Der Irak-Krieg: Der Krieg im Netzwerk der Kommunikation

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Inhaltsverzeichnis

Vorgeschichte

  • Sept. 2002: Die neue Nationale Sicherheitsstrategie, auch Bush-Doktrin genannt, wird erstmals angewandt. Bei dieser Strategie handelt es sich um einen entscheidenden Umbruch in der US-Außenpolitik: „pre-emptive strikes“ (Präemptionsschläge), die bei vermeintlicher Bedrohung einen unmittelbar bevorstehenden Angriff abwenden sollen, werden zu legitimen Mitteln der US-Außenpolitik erklärt.
  • 12.09.2002: US-Präsident Bush hält eine Rede vor der UNO-Vollversammlung, in der er Hinweis auf mögliche Kriegsgründe gibt und die Entschlossenheit der USA signalisiert, wenn nötig einen unilateralen Krieg zu führen. Diese Rede veranlasst die UNO ihre Waffeninspektionen im Irak zu verschärfen. Der Irak lenkt ein und lässt im November wieder Inspektoren ins Land.
  • 10.10.2002: Der Kongress (296 zu 133 Stimmen) und der Senat (77 zu 23 Stimmen) geben Bush die Legitimation zum Angriff auf den Irak.
  • 08.11.2002: Die Resolution 1441 wird beschlossen. Sie ist der letzte Versuch einer diplomatischen Lösung. In dieser Resolution wird nochmals eine Verstärkung der Waffeninspektionen angekündigt. Der Irak soll alle laufenden Waffenprogramme offen legen und bereits existierende Waffen ausliefern. Die Resolution beinhaltet die ultimative Aufforderung an den Irak, diese und frühere Resolutionen einzuhalten. Im Falle einer Nichtabrüstung drohen „ernsthafte Konsequenzen“, eine Formulierung, die die USA als Freibrief für die Anwendung militärischer Gewalt im Irak interpretieren. Die UN-Waffeninspektoren finden trotz Resolution keine Hinweise auf geheime Waffenprogramme oder auf die Existenz von Massenvernichtungswaffen im Irak.
  • 05.02.2003: Colin Powell spricht vor dem Weltsicherheitsrat der Vereinten Nationen. In einer multimedial aufbereiteten Präsentation liefert er aus angeblich vertrauenswürdigen Quellen der Geheimdienste Beweise für die Existenz mobiler Waffenlabore und eines geplanten Programms für Nuklearwaffen im Irak. Im Nachhinein erweisen sich viele der vorgelegten Beweise als Falschmeldungen und Fälschungen, unter anderem auch ein als Beweis vorgelegtes Dokument über eine Kaufvereinbarung des Irak mit der Regierung von Niger über waffenfähiges Plutonium.
  • 15./16.02.’03: In vielen westlichen Ländern finden Massenkundgebungen gegen eine militärische und für eine Verhandlungslösung des Konfliktes statt. Die größten Kundgebungen gibt es in Großbritannien (London: 2 Millionen), Spanien (landesweit vier Millionen) und Italien (Rom: zwei Millionen). In Berlin demonstrieren 500 000 Kriegsgegner.
  • März 2003: Aufgrund der grundsätzlich verschiedenen Positionen im UN-Sicherheitsrat kommt es zu keiner Einigung über eine weitere Irak-Resolution.
  • 19.03.2003: Bush hält eine Rede an die Nation am Abend vor Kriegsbeginn, in der er Saddam Hussein und seinen Brüdern das Ultimatum stellt, den Irak binnen 48 Stunden zu verlassen. Bush erläutert noch einmal die Gründe der US-Regierung, die für einen sofortigen und unvermeidbaren militärischen Einsatz im Irak sprechen:

My fellow citizens, events in Iraq have now reached the final days of decision. For more than a decade, the United States and other nations have pursued patient and honorable efforts to disarm the Iraqi regime without war. […] Since then, the world has engaged in 12 years of diplomacy. We have passed more than a dozen resolutions in the United Nations Security Council. We have sent hundreds of weapons inspectors to oversee the disarmament of Iraq. Our good faith has not been returned. […] In this century, when evil men plot chemical, biological and nuclear terror, a policy of appeasement could bring destruction of a kind never before seen on this earth. Terrorists and terrorist states do not reveal these threats with fair notice in formal declarations. And responding to such enemies only after they have struck first is not self defense. It is suicide. The security of the world requires disarming Saddam Hussein now.

  • 20.03.2003: In der Nacht zum 20.März beginnen die US-Streitkräfte mit der Bombardierung Bagdads.

(Christa Weber)

Charakterisierung des Irak-Krieges

Der Einsatz von Medien in Kriegszeiten ist ein entscheidender Faktor, der den Charakter eines Konflikts mitbestimmt. In der Analyse vergangener und gegenwärtiger Kriege ist es daher fast zu einer „Selbstverständlichkeit geworden, Kriege über die Art ihrer Berichterstattung zu charakterisieren" (Bucher, 275). So wird auch der Irak-Krieg mit bestimmten Attributen versehen, die auf seine Darstellung in den Medien Bezug nehmen. Die New York Times beschreibt den Krieg in ihrer Ausgabe vom 20. April 2003 als den „ersten wahren Krieg des Informationszeitalters" (zitiert nach Bucher 2004, 275) und gleichzeitig als „most televised war in history" (zitiert nach Bucher 2004, 275). Darüber hinaus hat die Kriegsberichterstattung im Vergleich zur Berichterstattung über frühere Konflikte einige einschneidende Veränderungen erfahren, die für eine Charakterisierung des Irak-Krieges ebenfalls von Bedeutung sind. In den folgenden Abschnitten sollen diese Veränderungen und Besonderheiten der Kriegskommunikation ausführlich dargestellt werden. Zum einen ist die Arbeitssituation der Medien geprägt durch die Konfrontation mit einer professionalisierten Propagandamaschinerie der Regierungen und Militärs, was den Umgang mit offiziellen Informationsquellen und das Einhalten journalistischer Grundprinzipien erheblich erschwert. Zum anderen zeigt sich die Struktur der Kriegskommunikation selbst gewandelt, da das Internet als Informationsmedium an Bedeutung gewinnt. In Form von so genannten Warblogs entwickeln sich neue Informationsangebote, die die Berichterstattung der traditionellen Medien ergänzen. Damit einher geht eine multiperspektivische Darstellung des Konflikts durch Verbindung vielfältiger, auch nicht offizieller Quellen aus der ganzen Welt. Durch modernste Kommunikationstechnologie und höchstmögliche Vernetzung von Informationen wird die Live-Übertragung von nahezu jedem Ort im Kriegsgebiet rund um die Uhr ermöglicht. Das neue Prinzip des in die Truppen eingebetteten Journalisten erweitert zusätzlich die Möglichkeiten für eine noch intensivere Berichterstattung über den Krieg. Im Unterschied zum Golfkrieg von 1990/91, als CNN als einziger Sender vor Ort das Monopol für Bilder aus dem Kriegsgebiet besitzt, ist im Irak-Krieg eine Flut von Bildern und Informationen aus den verschiedensten Quellen verfügbar. Die Konkurrenz durch das Internet, durch andere westliche Sender, aber vor allem auch durch arabische Sender wie Al-Dschasira macht diese Vielfalt an Informationen und Perspektiven möglich.

