Unglück oder gar solchen Anschlägen gerechnet, und allein durch die geschätzte Anzahl von über zehntausend Toten war der materielle und vor allem der emotionale Schaden beinahe unvorstellbar groß. Viele Menschen empfanden ihre Sicherheit als gefährdet, vielleicht auch weil Medien und Politiker schnell davon sprachen, dass nichts mehr so sein werde wie es einmal war, dass „Amerika und vielleicht sogar die Welt ein neues Zeitalter des Terrors betreten hatte“ (vgl. Dudziak, 2003: 2).

Zusätzlich waren die Zeitpunkte und Orte der Anschläge so gewählt, dass die Voraussetzungen für eine weltweite Liveübertragung und Livebeachtung geradezu ideal waren. Insbesondere in New York und speziell in Manhattan gibt es so viele Redaktionen und Nachrichtenagenturen wie an kaum einem anderen Ort der Welt. Die Terroristen haben – ob absichtlich oder unabsichtlich - die Anschläge vor den Augen der Journalisten begangen, so dass die Nachricht direkt an die Welt weitergeleitet werden konnte.

Bilder - die Katastrophe visualisieren

Im Gegensatz zu beispielsweise dem Tsunami, der in Südostasien Weihnachten 2004 schwere Schäden und viele Tote verursachte, waren die Kamerateams und Journalisten bei den Anschlägen in New York direkt vor Ort. Die technische Infrastruktur, die für eine Live-Übertragung benötigt wird, war (und ist) in Manhattan bereits vorhanden. Zusätzlich hielten viele Augenzeugen – Professionelle und Amateure –den brennenden Turm mit ihren Kameras fest. Dadurch war Bildmaterial im Überfluss vorhanden.

Eine Nachricht ohne Bilder lässt sich schwer vermitteln, besonders wenn es sich um eine so unglaubliche Nachricht handelt wie „Flugzeug fliegt ins World Trade Center“. Bilder verleihen Glaubwürdigkeit und helfen, eine Nachricht zu verstehen. Die Bilder des 11. September 2001 übermittelten zusätzlich zur sachlichen Information auch die Botschaft, dass die Skyline Manhattans zerstört und Amerika damit zumindest symbolisch getroffen war. Die Bilder unterstrichen und konkretisierten die Worte, mit denen Journalisten ihren Zuhörern und Zuschauern die Situation zu schildern versuchten. Sie halfen den Leuten, sich das Unvorstellbare vorzustellen.

Einen Beleg für die Wichtigkeit der Bilder am 11. September 2001 liefert das Verhalten der deutschen Bevölkerung im Hinblick auf die Mediennutzung und Kommunikation. Nachdem sie von den Anschlägen erfahren hatten, suchten die meisten Menschen im Fernsehen nach weiteren Informationen, soweit sie die Möglichkeit dazu hatten (vgl. Emmer 2002: 171).

Verbreitung der Nachricht in Deutschland

Ein Extremereignis führt dazu, dass kommunikative Routinen aufgebrochen werden, das heißt die Medien reagieren schnell und umfassend, und auch die Rezipienten ändern ihr Informations- und Kommunikationsverhalten grundlegend. Alle anderen Nachrichten werden durch das Extremereignis in den Hintergrund gedrängt. Peter M. Gehrig, Chefredakteur von Associated Press Deutschland (APD), erklärt im Interview beispielsweise, dass sich die Redaktion am 11. September 2001 nur noch mit Themen rund um die Anschläge befasste und versuchte, Hintergrundinformationen unterschiedlichster Art zusammenzustellen. Die meisten Fernseh- und Radiosender unterbrachen ihr Programm, um so genannte breaking news zu senden oder zumindest Respekt gegenüber den Opfern zu zeigen, wie es unter anderem der Musiksender VIVA mit einer Textbotschaft versuchte. Viele Menschen ließen buchstäblich alles stehen und liegen, als sie von den Anschlägen erfuhren, und versuchten andere zu informieren und weitere Informationen zu bekommen.

Eine repräsentative Umfrage der TU Ilmenau in Deutschland ergab, dass um 15:30 Uhr – also rund eine halbe Stunde nach den Anschlägen auf das WTC – bereits die Hälfte der Deutschen davon erfahren hatte. Innerhalb einer Stunde wussten etwa 70 Prozent von der Nachricht, und vor 20 Uhr – also noch vor der Tagesschau – waren bereits über 90 Prozent informiert. Die Tageszeitungen, die am nächsten Morgen erschienen, spielten kaum noch eine Rolle für die Verbreitung der Nachricht, da mit über 90 Prozent schon eine nahezu vollständige Durchdringung erreicht war.