(Christa Weber)

Verhältnis der Medien zu ihren Informationsquellen

Eine Besonderheit der Berichterstattung über den Irak-Krieg ist die lange Phase der Vorbereitung des Krieges durch das Umfeld der amerikanischen Regierung. Schon wenige Tage nach dem 11. September 2001 beschäftigen sich politische Beraterkreise des Präsidenten mit der Suche nach möglichen Gründen für einen militärischen Einsatz im Irak. Bereits Anfang des Jahres 2002 bezeichnet George W. Bush in einer Rede den Irak öffentlich als „mögliches Ziel eines Militärangriffs“ (Tilgner 2003, 10). In den Monaten zwischen dem 11. September 2001 und dem Kriegsbeginn steht die Regierung Bush vor der Aufgabe, die amerikanische Bevölkerung und die Weltöffentlichkeit systematisch auf einen Krieg gegen den Irak vorzubereiten. In Zusammenarbeit mit professionellen PR-Managern, Militärstrategen und Propagandaprofis wird eine Strategie ausgearbeitet, die alle Kriegsgegner von der Notwendigkeit eines militärischen Eingriffs überzeugen soll. Die US-Regierung muss beweisen, dass der Irak eine akute Bedrohung für die nationale und internationale Sicherheit darstellt. „Die Meister der Öffentlichkeitsarbeit bauen Drohkulissen auf, um die Weltmeinung für eine militärische Auseinandersetzung zu gewinnen“ (Tilgner 2003, 133), so beschreibt der ZDF-Korrespondent Ulrich Tilgner, der während des Irak-Krieges aus Bagdad berichtet, die Vorgehensweise der PR-Berater vor Kriegsbeginn. Der Umgang der Medien mit dieser gezielt eingesetzten und professionell erarbeiteten PR-Strategie aus Propaganda und dem Vortäuschen von Gefahr beeinflusst die Berichterstattung im Vorfeld und während des Irak-Krieges ganz massiv, besonders in den amerikanischen Medien. Das Verhältnis zwischen Medien und ihren Informationsquellen aus Politik, Public Relations und Militär in diesem Krieg bedarf daher einer genauen Analyse, um herauszustellen wie die Berichterstattung von deren Informationsstrategien beeinträchtigt wird.


Medien und professionalisierte Propaganda

Militärstrategen und Regierungen haben im Krieg schon immer Propaganda zur Täuschung der Feinde eingesetzt. Propaganda ist laut Willi Münzenberg eine „Waffe, die es im politischen Kampf konsequent zu nutzen gelte“ (Bussemer 2003, 20), dasselbe gilt in noch stärkerem Maße für den Einsatz von Propaganda in militärischen Auseinandersetzungen. Der Irak-Krieg erscheint deshalb als Sonderfall, weil er über einen Zeitraum von mehreren Jahren hinweg wie ein PR-Ereignis systematisch geplant wird. Seine Organisatoren verfolgen durch sorgfältige Auswahl und Verbreitung von Informationen das Ziel, die eigene Bevölkerung und die Weltöffentlichkeit von der Unabwendbarkeit des Krieges zu überzeugen, wobei sie über ihre tatsächlichen Motive schweigen. Die Kriegspropaganda wird deutlich professionalisiert und zur Täuschung der öffentlichen Meinung eingesetzt. Die Medien spielen dabei eine entscheidende Rolle, denn sie transportieren die Informationen der US-Regierung zum amerikanischen Volk. Die Regierungs-PR nutzt Medien gezielt zur Verbreitung von Botschaften, um die öffentliche Meinung steuern zu können. Die Medien werden somit im Irak-Krieg erstmals integraler Bestandteil der Kriegsvorbereitung, -rechtfertigung und sogar der Kriegsführung.

Die Medien können generell in Kriegszeiten nicht davon ausgehen, dass Objektivität und freie, kritische Meinungsäußerung von der Regierung unterstützt werden. „ […] rarely if ever do armies or governments allow, much less encourage, objective, free, unbiased reporting on wars. […] Those journalistic impulses to write the truth have almost always been warped and bent and twisted under the more powerful forces of national interest, force, propaganda, and ideology” (Katovsky/Carlson 2003, 19). Die Macht der nationalen Interessen und der Einfluss der Propaganda der Bush-Regierung spielen für die Berichterstattung in der Vorbereitungsphase des Krieges eine wichtige Rolle. Es gelingt George Bush und seinen professionellen PR-Beratern mit Hilfe der Medien ihre Version der Wirklichkeit, nämlich die Bedrohung der USA durch das Regime Saddam Husseins, in den Diskursen der amerikanischen Öffentlichkeit zu etablieren. Dabei greifen sie unter anderem auf eine Strategie zurück, die in der Medienanalyse als Framing bezeichnet wird.


Framing des Krieges

Der Begriff des Framing ist aus der Fotografie entlehnt und beschreibt das Phänomen des Einrahmens eines Wirklichkeitsausschnittes durch die Begrenzung der Fotokamera. Dabei wird bereits durch die subjektive Auswahl des Bildausschnitts die Wahrnehmung der Realität durch den Betrachter beeinflusst. Der Fotograf zeigt dem Betrachter, wie er die Wirklichkeit sieht. „The photographer in effect <frames> the photograph and what remains in his or her vision of reality“ (Choi 2004, 30). Dem Betrachter werden somit ein Schema oder ein Rahmen mitgeliefert, durch die die Interpretation des Bildes in eine bestimmte Richtung gelenkt wird. Übertragen auf die Bewertung von Ereignissen, die in unserer Wirklichkeit geschehen, bedeutet Framing, bei der Wiedergabe dieser Ereignisse an einen Zuhörer oder Zuschauer einen subjektiven Interpretationsrahmen mitzuliefern und bestimmte Aspekte hervorzuheben. „To frame is to select some aspects of a perceived reality and make them more salient in a communicating text in such a way as to promote a particular problem definition, causal interpretation, moral evaluation, and/or treatment recommendation for the item described” (Choi 2004, 30). Ein solcher Frame, der bei der Beschreibung eines Ereignisses entsteht, kann beispielsweise über die Massenmedien weiter verbreitet werden. Es können sich auch mehrere Frames zu einem Ereignis entwickeln, die das Ereignis auf unterschiedliche Art interpretieren. Kann sich einer dieser Frames in der Akzeptanz der Rezipienten durchsetzen, so spricht man in der Forschung von einem dominanten Frame. Der Politik- und Kommunikationswissenschaftler Robert Entman untersucht Framing in der politischen Berichterstattung von Nachrichtenmedien und analysiert, wie Frames durch Wortwahl und Kontextualisierung von Ereignissen die Meinung der Rezipienten beeinflussen können. Er geht davon aus, dass ein solcher Frame mehrere Stufen überwinden muss, bis er die Bevölkerung erreicht. Dabei bilden die Medien eine für die Verbreitung wichtige Zwischenstufe. „The predominant <frame> travels from the executive to the other elites to the media, and then to the public” (Lehmann 2005, 65). Da es Aufgabe der Medien ist, Ereignisse für ihre Rezipienten in Zusammenhänge einzuordnen und ihre Bedeutung aufzuzeigen, neigen Medien häufig dazu, vorhandene Frames aus der Politik oder anderen offiziellen Kreisen zu übernehmen. Am ehesten setzen sich die Frames einer Regierung durch, wenn sich die politische Elite im Land einig ist. In diesem Fall entsteht für die Medien der Eindruck, dass jegliche Form von kritischer Berichterstattung und Abweichung von dem Frame unangebracht wäre. „Critical reporting would fall outside the dominant frames“ (Lehmann 2005, 66), denen sich Medien besonders in Kriegszeiten anschließen. So übernehmen und transportieren auch die amerikanischen Medien zu Beginn des Irak-Krieges fast ausnahmslos die Frames, die PR-Experten in Washington entwickeln.

Dominante Frames in der Vorbereitung des Krieges

Im Vorfeld des Irak-Krieges präsentiert der amerikanische Präsident George Bush verschiedene Frames, die für die Legitimation des Angriffs von großer Bedeutung sind. Der wohl einflussreichste dieser Frames ist der des War on Terror, denn dieser Frame prägt entscheidend die amerikanische Politik nach den Anschlägen des 11. Septembers. Der Frame beinhaltet eine Kampfansage des Präsidenten an alle Staaten, die Terroristen ausbilden oder ihnen in irgendeiner Weise Unterstützung bieten. Die Interpretation eines Krieges gegen den Irak als Bestandteil des Krieges gegen den Terror wird unterstützt durch Bushs Benennung der so genannten Achse des Bösen, die von Nordkorea, Irak und Iran gebildet wird. Bush unterstellt diesen so genannten Schurkenstaaten den Besitz von Massenvernichtungswaffen, mit denen sie die Weltsicherheit bedrohen. Dieser Frame ermöglicht es der US-Regierung, eine militärische Aktion gegen diese Staaten als legitimes Mittel zur Abwehr einer permanenten Bedrohung und zur Verteidigung der eigenen Bevölkerung zu rechtfertigen. Der Weg für einen Präventivkrieg wird durch diese Metaphorik geebnet, so sieht es auch Douglas Kellner: „The very notion of an <axis of evil> […] opens the way to arbitrary military intervention“ (Kellner 2005, 48). Der Frame führt letztendlich zur Formulierung der offiziellen Kriegsgründe, der angeblichen Existenz von Massenvernichtungswaffen im Irak, die Saddam an Terroristen weitergeben könnte, und der Beziehungen zwischen Saddam Hussein und al-Qaida.

Die von der <Achse des Bösen> abgeleitete Metaphorik des Kampfes von Gut gegen Böse manifestiert sich deutlich am 28. Januar 2002 in Präsident Bushs Rede an die Nation, in der er auffallend häufig das Adjektiv <evil> verwendet. Die aus dieser Dialektik resultierende Konstellation von <wir> (die USA) gegen <die> (Regime Saddam Husseins) wird Teil der Kriegslegitimation, dient aber gleichzeitig auch dazu, den Widerstand gegen den Krieg im eigenen Land zu unterdrücken. Die Regierung kann durch ihr Framing ein patriotisches Gefühl der nationalen Einheit in der US-Bevölkerung erzeugen. Wer sich gegen die amerikanische Regierung und ihren Präsidenten George W. Bush wendet, ist gegen die USA (<uns>) und wird als unpatriotisch stigmatisiert. Diese Denkweise beeinflusst die Berichterstattung der amerikanischen Medien, die zum Teil selbst der Meinung sind, Regierung und Präsident in Zeiten von Krieg und Gefahr unterstützen zu müssen. „Stressing national unity and patriotism was thus providing a cover for suppressing dissent” (Kellner 2005, 48). Das Erschaffen einer solchen Atmosphäre ist laut Kellner ein geeignetes Mittel, um kritische Stimmen gegen den Krieg bereits im Keim zu ersticken.

Durchsetzung einer neuen US-Außenpolitik

Die Etablierung wirkungsvoller Frames zur Legitimation des Krieges wird begleitet durch ein verändertes außenpolitisches Auftreten der USA. Die Amerikaner versuchen seit Sommer 2002, die Vereinten Nationen zu einer Resolution zu bewegen, die die militärische Durchsetzung einer Entwaffnung des Iraks anordnet. Ein möglicher unilateraler Krieg der USA gegen den Irak steht bereits als einzige Alternative zu einer solchen Resolution fest. Der Tatsache, dass ein unilateraler Krieg gegen den Irak überhaupt in Betracht gezogen wird, geht eine sorgfältige Umstellung der amerikanischen Außenpolitik voraus. Bestandteil dieser Umstellung ist die neue Strategie zur nationalen Sicherheit, The National Security Strategy of the United States. Kellner beschreibt dieses Papier als „new doctrine of U.S. military supremacy, providing justifications for the United States to undertake unilateral and preemptive strikes in the name of <counter proliferation>” (Kellner 2005, 57) und beurteilt dies als „a major shift in U.S. foreign policy” und als „a move towards an aggressive U.S. unilateralism” (Kellner 2005, 54). Damit die eigene Bevölkerung und die Weltöffentlichkeit diesen radikalen Umschwung in der amerikanischen Außenpolitik akzeptieren, muss zunächst sorgfältige Überzeugungsarbeit geleistet werden.


Täuschung der Weltöffentlichkeit

Außenpolitische Operationen sollen künftig wie PR-Ereignisse systematisch geplant werden, um ihre Akzeptanz in der Bevölkerung und vor allem in der restlichen Welt zu gewährleisten. Die amerikanische Regierung beginnt daher schon Ende der 90er Jahre damit, ihre Auslandspropaganda zu modernisieren. Bereits existierende Propagandainstitutionen werden 1999 zur so genannten United States Information Agency zusammengefasst und in das Außenministerium integriert. Dadurch wird die Propagandaeinrichtung zu einer direkt politisch steuerbaren Institution. Zusätzlich wird die Bezeichnung Propaganda durch den neuen Begriff der <Public Diplomacy> ersetzt, einer „Mischung aus Auslandspropaganda, politischem Marketing und Kulturdiplomatie“ (Bussemer 2003, 21). Im Oktober 2001 wird die anerkannte Marketing-Spezialistin Charlotte Beers zur Staatssekretärin für Public Diplomacy ernannt. Sie leitet eine kostenaufwendige „US-Kulturoffensive“ (Bussemer 2003, 21) ein, die das Image der USA in den arabischen Ländern verbessern soll. Der Jahresetat des Außenministeriums für solche PR-Kampagnen beträgt zu dieser Zeit 1,14 Milliarden Dollar. Mit der Auswertung des amerikanischen Images in der westlichen und besonders in der arabischen Welt durch Marketingprofis beginnen die Amerikaner die Vorbereitung ihres Krieges gegen den Terror und gegen den Irak. Die US-Regierung agiert dabei gewissermaßen „auf der Grundlage des PR-Paradigmas“ (Bussemer 2003, 23), um Verbündete für den Kampf gegen den Terrorismus zu gewinnen. „The government took PR to a new level: It is called <perception management> and it treats war as a product to be <rolled out> and promoted. It is serious and systematic” (Schechter 2006, 46). Den Verkauf des Krieges treiben die USA weiter voran, indem sie der Weltöffentlichkeit immer neue Beweise für die Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen im Irak vorlegen, obwohl die UN-Waffeninspektoren keine Hinweise auf die Existenz solcher Waffen finden können. Der Kriegsreporter Peter Scholl-Latour fasst die Bemühungen der USA, die UN zu einer Entwaffnung des Irak zu drängen, als ein großes Täuschungsmanöver auf: „Wir sind noch nie so irregeführt worden, wie bei diesem Krieg. Dieser Krieg war vom 11. September 2001 an eine beschlossene Sache. Das ganze Gezerre vor der UNO war ja nur eine Täuschung der Öffentlichkeit […]“ (Scholl-Latour in einem ZDF-Interview vom 30. März 2003).