Wann und durch welches Medium eine Person die Nachricht erhielt, war hauptsächlich davon abhängig, wo sie sich gerade aufhielt: Zu Hause, wo sich immerhin 46 Prozent der Befragten befanden, erfuhren fast drei Viertel der Leute durch das Fernsehen von den Ereignissen in den USA. „Unterwegs“ war bei fast 58 Prozent das Radio die erste Informationsquelle. Diese beiden Ergebnisse überraschen weniger, da das Fernsehen zu Hause ebenso wie das Radio im Auto als Begleitmedium genutzt wird. Am Arbeitsplatz erfuhren mit 39,5 Prozent der Befragten mehr durch andere Personen von den Ereignissen als durch andere Medien. Offenbar teilten gerade Personen, die sehr früh informiert waren, ihr Wissen mit anderen Menschen. Der 11. September als Extremereignis löste ein Mitteilungsbedürfnis aus, das „normale“ Nachrichten wie die Haushaltsdebatte im Bundestag nicht anzustoßen vermögen: „Fast 60 Prozent wurden aktiv, um andere in Kenntnis zu setzen“ (Emmer u.a. 2002: 173).

Viele wollten aber nicht nur mit anderen über das Gehörte und Gesehene sprechen, sondern mehr erfahren. Die Studie ergab, dass sich mehr als 90 Prozent der Befragten weiter informierten. Besonders viele wandten sich den Sondersendungen im Fernsehen zu, soweit sie nicht bereits davor saßen: insgesamt waren es etwa 66 Prozent, die das Fernsehen einschalteten oder umschalteten. An zweiter Stelle folgt das Radio, das immerhin gut 10 Prozent zur weiteren Information nutzten. Das Internet wurde hauptsächlich am Arbeitsplatz und von Leuten genutzt, die bereits durch das Netz von den Anschlägen erfahren hatten. Wie im Abschnitt über die Internetnutzung gezeigt wird, gab es im Vergleich zu normalen Tagen außergewöhnlich viele Zugriffe auf bestimmte Websites, so dass einige Anbieter die Datenmenge ihres Angebots verkleinern und beispielsweise auf Grafiken, Videos und Ähnliches verzichten mussten. Die Webnutzer konnten am 11. September daher die Multimedialität und damit das große Plus des Internet nicht nutzen. Das Fernsehen dagegen konnte „[…] alle seine Vorteile ausspielen: Glaubwürdigkeit, Visualität und Aktualität.“ (Emmer u.a. 2002: 171).

Die Ergebnisse der Studie müssen allerdings kritisch gesehen werden. Die Befragung wurde erst im Januar und Februar 2002, also vier bis fünf Monate nach den Anschlägen durchgeführt, so dass man von den Befragten kaum noch eine detaillierte Erinnerung erwarten kann. Allerdings graben sich extreme Erlebnisse wie die Anschläge vom 11. September tief in das Gedächtnis ein. Man kann daher davon ausgehen, dass die abgefragten Informationen besser erinnert wurden als von anderen Ereignissen, muss aber dennoch Verschiebungen in den Ergebnissen durch eine lückenhafte Erinnerung berücksichtigen.

Fernsehberichterstattung

Die Ästhetik der Bilder

Schauplatz: Ein Klassenzimmer der ‚Emma E. Booker elemantary school’ in Sarasota, Florida. Datum: 11. September 2001, kurz nach 9:00 Uhr (Zitat-Link - Stand: 15.08.2006)

Es ist keine leichte Aufgabe, die an diesem Morgen auf Andrew Card wartet. Der Stabschef des Präsidenten der USA muss seinen Chef über die Ereignisse in New York informieren, zu einem Zeitpunkt, an dem ihm und der ganzen Welt noch völlig ungewiss ist, wie groß das Ausmaß der Terroranschläge ist. Den Augenblick selbst wird Card wohl nie vergessen. Ebenso wenig wie Millionen Fernsehzuschauer, denn die Momentaufnahme ging um die Welt: Card, wie er in einem dunklen Anzug und mit gepunkteter Krawatte auf Bush zugeht, ihm kurz etwas ins Ohr flüstert und sich dann, so unscheinbar wie er gekommen war, wieder zurückzieht. Wäre die Situation eine andere gewesen, man hätte ihm vermutlich nicht viel Aufmerksamkeit geschenkt. Doch die Nachricht, die er dem Präsidenten überbrachte, hatte es in sich. Sie sprach wahrlich Bände - zunächst in George Bushs Gesicht, das plötzlich blass und versteinert wirkte - wenig später in zahlreichen Fernseh-Sondersendungen. Card entschied sich für eine Formulierung, die seinem Präsidenten schnell, präzise und unmissverständlich das Unbegreifliche begreiflich machen sollte. Er wählte die Worte: „America is under Attack.“ (Zitat-Link - Stand: 15.08.2006) Eine Bezeichnung, die die Medien später im Zuge ihrer Berichterstattung aufnehmen sollten und als Schlagzeilen nutzten. Denn das Ziel und der Zweck einer Überschrift ist es, Zeitungsleser oder zappenden Zuschauer prägnant und verständlich mitzuteilen, was auf der Welt los ist. (Blum, Joachim und Bucher, Hans-Jürgen 1998: 30)