Höhepunkt dieser Täuschung ist die Rede Colin Powells vor dem UN-Sicherheitsrat am 5. Februar 2003, die im Nachhinein als eine dramatische „Multimedia-Inszenierung“ (Tilgner 2003, 15) bewertet wird. Diese Rede „clearly indicated that the Bush administration was dead-set on war“ (Kellner 2005, 60), notfalls auch ohne Mandat der Vereinten Nationen. Es geht nur darum, die Weltöffentlichkeit von der Richtigkeit des Krieges zu überzeugen. Die Beweise Powells reichen zwar nicht aus, um Kriegsgegner wie Frankreich oder Deutschland von der Notwendigkeit einer sofortigen militärischen Lösung des Konfliktes zu überzeugen, aber zumindest in den amerikanischen Medien wird die Wirkung von Powells Auftritt deutlich. Da der Krieg nun unmittelbar bevorsteht, verstummt die teilweise noch vorhandene kritische Auseinandersetzung mit den Kriegsmotiven in den Medien fast vollständig. Inzwischen haben sich jedoch viele der Beweise für die Existenz von Massenvernichtungswaffen im Irak, die Powell zu diesem Zeitpunkt auf <solid sources> und <facts> zurückführt, als Falschinformationen herausgestellt. Im September 2005 erklärt Powell gegenüber dem amerikanischen TV-Sender ABC, dass er seinen Auftritt vor der UNO als <Schandfleck in seiner Karriere> betrachte.

Kampf um die öffentliche Meinung

Bei der Vorbereitung des Irak-Kriegs steht die amerikanische Regierung vor dem Problem, die amerikanische Bevölkerung sowie die Weltöffentlichkeit von der Richtigkeit und der Notwendigkeit eines präventiven Krieges gegen den Irak zu überzeugen, obwohl keine direkte Bedrohung durch den Irak besteht. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben die Richter im Rahmen der berühmten Nürnberger Prozesse festgelegt, dass ein unbegründeter Angriff auf einen anderen Staat als größtes internationales Verbrechen zu gelte habe: „to initiate a war of aggression> constitutes the supreme international crime“ (Berenger 2004, 21). Zur Lösung des daraus entstehenden Legitimationsproblems nutzt die US-Regierung die tief sitzende Angst der Amerikaner vor weiteren Terrorakten gegen ihre Nation. Präsident George W. Bush entwickelt die Frames der Achse des Bösen und des Krieg gegen den Terror und verbreitet diese mit Hilfe der Medien. Die Verbindung beider Frames erzeugt letztlich die zentralen Kriegsgründe der USA: Der Irak wird als Schurkenstaat bezeichnet, der Massenvernichtungswaffen besitzt und diese an Terroristen weitergeben könnte. Eine Beziehung Saddam Husseins zur Terrororganisation al-Qaida und eine Verwicklung des Irak in die Anschläge vom 11.September gelten als nachgewiesen. Die US-Regierung erreicht ein „framing of the war as an unavoidable, defense act aimed against terrorism and a grave security threat” (Ravi 2005, 47). Diese Behauptungen haben sich inzwischen als bewusste Täuschungen erwiesen, um die amerikanische Bevölkerung für den Krieg zu gewinnen. „War today is more than anything else, psychological warfare by governments against their own population“ (Berenger 2004, 24), diese Aussage scheint angesichts der Manipulation der öffentlichen Meinung im Vorfeld des Irak-Kriegs auf diesen ohne Zweifel zuzutreffen.

Der Kampf um die Zustimmung der amerikanischen Bevölkerung wird durch die unkritische Berichterstattung der amerikanischen Medien begünstigt, die die Kriegsmotive der US-Regierung nicht ausreichend diskutieren. Medien sowie amerikanische Bevölkerung lassen sich von der Bedrohung, die von Iraks angeblichen Massenvernichtungswaffen ausgehen soll, überzeugen und zeigen ihre Unterstützung im Kampf gegen den Terror. Die Zweifel, die Medien, Politiker und Bevölkerung in vielen Ländern der Welt auch nach Kriegsbeginn immer wieder äußern, können sich in den USA nicht durchsetzen. Regierung und Militär gewinnen den Kampf um die öffentliche Meinung im Land, da die Medien fast ausnahmslos ihre Interpretation der Wirklichkeit transportieren. Obwohl sie einen unilateralen Krieg ohne Unterstützung der Vereinten Nationen führen, wird dieser von den meisten Amerikanern als richtig und legitim empfunden.

Instrumentalisierung der Medien

Die Medien werden vor und während des Irak-Kriegs mit einer professionalisierten, systematisch und sorgfältig arbeitenden Propaganda- und PR-Maschinerie konfrontiert. „Kriege und bewaffnete Interventionen werden von vorneherein als Public-Relations-Ereignisse geplant, Fragen ihrer dramaturgischen Inszenierung erlangen beinahe dieselbe Bedeutung wie die eigentliche politisch-militärische Planung“ (Bussemer 2003, 20). Das bedeutet, dass Journalisten offiziellen Quellen in Kriegszeiten mit mehr Skepsis begegnen müssen. Diese sind zur Verbreitung ihrer Botschaften jedoch auf die Technologien der Massenmedien angewiesen. „To reach the masses, either nationally or internationally, propagandists have no other choice than to utilize the existing channels of mass and global communication“ (Kamalipour 2004, 88).

Die meisten US-Medien verbreiten die Frames der Regierung, ohne sie ausreichend auf ihre Glaubwürdigkeit zu überprüfen. Sie werden zu Helfern bei der Mobilisierung der Öffentlichkeit für den bevorstehenden Krieg. „[…] the media is preparing the public for war“ (Schechter 2003, 64), sagt Medienkritiker Danny Schechter, der als Chefredakteur für das unabhängige Onlineportal Mediachannel die amerikanische Berichterstattung über den Irak-Krieg rund um die Uhr beobachtet hat. Auch die Bonner Medienstudie Media Tenor beurteilt die amerikanischen Medien in der Phase der Kriegsvorbereitung als einen „integral part of strategic war planning to win over public opinion at home […]” (Mock/Rettich 2003, 268). Besonders die Zurückhaltung nach Bushs Rede an die Nation, mit der er die Weichen für eine militärische Aktion gegen den Irak stellt, wird im Nachhinein als Versagen des amerikanischen Journalismus empfunden. „Despite the irresponsible tone and dangerous potential consequences of Bush’s speech, the U.S. media gushed over Bush’s performance, failing to criticize it. […] Newspapers commentators almost universally applauded Bush” (Kellner 2005, 51). Die US-Regierung schafft es somit durch gezieltes Framing ihrer Pläne ein amerikanisches Gemeinschaftsgefühl zu wecken, das sogar auf die Medien übergreift. Das Mitliefern von Interpretationsrahmen und -schemata ist folglich eine wirkungsvolle Strategie bei der Verbreitung von Botschaften der Regierungspropaganda. Der Kommunikationswissenschaftler Kirk Hallahan sieht daher im Framing nicht ohne Grund „the most important strategic choices made in a public relations effort“ (Choi 2004, 31).

Die #Medien in den USA, insbesondere die TV-Sender, unterstützen in ihrer Berichterstattung vor Kriegsbeginn die Frames der Regierung, die Saddams Regime als Bedrohung für den Weltfrieden und den Diktator als verrückten Besitzer von Massenvernichtungswaffen beschreiben. Die großen Networks liefern weitere Beweise für die Richtigkeit der amerikanischen Politik durch eine konsequente „demonization of Saddam“ (Schechter 2006, 153), die die Furcht der Amerikaner vor einem Terrorangriff mit Nuklearwaffen zusätzlich verstärkt. TV-Unternehmen wie Fox Network senden beinahe täglich Berichte über die Bedrohung durch irakische Waffenprogramme. In einer Umfrage des Pew Research Center wird deutlich, dass im Oktober 2002 66 Prozent der Amerikaner an eine Verbindung zwischen Saddam und den Anschlägen des 11. September glauben. 79 Prozent sind überzeugt, dass der Irak Nuklearwaffen besitzt. Der Irak wird zum aktuell gefährlichsten Feind der USA hochstilisiert, obwohl es dafür keine überzeugenden Beweise gibt. Die Medien unterstützen eine Wahrnehmung des Irak als Wurzel des Bösen. „The mainstream media system soon became a willing servant for the President’s War on Terror” (Schechter 2006, 16), beurteilt der Medienkritiker Danny Schechter die Berichterstattung der US-Medien vor Kriegsbeginn.

Diese Art der Inszenierung des Krieges in den Medien geht auf sorgfältiges Kalkül der PR-Berater zurück. Diese Reaktion ist für die Spezialisten aufgrund ihrer Kenntnisse über die Funktionsweise von Massenmedien in gewisser Weise vorhersehbar - eine Tatsache, die die Arbeit der Medien in Kriegszeiten erheblich erschwert. Wenn eine Regierung „so stark auf positive Medieneffekte ausgerichtet ist, die Strategien der Medienbeeinflussung so perfektioniert werden, dass eine wirklich unabhängige Berichterstattung schon im Vorfeld von Kriegen beinahe unmöglich wird, können die Medien nur noch räsonieren, welche Vorgänge hinter der glatten Oberfläche der inszenierten Politik ablaufen“ (Bussemer 2003, 23). Die unkritische Verbreitung der Aussagen offizieller Quellen, die klare propagandistische Absichten verfolgen, kann jedoch keine Lösung für dieses Dilemma sein. Die Medien müssen sich ihrer enormen Bedeutung für die Bildung der öffentlichen Meinung bewusst sein. „News media play an important role in framing public issues or events. […] in the case of war, the media can frame the event as an invasion versus attack, or suggest a positive versus negative attitude toward the war” (Dimitrova/Kaid/ Williams 2004, 256). Die Art und Weise, wie viele amerikanische Medien über den bevorstehenden Irak-Krieg berichten, spiegelt in diesem Fall keine kritische Auseinandersetzung mit den Kriegsmotiven wider, sondern eine patriotisch motivierte Übernahme der vorherrschenden Frames. „[…] the larger war discourse became framed around <supporting our troops> rather than questioning the policies or interests that brought U.S. troops to Iraq” (Schechter 2006, 21). Die Berichterstattung der #Medien in den USA und der #Medien in Deutschland soll ausführlich in Kapitel 5 untersucht werden.

Medien als Kriegswaffe

Die Medien werden vor und während des Irak-Kriegs nicht nur zur Verbreitung von amerikanischer Regierungspropaganda genutzt, auch das US-Militär widmet den Medien große Aufmerksamkeit. Das Pentagon plant den systematischen Einsatz von Medien und deren Kommunikationstechnologie zur psychologischen Kriegsführung. Zu diesem Zweck werden schon lange vor Kriegsbeginn Umstrukturierungen innerhalb des Verteidigungsapparates und der Streitkräfte vorgenommen. Im Jahr 2002 gründet Verteidigungsminister Donald Rumsfeld das Office of Strategic Influence, dessen Aufgabe ganz direkt als „internationale Zersetzungspropaganda und Desinformationspolitik“ (Bussemer 2003, 22) beschrieben wird. Aufgrund verschiedener Proteste gegen die Tätigkeitsbeschreibung wird die Einrichtung jedoch bald wieder geschlossen und durch das Office of Global Communications ersetzt. Diese offizielle Militärpropaganda ist allerdings nicht die einzige Form von Propaganda, die sich im Vorfeld des Irak-Kriegs entwickelt. Mit PR-Beratern wie der Rendon Group entstehen Strukturen, „die eher im Zwielicht der <grauen> Propaganda“ (Bussemer 2003, 22) und häufig „am Rande der Wahrheit“ (Bussemer 2003, 22) operieren. Diese Firmen stehen als Berater des Militärs im Hintergrund vieler Kriegsereignisse, die inzwischen als Inszenierungen entlarvt wurden.


Medien als Bestandteil psychologischer Kriegsführung

„Im Hinblick auf militärische Techniken der Medieninstrumentalisierung stellt der Irak-Krieg einen Quantensprung dar“ (Bussemer 2003, 24). Informationen und Desinformationen, die vom Pentagon und den PR-Beratern des Militärs für die Medien generiert werden, werden über diese gezielt verbreitet. Die große Medienpräsenz und die Live-Übertragungen der bei den Truppen eingebetteten Reporter erlauben es den Generälen, jederzeit den Überblick über das Kampfgeschehen und die Lage der Truppen zu behalten. Da der Feind ebenfalls über die Medien mit Informationen versorgt wird, können Falschinformationen zur Täuschung des Gegners über das Mediensystem verbreitet werden. Im Irak-Krieg 2003 geraten die Journalisten mehr als jemals zuvor zwischen die Kriegsfronten und werden zu einem Teil der Kriegstrategie beider Seiten. Sie werden sozusagen selbst zur „Kriegswaffe“ (Bussemer 2003, 20). Allerdings verstehen es die Amerikaner sehr viel besser als die irakischen Streitkräfte, die Medien für ihre Zwecke einzusetzen und ihre Sichtweise der Ereignisse zu verbreiten. Der irakische Informationsminister Mohammed Said al Sahhaf wird im Westen sogar zu einer Art Witzfigur, weil er Desinformationen in absolut unglaubwürdiger Weise zu verbreiten versucht. Beobachter sprechen über ihn als „[…] Iraq’s hapless minister of misinformation, a cartoon figure whom no one took seriously“ (Schechter 2003, 21).

Die Amerikaner verbreiten vor Kriegsbeginn die Strategie von Schock und Einschüchterung, die den Gegner entmutigen soll. Es ist sozusagen der erste Propagandastreich der US-Streitkräfte während des Krieges, denn die angekündigten massiven Attacken, die das irakische Regime derart schwächen sollen, „dass es in eine Art Schockzustand gerät und handlungsunfähig wird“ (Tilgner 2003, 24), bleiben in dieser Form aus. Die Wirkung der Drohung zeigt sich jedoch in den Reaktionen der Iraker, die ihrerseits massiven Widerstand ankündigen. Die US-Militärs nutzen die Medien nicht nur zur Vermittlung von Propaganda und den „massiven Einsatz von Täuschungen, Lügen und Falschinformationen“ (Tilgner 2003, 42), auch Medientechnologie selbst wird gezielt als Waffe eingesetzt. Während die Amerikaner alle zur Verfügung stehenden Kommunikationstechnologien verwenden, verharrt der Irak in veralteten Hierarchien und Kommunikationsstrukturen. Die Amerikaner greifen neben bewährten Mitteln wie Flugblättern und Radiosendungen auch auf modernere Formen der Beeinflussung zurück. E-Mails mit der Aufforderung zur Kapitulation und zum Aufstand gegen das Regime werden an irakische Offiziere und Beamte geschickt, Telefonanrufe zur gezielten Manipulation genutzt. ZDF-Korrespondent Ulrich Tilgner ist sich sicher, dass „modernste Computertechnologie, verdeckte Kommandoaktionen, in den Medien inszenierte Täuschungsmanöver und Propagandafeldzüge den Zusammenbruch des Regimes und die militärische Niederlage in dramatischer Weise beschleunigt“ (Tilgner 2003, 132) haben. Psychologische Kriegsführung und Information Warfare über die Medien und mit ihnen sind im Irak-Krieg erstmals ein integraler Bestandteil der amerikanischen Vorgehensweise und ihr systematischer Einsatz wird sorgfältig vorbereitet.