An diesem Tag nahm „zweifellos […] das Fernsehen in den ersten Stunden nach den Anschlägen die größte Bedeutung unter allen Medien ein.“ (Uhl, Stefan 2003: 96) Die Headline spielte daher eine besonders große Rolle, CNN entschied sich für ‚America under attack’, RTL für ‚Terror gegen Amerika’, die ARD-Tagesthemen machten mit ‚Terror gegen die USA’ auf und Kabel 1 nannte sein Sonderprogramm ‚Krieg gegen Amerika’. Das ZDF benutzte keine Headline und stach damit aus dem Getümmel der sich auftürmenden Sonderberichtserstattungen und -sendungen heraus. Wie gebannt saßen die Zuschauer vor den Fernsehgeräten und sahen wieder und wieder, wie die Flugzeuge in die Türme des World Trade Centers einschlugen. (Buttler, Joachim 2003:27) Die Gründe für die Anziehungskraft dieser Bilder sind laut Buttler eine Kombination aus unterschiedlichen Elementen, zu denen der Mythos des World Trade Centers [WTC], die apokalyptische Bildsprache und die Ästhetik des Schreckens gehören, die die Berichterstattung prägten. (Buttler, Joachim 2003:27-41)

Die Bedeutung des World Trade Centers ging über das bloße Dasein zweier Türme weit hinaus. Das WTC prägte die Skyline Manhattans und hob sich gleichzeitig durch seine geradlinige geometrische Grundform von ihr ab. Mit 130 000 Menschen, die dort Tag ein Tag aus zur Arbeit gingen erinnerte es mehr an eine eigene Stadt als an ein Gebäude. Die beiden Türme galten als das ‚Symbol der amerikanischen Wirtschaftskraft’, in ihnen sah man das ‚Herz der Supermacht USA’ . (Buttler, Joachim 2003:29) Sie strahlten Macht und Status aus und „auch das Bombenattentat einer islamischen Terrorsekte 1993 änderte nichts an der medialen Überhöhung und Glorifizierung der Türme.“ (Zitat-Link - Stand 14.08.2006) Indem die Terroristen das World Trade Center in New York und das Pentagon, die militärische Zentrale der USA, in Washington D.C. als Ziele auswählten, verfolgten sie die ‚Tradition der symbolischen Tat’, indem sie „…die Zeichen dieser Macht […] in einem monumental inszenierten Bildersturm“ zu zerstören suchten. (Buttler, Joachim 2003:35)

Interessant ist, dass sich die Bildsprache sofort an die Geschehnisse anpasste. So waren laut Buttler die am meisten verwendeten Ausdrücke und Metaphern in Kommentaren ‚Apokalypse’ und ‚babylonischer Turmbau’. „In der bildlichen Ausdrucksform der Apokalypse richtet sich Gottes Strafgericht am Jüngsten Tag nicht nur gegen die sündige Menschheit, sondern auch gegen ihre Türme […]“. (Buttler, Joachim 2003:35)

BILD!!! Kommt nach Upload Freischaltung

Vor diesem Hintergrund lässt sich erklären, warum die Bilder, die man sonst nur aus Hollywood-Produktionen wie ‚Independence Day’ kennt, Zitat-Link - Stand 12.06.2006) sowohl Abscheu als auch Faszination hervorrufen. Fasziniert waren die Menschen insbesondere von der so genannten ‚Terrorschleife’. „Man sieht den Nordturm des World Trade Center in den strahlend blauen Himmel ragen, dunkle Rauchwolken quellen aus seiner Spitze und umhüllen den Sendemast, pfeilschnell nähert sich ein Flugzeug, verschwindet hinter dem Nordturm und im nächsten Moment wächst statt des Flugzeugs ein Feuerball hinter dem Quader des Turms ins Bild […]“. (Buttler, Joachim 2003:28)

Daran wird deutlich, dass die Faszination der Aufnahmen ebenso durch Farbe und bildlichen Aufbau ausgelöst wurde. In diesem Zusammenhang wäre es Spekulation zu behaupten, dass die Bilder vom Kollaps des WTC eine andere, weniger erschreckende und ästhetisierende Anziehungskraft gehabt hätten, wären sie an einem regnerischen und Wolkenverhangendem Tag aufgenommen worden.

Buttler geht noch einen Schritt weiter, indem er die ständige Wiederholung der immer gleichen Aufnahmen als ‚Terror der Bilder’ bezeichnet und damit die modernen Errungenschaften der Medien in Frage stellt, wenn er sagt: „Das Vermögen der globalen Mediengesellschaft, sofort ‚live’ auf Sendung zu gehen und in einem doppelten Salto gleichzeitig mitzuteilen, dass diese Bilder den Globus bereits umrundet hätten, blies die symbolische Tat des Anschlags zu einem Phänomen der Sensationsästhetik auf.“ (Buttler, Joachim 2003:40)

Die Mediengesellschaft konnte sich demzufolge nicht vor der folgenden ausufernden Bilderflut retten und bekam die Bilder immer und immer wieder gezeigt, ohne dass neue Informationen damit verbunden waren.