In der Joint Doctrine for Information Operations der US-Generalstabschefs werden am 5. September 2003 die Handlungsfelder der Soldaten in dieser Hinsicht entscheidend erweitert. Zu ihren Aufgaben gehören nunmehr auch „military deception, psychological operations, electronic warfare, physical attack/destruction and special information operations“ (Bussemer 2003, 24). Die Militärs werden offen dazu aufgefordert „Massenmedien systematisch für militärische Täuschungsmanöver einzusetzen“ (Bussemer 2003, 24), Medien werden offiziell zur Kriegswaffe erklärt. Psychologische Operationen, so genannte PSYOP, definiert das US-Militär folgendermaßen: „planned operations to convey selected information and indicators to foreign audiences to influence the emotions, motives, objective reasoning, and ultimately the behavior of foreign governments, organizations, groups, and individuals. […] PSYOP are a vital part of the broad range of US diplomatic, informational, military, and economic activities. PSYOP characteristically are delivered as information for effect, used during peacetime and conflict, to inform and influence” (Bussemer 2003, 24).


Verbreitung propagandistischer Botschaften

Die Massenmedien sollen mit Hilfe ihrer Texte und ganz besonders über ihre Bilder symbolische Botschaften verbreiten. Es scheint daher kein Zufall zu sein, dass viele Angriffe und Bombardements der Koalitionstruppen häufig zur besten Sendezeit um 21 Uhr erfolgen. „Die Medien sind im Rahmen einer solchen Strategie fester Bestandteil des militärischen Kalküls, verfügen sie doch über die Distributionsapparate, die man zur massenweisen Verbreitung der eigenen Botschaften braucht“ (Bussemer 2003, 25). In der Forschung wird diese Strategie als „feeding the media“ (Bussemer 2003, 25) bezeichnet. Die Medien werden mit Geschichten und Informationen versorgt, die medienspezifischen Dramatisierungsregeln beispielsweise des Fernsehens angepasst sind. Die Militärs können somit nicht nur die Entwicklung auf dem Schlachtfeld steuern, sondern auch die Wahrnehmung des Kriegsverlaufs durch die Öffentlichkeit beeinflussen. „Mit Hilfe der Medien bestimmen die Militärs zugleich die öffentliche Wahrnehmung und nutzen sie für ihre Planungen. Sie schaffen es, Erwartungen zu wecken und Szenarien und Täuschungen zu verbreiten. Damit sind die amerikanischen Streitkräfte im Informationszeitalter angekommen. […] Sie machen Information, Desinformation und Nichtinformation zu einer Waffengattung und führen einen neuen Krieg: den Informationskrieg“ (Tilgner 2003, 132) Der Information Warfare wird genauer erläutert in Kapitel 4.2 #Netzwerkkrieg - Krieg mit und um Informationen.

Die Botschaften, die von den US-Medien während des Krieges verbreitet werden, sind in der Regel deutlich proamerikanisch und folgen einer einheitlichen Richtung in der Berichterstattung. Diese Richtung wird von den offiziellen Quellen im Pentagon entwickelt. „The Pentagon strategists, already planning for the Iraqi war, wanted proud, positive, and patriotic coverage […]” (Schechter 2003, 19). Die Medien sollten einen Befreiungskrieg zeigen, „a war of liberation that was fought swiftly, effectively, and with minimal civilian and coalition casualties“ (Berenger 2004, 22). Journalisten sehen sich auf den täglichen Pressekonferenzen des Militärs damit konfrontiert, dass ausschließlich Informationen weitergegeben werden, die diese Wahrnehmung des Krieges unterstützen. Das Militär agiert wie eine PR-Organisation, die einen sauberen und ehrenvollen Krieg <verkaufen> soll. „Pentagon Strategy went beyond traditional PR, using marketing strategies and <perception management>. […] It was all to guarantee there would be only one storyline in the media, and in the minds of Americans: theirs” (Schechter 2006, 171).

(Christa Weber)

Besonderheiten der Berichterstattung

Im Vergleich zur Berichterstattung über frühere Kriege zeichnet sich die Berichterstattung über den Irak-Krieg durch einige entscheidende Veränderungen aus. Diese beziehen sich nicht nur auf die Konfrontation der Medien mit einer immer stärker professionalisierten Regierungs- und Militärpropaganda, die die Medien instrumentalisiert und den Krieg wie ein großes PR-Ereignis vorbereitet. Veränderungen gibt es bezüglich der verwendeten Kommunikations- und Übertragungstechnologien, der steigenden Bedeutung des Internet, der Entwicklung neuer Informationsangebote, der Konkurrenz der Medien untereinander und der Vernetzung von Informationen. Laut New York Times ist der Irak-Krieg der <most covered war in history>. In Echtzeit kann nahezu über jedes Ereignis von jedem Ort aus berichtet werden. Journalisten werden zwar weiterhin durch das Militär der Kriegsparteien eingeschränkt und zensiert, aber das strenge Poolsystem aus dem Golfkrieg von 1990/91 wird durch ein neues System abgelöst. Die Journalisten lassen sich in die Truppen der Koalition einbetten und berichten live vom Schlachtfeld. CNN hat nicht mehr das Monopol für Bilder des Kriegsgeschehens, Medien aus aller Welt sind in Bagdad untergebracht. Medienkritiker Danny Schechter spricht dennoch von „more news, not better news“ (Schechter 2006, 46). Die neuen Voraussetzungen für Journalisten haben nicht zwangsweise eine qualitativ hochwertigere Berichterstattung zur Folge. Bevor die Qualität der amerikanischen und der deutschen Berichterstattung in Kapitel 5 genauer untersucht wird, folgt eine Darstellung der Merkmale und Neuerungen, die die Berichterstattung über den Irak-Krieg von 2003 von ihren Vorgängern abhebt.

(Christa Weber)


Embedded journalists

Im Irak-Krieg 2003 kommt es zur ersten Durchführung eines neuen Konzeptes der Kriegsberichterstattung, dem embedded press system. 600 Reporter wurden bei den amerikanischen Truppen <eingebettet>, „they traveled with the soldiers in their units, saw what the soldiers saw, and were under fire when troops were – all while bringing live televised coverage of the war into living rooms around the world” (Paul/Kim 2004, 13). Das Konzept entstand am 30.10.2002 im Pentagon unter der Regie von Donald Rumsfeld. Es löst das Pool-Prinzip des Golfkrieges ab und ist eine Reaktion auf die Beschwerden der Medien, dass das Maß ihrer Zugangserlaubnis zu gering sei. Das Pool-Prinzip sah vor, ausgewählte Journalisten von der Armee an bestimmte Punkte des Kampfgebiets bringen zu lassen. Dort durfte unter Aufsicht gedreht und recherchiert werden. Nach ihrer Rückkehr mussten die Journalisten ihr Material jedoch an die anderen weitergeben.