Der Umgang deutscher Fernsehmoderatoren mit dem Ereignis 11. September 2001

Da das Fernsehen bei der Berichtserstattung über die Terroranschläge, wie bereits in Kapitel 3.1 erwähnt, an diesem Tag die wichtigste Informationsquelle darstellte, spielten die Moderatoren als journalistische Persönlichkeiten und Gesichter der Sondersendungen eine besonders große Rolle. Laut des ehemaligen ‚Tagesthemen’-Moderators Hanns Joachim Friedrichs gehören zu den zentralen Kernaufgaben eines Moderators auch, sich die Beiträge vor der Sendung anzusehen, die eigene Spreche zu schreiben und täglich viel zu lesen, um sich Hintergrundwissen anzueignen. (Schult, Gerhard und Buchholz, Axel 2000: 110-111)

Darüber hinaus ist es seine Funktion die Nachrichten sachlich und nüchtern zu präsentieren. „Betroffenheit der Zuschauer wird durch den behandelten Stoff bewirkt und nicht durch die Moderation.“ (Schult, Gerhard und Buchholz, Axel 2000: 108) Dass der 11. September 2001 für die Moderatoren eine Ausnahmesituation war, soll der folgende Vergleich zwischen Steffen Seibert von ZDF heute und Peter Kloeppel von RTL aktuell zeigen. Der Fokus liegt dabei auf der Organisation der Sondersendungen und wie die Moderatoren ihre Aufgaben einschätzten und bewältigten und mit ihren Gefühlen umgingen.

Zu Beginn der Sondersendung des ZDF war Improvisation gefragt. Steffen Seibert berichtet, dass er nicht an seinem gewöhnlichen Arbeitsplatz moderierte, sondern „[…] an einem schnell herbeigeholten Honky-Tonk-Tischchen […]“ und „das war nicht unsere [die] normale Spezial-Deko“. (Uhl, Stefan 2003: 120)

Ob er einen eigenen Monitor zur Verfügung hatte, daran kann sich Seibert nicht mehr erinnern, allerdings verpasste er den Einsturz des ersten Turmes, was Uhl auf die oben beschriebenen Umstände zurückführt. Seibert selbst beschreibt dies als ‚Moderatoren-Albtraum’. Schwierig war es für ihn darüber hinaus, aus der Fülle des Agenturmaterials, das ihm von Zeit zu Zeit gereicht wurde, Vordringliches auszuwählen, da er nicht wie Kloeppel einen eigenen Computer zur Verfügung hatte und das aktuelle Agenturmaterial nicht selbst und live sichten konnte. Bei RTL verlief der Start der Sondersendung insgesamt ruhiger, das laufende Programm wurde unterbrochen und Peter Kloeppel konnte von seinem gewohnten Arbeitsplatz aus und mit der angemessenen Technik arbeiten. Uhl schließt daraus, dass „vor allem im Vergleich mit diesen beiden Sendern [gemeint sind hier RTL und N-TV; Anm. d. Verf.] […] die öffentlich-rechtlichen Sender ihre Flexibilität und Organisationskompetenz in der frühen Phase der Berichterstattung vermissen [haben] lassen.“ (Uhl, Stefan 2003: 120)

Sowohl Seibert als auch Kloeppel sahen ihre Aufgabe während der Berichterstattung darin, dem Zuschauer eine Stütze zu sein und ihm durch den ‚Informationsdschungel’ zu helfen, wobei es beiden ebenso wichtig war, ihre eigene Unsicherheit zum Ausdruck zu bringen. Aufgrund der Live-Berichterstattung hatten sie oftmals keinen Informationsvorsprung – eine Ausnahmesituation im Journalismus - und mussten zeitweise spontan kommentieren. Peter Kloeppel: „Natürlich gab es Situationen während dieser Moderation, vor allem in den ersten drei Stunden, in denen ich fassungslos vor den Bildern saß, die ich zu kommentieren hatte. Man darf aber auch dann nicht in Sprachlosigkeit verfallen. Die Fassungslosigkeit wird bei mir teilweise dadurch aufgefangen, dass ich mich zwingen muss, weiter zu arbeiten und weiter zu kommentieren. Und man muss klar sagen, dass es zu meinem Beruf dazugehört, dass ich in solchen Situationen in der Lage bin, die richtigen Worte zu finden und versuche zu erklären, was gerade passiert.“ (Zitat-Link - Stand: 12.06.2006) Aufgrund dessen spielten hier die Erfahrung und Allgemeinbildung der Moderatoren eine entscheidende Rolle, Seibert selbst sagt: „So fehlerhaft ich das, glaube ich, am 11. September bewältigt habe, so hätte ich es trotzdem zwei Jahre vorher nicht gekonnt – ganz undenkbar.“ (Uhl, Stefan 2003: 123)

Peter Kloeppel hatte bei seiner Moderation den Vorteil, dass er bereits als Korrespondent in New York gearbeitet hatte und die Stadt sehr gut kannte. Um nicht permanent die Bilder kommentieren zu müssen, konnte er daher auch Informationen über die Stadt an den Zuschauer weitergeben und ihm so eine Art Gerüst aus Hintergrundwissen vermitteln. (Uhl, Stefan 2003: 122-123)

Auch hieran erkennt man, dass der 11. September 2001 eine Ausnahmesituation für die Medien darstellte, da die Moderatoren nicht, wie oben beschrieben idealerweise ihre Spreche vorher selbst schreiben oder die Beiträge zuvor sichten konnten. Mit ihren Gefühlen gingen beide Moderatoren sehr unterschiedlich um. Während Seibert sich über den allgemeinen Konsens – Emotionen sollten in Nachrichtensendungen nicht gezeigt werden – hinwegsetzte und mit seinem zugeschalteten Kollegen über seine Empfindungen sprach, lehnte Kloeppel dies ab. „Wenn einer, der im Studio sitzt schon zeigt, dass er in irgendeiner Weise Angst hat, was sollen dann die Menschen draußen denken?“ (Uhl, Stefan 2003: 124) Seibert hingegen begründete seinen Schritt damit, dass das etwas war, „[…] was ich sonst immer vermeiden würde, aber ich hatte auch so etwas noch nie erlebt und es schien mir in dem Moment natürlich. Es war seelisch erleichternd.“ (Uhl, Stefan 2003: 124)

Trotz unterschiedlicher Arbeitsweise sind beide Moderatoren kurze Zeit später für ihre Arbeit ausgezeichnet worden, Kloeppel mit dem Mitteldeutschen Medienpreis „Hans Klein“ und dem Adolf-Grimme-Preis, Seibert erhielt die Goldene Kamera.

In Anbetracht der Unsicherheit und Schwächen, die die Dauermoderationen dennoch gezeigt haben, wäre über eine verstärkte Aus- und Weiterbildung der Moderatoren nachzudenken, die sie speziell auf solche Ausnahmesituationen vorbereitet und ihnen gestattet, nicht allein auf Erfahrung und Allgemeinbildung zurückgreifen zu müssen.

Die Rolle von CNN am 11. September 2001

CNN genießt einen hohen Status in Amerika im Nachrichtenmarkt und hat sich als globale Nachrichten Marke etabliert. Sie sehen sich selbst als Amerikas Nachrichten Netzwerk Nr. 1.

Eine Aussage von Kofi Anan über den Stellenwert von CNN macht dies deutlich: „CNN enjoys country status, because when an issue is not on CNN, it does’nt exist for most of the people:“ (Zelizer, Barbie und Allen, Stuart 2002: 52)

Somit ist CNN ein Teil der Realität, da sie den Beweis liefern, dass Ereignisse tatsächlich geschehen und gleichzeitig der ganzen Welt zugänglich macht. Alles wird in die Wohnstuben nach Hause geliefert. Die Welt rückt zusammen.

Auch der Politik ist die Rolle von CNN in der Öffentlichkeit bewusst. Es kam heraus, dass beispielsweise Wolf Blitzer, politischer Korrespondent des Senders, schon vorab Informationen vom Pentagon über anstehende Entscheidungen erhielt, bevor überhaupt die dafür vorgesehene Pressekonferenz stattfand. Der US Öffentlichkeit ist bewusst, wenn ein CNN Reporter mit Anzug und Krawatte vor den Stars and Stripes berichtet, dass es um politische Entscheidungen geht. (Zelizer, Barbie und Allen, Stuart 2002:: 54)

Kritiker von CNN vertreten die Meinung, dass CNN Sprachrohr der US Regierung und des US Militärs sei. Dies begründen sie mit dem Aufstreben des Senders nach dessen Irakberichterstattung, die ihn erst so richtig groß machte. CNN war damals der einzige Sender, der an der Seite des amerikanischen Militärs berichten durfte und auf irakischem Boden war. CNN weist jegliche Kritik zurück. Der Sender vertrete keinen American Point of View, sondern sorge für eine weltweite, objektive Berichterstattung.

Die Präsenz in der Öffentlichkeit ist groß. In Hotels, auf Flughäfen, mittlerweile auch auf dem Handy, ist CNN vertreten.

Die Rund um die Uhr Berichterstattung von CNN mit ihrem 24/7 Modell kommt dem Sender bei den Ereignissen des 11. September 2001 zu Gute. Zudem spielt der Standort der Ereignisse eine wichtige Rolle. New York als Medienzentrum verfügt über ein riesiges Nachrichtennetzwerk und eine perfekt ausgestattete Infrastruktur. Man ist hervorragend vorbereitet und kann sofort live vor Ort auf Sendung gehen um zu berichten. Darüberhinaus wird auch über Reaktionen aus anderen Teilen der Welt berichtet. CNN war bei diesem Ereignis perfekt aufgestellt und lieferte die schrecklichen Bilder des Terroraktes in alle Welt.

Kritik an CNN

Die US Medien werden nach den Anschlägen sehr patriotistisch. Dies wird auch bei CNN deutlich.

CNN schrumpfte nach dem 11. September auf einen reinen American News Broadcaster. Sie beschränkten sich auf amerikanische Nachrichten – der Selbsternannte „Leader of world news“ grenzt sich selbst in seiner Berichterstattung ein.

Bush und Bin Laden werden während des Medienspektakels zu Propaganda Instrumenten, um Herzen und Gesinnung der Leute zu gewinnen und um international militärische Unterstützung zu buhlen.

CNN leidet an einer einseitigen Berichterstattung. Die amerikanische Sichtweise steht zentral im Fokus. Die eingeblendeten Headlines: America under Attack, America’s New War, War against Terror belegen dies.