Für die Medien bedeutet das neue embedded press system einen gewissen Fortschritt, sie können Geschichten über einen längeren Zeitraum fortsetzen und mussten das recherchierte Material nicht mit Kollegen teilen. Dennoch wurden für den Einsatz im Irak Regeln für die Journalisten formuliert und im Ground Rules Agreement festgehalten. Sie durften beispielsweise keine Waffen mit sich führen oder in ihren Berichten genaue geographische Angaben verwenden. Aber nicht nur die Medien profitierten von dem neuen System, auch das Militär. Die Offiziere konnten sich in den Feldhauptquartieren jederzeit auf den neuesten Stand bringen. Und auch der Feind schaute zu, das irakische Militär. Die militärische Strategie der Amerikaner war die des Shock and Awe, psychologische Überwältigung des Gegners durch einen massiven Aufmarsch des amerikanischen Militärs. Deshalb war es den embedded journalists zu Beginn der Invasion erlaubt, viele Aufnahmen der amerikanischen und englischen Panzer zu machen, während diese über die irakischen Grenzen rollten. Die irakische Führung in Bagdad konnte sich so von der Übermacht des Gegners überzeugen. Nach der Einnahme von Bagdad und den darauf folgenden chaotischen Verhältnissen in der Stadt verschärften sich auch die Regeln für die so genannten embeds. Ein weiterer Vorteil für das amerikanische Militär war, dass sie die Journalisten unter diesen Bedingungen besser kontrollieren konnten. Zudem entstand ein Solidarisierungseffekt der Journalisten mit den Soldaten, für sie wurden die Soldaten zu Kameraden. „Diese Erfahrungen schlugen sich in den Artikeln und Filmen auch erfahrener und seriöser Kriegsberichterstatter nieder. Der vom Pentagon eingefädelten schleichenden <Korruption durch Nähe> konnte kaum ein <eingebetteter> Journalist völlig widerstehen“ (Bussemer 2003, 26).

(Kerstin Kolle)

Netzwerkkrieg - Krieg mit und um Informationen

Der Irak-Krieg wird als der „erste Krieg der Netzwerk-Kommunikation“ (Bucher 2004, 276) beschrieben, da erstmals Militär, Journalisten und Informationen gleichermaßen über Netzwerke miteinander verbunden sind, über diese kommunizieren und gesteuert werden können. Netzwerkkrieg bedeutet „eine netzwerk-orientierte Kriegsführung […], bei der dezentrale Kampfeinheiten und computergestützte Waffensysteme mittels Informationstechnologien in Echtzeit koordiniert werden“ (Bucher 2004, 276). In Analogie zur modernen Kriegstechnologie spricht man von Netzwerk-Kommunikation und Netzwerk-Journalismus, denn „auf Seiten der modernen Krisenberichterstattung entspricht dieser Sichtweise eine bislang nicht gekannte Vernetzung verschiedenster Informationsquellen und Kommunikationsvorgänge […]“ (Bucher 2004, 276). Die Bezeichnung <Netzwerk-Krieg> bezieht sich aber nicht nur auf die Möglichkeit der Vernetzung dezentraler Kampfeinheiten, sondern auch auf die Möglichkeit vernetzte Medien- und Kommunikationstechnologien als Waffe gegen den Gegner einzusetzen. Wenn das geschieht, spricht man vom Information Warfare. Die Medien als Übermittler von Informationen werden im Irak-Krieg häufig selbst zum Kriegsschauplatz, was zahlreiche Hackerangriffe auf Medienserver oder Internetseiten beweisen können. In den ersten drei Stunden des Krieges werden über 1000 Internetseiten manipuliert. Der englischsprachige Internetauftritt von Al-Dschasira wird zeitweise vollkommen lahm gelegt, aber auch Einrichtungen des amerikanischen Militärs sind von diesen Hackerangriffen betroffen. Während des Krieges werden ungefähr 100 000 Websites Opfer dieser Angriffe.

Natürlich werden Medien auch weiterhin als Waffen für die Verbreitung von Desinformationen genutzt, um den Gegner zu schwächen und in die Irre zu führen. Dabei bieten neue Medien wie das Internet aufgrund ihrer steigenden Nutzerzahl, des einfachen unkontrollierten Zugangs und des hohen Vernetzungsgrades ideale Voraussetzungen. Das globale Informationsnetz des Internet eignet sich besonders als Waffe in Kriegszeiten, denn „das mediale Netzwerk ist ein idealer Resonanzboden für die Verstärkung von Gerüchten, Falschmeldungen und Propaganda“ (Bucher 2004, 280).

(Christa Weber)

Multiperspektivität

Viele traditionelle Medien, besonders in den Ländern der Kriegsparteien, folgen den Botschaften von US-Militär und US-Regierung, ohne diese ausreichend zu hinterfragen. Im Unterschied zu vorausgegangenen Kriegen haben Rezipienten, die nach glaubhaften Informationen und alternativen Sichtweisen zu den dominierenden Perspektiven in den Mainstream-Medien suchen, die Möglichkeit auf zahlreiche alternative Informationsangebote zurückzugreifen. Diese finden sich besonders im Internet, das für nahezu jeden leicht zugänglich ist und in dem jeder User zum Produzenten von Information werden kann. Eine neue Form der Information über das Kriegsgeschehen stellen die so genannten Weblogs dar, die teils von Journalisten, teils von Privatpersonen geführt werden und das Informationsangebot durch persönliche Meinungen, Beobachtungen, Einschätzungen und Erfahrungen aufwerten können. Diese Form der Informationsbeschaffung wird zwar allgemein noch recht wenig genutzt - in den USA greifen nur vier Prozent aller User darauf zurück - allerdings nehmen traditionelle Medien während des Irak-Kriegs in ihrer Berichterstattung immer häufiger Bezug auf Weblog-Inhalte, die ihrerseits Verknüpfungen zu den traditionellen Medien herstellen.

Zusätzliche Angebote bieten ausländische Fernsehprogramme, satirische und alternative Medien. Besonders die steigende Bedeutung arabischer Sender wie Al-Dschasira oder Abu Dhabi-TV auf dem globalen Medienmarkt lässt sich an der Berichterstattung über den Irak-Krieg ablesen. Die Bilder von Al-Dschasira werden sogar im amerikanischen Fernsehen verwendet, allerdings ohne ihre Originalkommentierung. In den europäischen Medien werden arabische Quellen verstärkt eingesetzt, um die Informationen der offiziellen Quellen auf Seiten der Koalitionstruppen zu neutralisieren.

Multiperspektivische Informationsangebote bieten den Mediennutzern einerseits die Möglichkeit, alternative Perspektiven kennen zu lernen und über den Tellerrand der Berichterstattung im eigenen Land schauen zu können. Gleichzeitig wird das Informationsmonopol der offiziellen Quellen durch die Existenz zahlreicher nicht-informeller Quellen aufgebrochen, da eine Kontrolle über die gezielte Verbreitung bestimmter Informationen durch die Existenz des Internets erschwert wird. Andererseits kann ein größeres und vielfältigeres Informationsangebot die Rezipienten durchaus auch verwirren. Mehr Information muss nicht zwangsweise zu einer besseren Informiertheit führen. „More information, distributed at the speed of light, does not necessarily lead to a more informed or engaged public“ (Kamalipour 2004, 92). Diese Tatsache kann als „Informationsparadox“ (Bucher 2004, 280) beschrieben werden und ist dadurch gekennzeichnet, dass Informationen aufgrund von Informationsüberflutung von den Rezipienten nicht mehr auf ihre Relevanz und Richtigkeit hin überprüft werden können. Das <Informationsparadox> trifft in immer stärkerer Ausprägung auf die Berichterstattung über aktuelle Medienereignisse zu. Diese ist „nicht mehr durch Informationsknappheit, sondern durch Informationsüberfluss gekennzeichnet“ (Bucher 2004, 279), die Auswahl der relevanten Information wird wichtiger als ihre eigentliche Beschaffung. Die Konsequenz ist, dass Journalisten noch mehr Hilfestellung und Orientierung bei der Selektion von Informationen und ihrer Einordnung in größere Zusammenhänge leisten müssen, um sich das Vertrauen der Rezipienten zu sichern. Gleichzeitig müssen Rezipienten eine immer größere Medienkompetenz aufweisen, um eine sinnvolle Wahl treffen zu können.