Diese Kritik unterstellt CNN nicht mangelnde journalistische Medienkompetenz oder Nachrichtenverständnis, sondern wirft ihr lediglich vor, ihre Berichterstattung einseitig auszurichten. (vgl. Zelizer, Barbie und Allan, Stuart 2002:54)

Die rund um die Uhr Berichterstattung 24 Stunden, 7 Tage die Woche wird auch als schädlich empfunden, da es eher zu Abstumpfung der Zuschauer führt und nicht zur Vertiefung und engeren Auseinandersetzung mit den Ereignissen. Es wird oberflächlich wiederholt, statt inhaltliche Akzente zu setzen. Es findet eine Übersättigung durch das immer wiederkehrende Bildmaterial statt.

Die schärfste Kritik, die sich auch leider bestätigte, war die, dass CNN Bildmaterial zu den Ereignissen des 11. Septembers 2001 einspielte, das jubelnde Palästinenser im Gaza Streifen zeigte, das bereits 1991 beim Irak Krieg gedreht worden war. CNN suggerierte mit diesen Bildern aktuelles Geschehen nach den Anschlägen. Jubeln und Feiern im Nahen Osten. CNN erschuf eine Realität, die so gar nicht existierte.

Dies ist aufgrund des Stellenwertes von CNN in der westlichen Welt und vor allem beim amerikanischen Volk verheerend. CNN hat eine überzeugende Wirkung bei der Öffentlichkeit. Die Menschen schenken dem Vertrauen, was CNN berichtet. Die Leute glaubten, CNN sei so groß und mächtig, dass sie sofort Hintergrundstories liefern können und auf jedem Teil der Erde Reaktionen einfangen können, um diese postwendend in die Welt hinauszuschicken.

Dies zeigt deutlich, dass sich auch Medien instrumentalisieren lassen und eine Kontrolle, gesundes Misstrauen und kritische Reflexion der Berichterstattung seitens der Gesellschaft vorhanden sein muss, um sich vor Manipulation zu schützen.

Radioberichterstattung

Unmittelbar nach den Anschlägen auf die Tower des World Trade Center gingen auch die Radio Auslandskorrespondenten auf Sendung und berichteten augenblicklich von den Geschehnissen, die sich vor ihren Augen scheinbar unfassbar abspielten. Die WDR Korrespondenten Thomas Nehls und Horst Kläuser waren live vor Ort und versuchten die Situation in Worte zu fassen. Kein leichter Job, denn im Radio gibt es nur diesen einen Kommunikationskanal. Das Wort. Doch Sprache vermag viel auszudrücken, was die beiden Korrespondenten unter Beweis stellten. Alles was sie sahen und vernahmen, musste in sekundenschnelle erfasst und vermittelt werden. Auf unterstützende Bilder, die die Fernsehsender lieferten, konnte nicht zurückgegriffen werden. Es galt die schrecklichen Bilder in den Köpfen der Hörer herzustellen.

An diesem Tag gingen die Korrespondenten an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. Sie mussten in dieser Situation einen kühlen Kopf bewahren und ihrer Arbeit nachgehen. Dabei waren sie persönlich selbst erschüttert und fassungslos über das gerade erlebte. Bei ihrer Berichterstattung spürt man diese innere Aufregung und Fassungslosigkeit. Die professionelle Berichterstattung vermischt sich mit den persönlichen Eindrücken und Gefühlen als direkter Augenzeuge. Durch diese Kombination erhält der Hörer eine genaue Situationsbeschreibung. Die deutlich spürbaren Emotionen in der Stimme der Korrespondenten zeigen, dass die Geschehnisse ein schreckliches Ereignis neuer Dimension darstellt.

Um einen Eindruck zu gewinnen, wie rund um die Uhr von dem Anschlag berichtet wurde und wie Augenzeugen den Tag erlebten, stellt der WDR eine Multimediaschau zur Verfügung, die den Tag und die Berichterstattung zusammenfasst und die Emotionen der Korrespondenten wiederspiegeln.

Foto Thomas Nehls vom Balkon (wird nachgeliefert)

Thomas Nehls war einer der ersten, die auf Sendung gingen und berichtete sofort schon von seinem Balkon seiner Wohnung aus. In einer Entfernung von 3-4 km aus dem 35. Stock eines Hochhauses an der 34. Straße in unmittelbare Nähe des East River - mit freiem Blick in den Süden Manhattans. Zuerst berichtete er für den WDR, auf WDR 2. Anschließend für die gesamte ARD. Thomas Nehls erinnert sich, dass er ungefähr 2 ½ Stunden nach den Anschlägen im Studio ankam und Non-Stop 56 Stunden berichtete. (Zitat-Link - Stand: 06.06.2006)

Der Deutschlandfunk berichtete vom 11. auf den 12. September 2001 20 Stunden live. Laut Pressemitteilung wurden 160 Beiträge zu diesem Ereignis gesendet. Das aktuelle Nachrichtenangebot wurde durch Korrespondentenberichte, Interviews, Reportagen und Hintergrundberichte ergänzt. Darunter eine Rede des damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau, das am Mittwochmorgen bundesweit ausgestrahlt wurde.

Wie bedeutend, dass Ereignis für die Öffentlichkeit war, zeigt auch die Kindersendung „Kakadu“ des Deutschlandfunks, die den Terroranschlag zum Thema machte. Der Chef der Nachrichtenredaktion, Thomas Wiecha, erklärte den jungen Hörern die Hintergründe der Situation.


Internetberichterstattung

Als der Nordturm zusammenstürzte kollabierten tausende von Telefonleitungen. Selbst einige TV- und Radiostationen verloren ihre Transmittertower mit dem World Trade Center. Das Telefonnetz brach fast gänzlich in und um New York zusammen. Erst Stunden später gab es wieder eine Verbindung.

Um sich weiter über den Terroranschlag zu informieren und mit Verwandten, Freunden und Bekannten Kontakt aufzunehmen, wählte sich Amerika ins Netz ein.

Alle amerikanischen major Newssites waren überrascht vom Traffic. Binnen weniger Minuten waren sie nicht mehr in der Lage effizient zu arbeiten, da die Server den Ansturm der User nicht Stand hielten. Das Ausmaß dieses Ansturms belegen diese Zahlen:

MSNBC.com registrierte 400.000 Hits gleichzeitig. CNN 9 Millionen Hits pro Stunde. An diesem Tag wurden bei CNN.com 162 Millionen Aufrufe registriert. An einem normalen Tag sind es lediglich 14 Millionen. CNN.com, MSNBC, ABC News, CBS.com, FoxNews.com waren zeitweise nicht mehr erreichbar. Genauso wie die Websites der beiden Fluglinien American Airlines und United Airlines, deren Flugzeuge zuvor für die Anschläge entführt worden waren. (vgl. Zelizer, Barbie und Allan, Stuart 2002: 109)

Auch in Deutschland war die Überlastung im Web zu spüren. Viele Newsportale, darunter auch wdr.de oder Spiegel online speckten ihr Internetangebot daraufhin ab und konzentrierten sich auf die aktuelle Berichterstattung über die Katastrophe. Auch der deutsche Musiksender VIVA setzte sein Internetangebot sowie sein Fernsehprogramm aufgrund der Geschehnisse in den Vereinigten Staaten kurzerhand aus.

Die Menschen hatten ein riesiges Informationsbedürfnis und suchten gezielt im Web nach Hintergrundinformationen. Erste Anlaufstelle waren dabei natürlich Suchmaschinen, sowie die großen Nachrichtenportale. Als diese teilweise nicht mehr erreichbar waren, wichen die User auf andere Dienste und Websites aus. Die Dezentralität und das unglaubliche breite Spektrum des Internets zeigte nun seine Stärke.

Ausländer suchten gezielt nach Angeboten auf US Sites, um Informationsmaterial zu bekommen. Durch die entstandene Überlastung gingen hingegen US Bürger auf internationale Seiten. Favorit war die BBC, die durch ihre Multimodalität mit Videos, Bildern und Infografiken ein reichhaltiges Angebot zur Verfügung stellte.(vgl. Zelizer, Barbie und Allan, Stuart 2002:110)

Das Internet wurde zudem als Kommunikationsmedium zwischen Familie und Freunden eingesetzt. E-Mails, Instant Messaging, Online Communities, sowie Mailing Lists wurden rege genutzt, um über den Gesundheitszustand und das Wohlbefinden zu informieren. Nachrichten auf Firmenwebsites wurden für Arbeiter, deren Familien und Kunden bereitgestellt. Sie nutzten Websites zur Information über die eigene Lage. Nicht nur positives wurde berichtet. Auf einigen Seiten teilte man auch offiziell den Tod von Kollegen mit.

Das Rote Kreuz stellt sofort Websites ins Netz, die zur Blutspende für Verletzte aufriefen. Sie schicken eigene Reporter Teams nach New York, um die Websites mit aktuellen Informationen zu füllen.

Die New Yorker Feuerwehr baute ein Informationsportal auf. Lieferte aktuelle Fotos vom Geschehen, stellt Audios, Links und Archive zur Verfügung und spezielle Audiofeeds, sowie ein Audiocode für Rettungshelfer. Diese Seite brach aufgrund der überzähligen Aufrufe auch kurzzeitig zusammen.

Slashdot.org ursprünglich eine Portalseite über Technik, wandelte sich zur News Seite, und übernahm kurzerhand die Funktionen der großen Nachrichtenportale. Diese und ähnliche Seiten vollziehen Wandlung, um User gemeinsam über die Anschläge zu informieren. Alle Einträge und Fotos waren Augenzeugenberichte von Usern, die sie per E-Mail den verantwortlichen Betreibern schickten und anschließend veröffentlicht wurden. Dadurch entstand eine differenzierte Perspektive der User. (vgl. Zelizer, Barbie und Allan, Stuart 2002: 112)

Auch Morpheus, bis dato ein Peer-to-Peer Programm für Filesharing wurde in einen Newspool umtransformiert. Auf der Hauptseite der Betreiber kam die Meldung: „Now you can do your part to make sure the news will always be available to members of the Morpheus Users Network-Imagine the power of news organization with 20 million reporters around the world. BE THE MEDIA (Hu, J 2001: CNET News.com)

Weblogs werden als „dezentrales news reporting system“ eingerichtet. Viele Menschen beginnen im Web als „Amateur news reporter“ zu publizieren. Die Onlinewelt schafft alternative Point of Views, liefert Hintergrundmaterial zu den Ereignissen und lässt Augenzeugen unmittelbar zu Wort kommen.

Diese Weblogs halfen auch den normalen Journalisten, die in den Redaktionen völlig überlastet und überfordert waren, während sich die Ereignisse überschlugen. So lieferte das Web einen Pool an Stories und gab den Reportern die Möglichkeit mit Augenzeugen und Überlebenden in Kontakt zu kommen.

Es entsteht eine Interaktivität mit der globalen Öffentlichkeit, die sich im Web aufhält. Es findet eine direkte Kommunikation und Auseinandersetzung mit dem Ereignis statt. Diskussion und Debatten werden geführt und das Ereignis aus differenzierten Blickwinkeln beleuchtet. Auch Rachegefühle schwingen im Web mit und es wird nach Schuldigen gesucht. Es bilden sich auch Anti-Muslim Foren. Die Gefahr scheint in unmittelbarer Nähe und die Terroristen nur einen Klick weit entfernt: „For the First time in history we have a war where you can email the enemy” (Hu, J 2001: CNET News.com)

Als eine weitere Nutzenfunktion des Web bedeutet für manche Leute das verfassen von Weblogbeiträgen auch Bewältigung mit dem unmittelbaren Ereignis:„I found that fór me posting videos and sharing these experiences was the best therapy. It’s a modern way of a survicor of a disaster declaring. I’m still alive, look at this website. I got out.” (Hu, J 2001: CNET News.com)

Wie vielfältig das Netz in diesen Stunden genutzt wird und welche hilfreichen Funktionen es hat und sich dynamisch den Ereignissen anpasst, zeigen die zuvor dargestellten Beispiele. Man erkennt, dass das Medium eine zentrale Bedeutung in der Mediennutzung der User erlangt hat und auf gezielte Art und Weise Zugriff genommen wird. Das Web hat sich als Allround Medium in den Köpfen der Öffentlichkeit etabliert.

Quellen

Literaturverzeichnis zum 11. September 2001

Blum, Joachim und Bucher, Hans-Jürgen (1998): Die Zeitung: Ein Multimedium. Textdesign – ein Gestaltungskonzept für Text, Bild und Grafik, Konstanz.

Buttler, Joachim (2003): Ästhetik des Terrors – Die Bilder des 11. September 2001, in: Beuthner, Michael; Buttler, Joachim; Fröhlich, Sandra; Neverla, Irene; Weichert, Stephan A. (Hrsg.), Köln.

Dudziak, Mary L. (Hrsg.) (2003): September 11 in History. A watershed moment? Durham and London.

Emmer, Martin; Kuhlmann, Christoph; Vowe, Gerhard; Wolling, Jens (2002): Der 11. September - Informationsverbreitung, Medienwahl, Anschlusskommunikation. In: Mediaperspektiven 4/2002, S. 166-177.

Kohring, Matthias; Görke, Alexander; Ruhrmann, Georg (1996): Konflikte, Kriege, Katastrophen. Zur Funktion internationaler Krisenkommunikation. In: Meckel, Miriam; Kriener, Markus (Hrsg.). Internationale Kommunikation. Opladen.

Schechter, Danny (2002): Media Wars. News at a time of terror, Bonn. Zelizer, Barbie; Allan, Stuart. Journalism after September 11. New York: 2002.

Schult, Gerhard und Buchholz, Axel (2000): Fernsehjournalismus. Ein Handbuch für Ausbildung und Praxis, München.

Uhl, Stefan (2003): Zwischen Moderation und Emotion: Wie deutsche Fernsehmoderatoren den 11. September bewältigten, in: Beuthner, Michael; Buttler, Joachim; Fröhlich, Sandra; Neverla, Irene; Weichert, Stephan A. (Hrsg.), Köln.

Zelizer, Barbie und Allan, Stuart (2002): Journalism after September 11. New York.

Linkverzeichnis zum 11. September 2001

Bush erhält Kenntnís über Anschlag

America is under Attack

ZDF - Anschläge aufs World Trade Center

Mythos und der 11. September 2001

Interview mit Peter Kloeppel

Landeszentrale Badenwürtemberg zum 11. September

WDR Multimediaerinnerung

WDR - Rückblick auf die Anschläge auf das World Trade Center

WDR Kommentar - Anschlag in den Medien oder Anschlag auf die Medien?

WDR Rückblick - Thomas Nehls

WDR - Anschläge auf USA - Tondokumente

ZDF - Web-Archiv zum 11. September 2001

CNN - War against Terror - Special Report

Bundeszentrale für politische Bildung - 11. September

CNN Video: Erster Flugzeug Einschlag

CNN Video - Trade Center Tower falls

Dekanat Hof: Horst Kläuser zu den Attentaten

Interactive Publishing: Screenshot zum 9/11

Here is New York: Erinnerunggalerie zum 11. September

Referate von Norbert Specker:Mediennutzung im Krisenfall:Weltweite Onlinetrends nach dem 11. September 2001

Spiegel Online: 15 Minuten Reportage über 11. September 2001

Portrait über Thomas Nehls von Reyhaneh Azizi Veranstaltung "Grenzenlos" - Ruhr-Uni Bochum

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