(Christa Weber)


Weblogs und Warblogs

Der Netzwerk-Charakter und die #Multiperspektivität während des Irak Kriegs 2003 zeigt sich sehr deutlich am Beispiel der Weblogs bzw. an ihrem Subgenre, den Warblogs. Bei Weblogs handelt es sich um Onlinetagebücher, in denen Internetnutzer beispielsweise Einträge über ihr eigenes Leben machen. „Charakteristische Merkmale dieser Kommunikationsform sind: die hochgradige Vernetzung zu einer Art Blogosphere, die Beschleunigung der Kommunikation und ihre Globalität, die Interaktivität und Multimedialität, aber auch die Grenzaufläsung zwischen personeller, öffentlicher, institutioneller und journalistischer Kommunikation“ (Bucher 2004, 286). Die immer größer werdende Popularität von Warblogs und von Weblogs im Allgemeinen wird dem steigenden Misstrauen gegenüber den traditionellen Medien zugeschrieben. Nach den Anschlägen des 11. September 2001 fühlten sich viele Menschen nicht ausreichend informiert: „The events of 9/11 served as a wake up call to bloggers who were dissatisfied with traditional media coverage that they viewed as over sympathetic to Islamic terrorism” (Kaye/Johnson 2004, 296). Danach veränderten sich die Weblogs größtenteils “from online diaries typically concerned with boyfriend problems and technic news to ones that regularly commented on the news and those who create it” (Kaye/Johnson 2004, 296).

Während des Irak Krieges 2003 nutzten 77% der Amerikaner das Internet zur Informationsbeschaffung, aber nur “[…] 4% of online Americans report going to blogs for information and opinions" (Rainie/Fox/Fallows 2003, 5). Die Nutzerzahl und die Zahl der Weblogs insgesamt hat jedoch seit dem 11. September zugenommen. Außerdem werden die „[…] Warblogs in den klassischen Medien selbst als Informationsquellen, Verweisadressen und Berichterstattungsanlässen genutzt“ (Bucher 2004, 287). Deshalb spielen sie eine wichtigere Rolle als die o.g. Zahl vermuten lässt. Dafür gibt es mehrere Gründe: Augenzeugenberichte machten den Krieg für die Weblog Leser greifbarer, sie konnten sich dazu äußern und mit anderen Bloggern diskutieren. Außerdem flossen viele verschiedene politische Perspektiven ein, da sich die Blogs nicht nur in Amerika befanden, was wiederum Anstöße für neue Denkansätze gab.

Einer der bekanntesten Warblogs während des Irak Kriegs 2003 war ein Weblog mit dem Namen <Where is Raed?>. Der 29- jährige Iraker Architekt Salam Pax schrieb hier seine Erfahrungen während der Bombardierungen von Bagdad nieder. Zu Spitzenzeiten verzeichnete sein Warblog bis zu drei Millionen Zugriffe pro Tag. Für den Guardian hat dieser Weblog durch „the most compelling description of life during the war“(zitiert nach Bucher 2004, 289) alle professionellen Korrespondenten ausgestochen, so dass er seit Anfang Juni 2003 auf der Homepage des Guardian selbst angesiedelt wurde. Salam Pax schreibt heute als Kolumnist für den Guardian und seine Blog-Beiträge wurden als Buch veröffentlicht. Auch Journalisten führten neben ihrer Korrespondententätigkeit eigene Weblogs, so auch Kevin Sites, der während des Krieges CNN-Korrespondent im Nordirak war. CNN zwang ihn jedoch, seinen Weblog zu schließen, da der Sender eine Konkurrenz zur herkömmlichen Berichterstattung befürchtete. Die Begründung: “CNN.com prefers to take a more structured approach to presenting the news. We do not blog” (Bucher 2004, 292).

(Kerstin Kolle)

Steigende Bedeutung des Internet als Informationsmedium

„Der Netzwerk-Charakter und die Aufhebung von Zeit- und Raumgrenzen durch das Internet haben die Kriegskommunikation radikal verändert, und zwar für alle Beteiligten – für die Kriegsakteure und ihre Öffentlichkeitsarbeit, für die Journalisten und für die Rezipienten“ (Bucher 2004, 277). Wie im vorigen Kapitel schon deutlich gemacht wurde, bietet das Internet ideale Bedingungen für die Verbreitung von Informationen, aber auch von Desinformationen und Propaganda. Das Internet ist als „Bestandteil des Information Warfare selbst zum Kriegsschauplatz geworden, auf dem Angriffe auf die digitale Infrastruktur des Gegners, Informationsattacken und gezielte Propagandaaktivitäten ausgetragen werden“ (Bucher 2004, 278). Es stellt eine neue wirkungsvolle Waffe in Kriegszeiten dar, die großen Schaden anrichten kann und dabei wenig Aufwand verlangt. „With the Internet it has become much easier to damage someone’s Web site than make the effort to change their opinion” (Hamdy/Mobarak 2004, 251) – eine durchaus kritische Prognose im Hinblick auf die Lösung zukünftiger Konflikte.

Das Internet ist allerdings auch zum Informationsmedium aufgestiegen, in dem interessierte Rezipienten nach einer „alternativen Sichtweise zu den traditionellen Medien und den offiziellen Quellen“ (Bucher 2004, 285) suchen. Immerhin 17 Prozent der amerikanischen Online-Nutzer geben das Internet als „primäre Informationsquelle“ (Bucher 2004, 284) während des Irak-Kriegs an. Die Internetseiten der klassischen Nachrichtenmedien, aber auch Homepages aus dem Kriegsgebiet selbst verzeichnen hohe Nutzungszuwächse. „[…] major news sites on the Web reported from 30-100% more traffic since the war started” (Hamdy/Mobarak 2004, 248).

Das Vertrauen in die Berichterstattung der traditionellen Medien ist während des Irak-Kriegs aufgrund der Häufigkeit von einseitiger, unkritischer Berichterstattung geschwächt worden. Diese Tatsache hat den Aufstieg des Internets zum ernsthaften Nachrichtenmedium begünstigt. „The Internet became a critical information source during the Iraq War […]. Many people are likely to turn to the online news environment as a supplement to traditional media” (Dimitrova/Kaid/Williams 2004, 257). Die Vielfalt der Informationen und ihrer Aufbereitung bietet für die Rezipienten einen besonderen Mehrwert. „A variety of Web sites offered news, pictures, analysis, discussions, and live audio and video feeds to satisfy needs that traditional media failed to satisfy“ (Hamdy/Mobarak 2004, 245).

(Christa Weber)

Berichterstattung in den USA und in Deutschland im Vergleich

In demokratischen Gesellschaften übernehmen die Medien eine Kontrollfunktion. Sie hinterfragen politische Entscheidungen der Regierung und diskutieren ihre Vor- und Nachteile. Sie übernehmen in gewisser Weise die Funktion eines Watchdog, der die Regierung bei der Ausübung ihrer Arbeit kritisch beobachtet, jede seiner Informationsquellen auf ihre Glaubwürdigkeit überprüft und objektiv und neutral über politische und andere gesellschaftlich relevante Ereignisse berichtet. In Kriegszeiten sind diese journalistischen Prinzipien und Aufgaben von noch größerer Bedeutung. „As a nation prepares for war, the news media should offer sites in which rationales for war are identified and verified, official claims are solicited and evaluated, alternate views are sought and assessed, costs – both human and material – are weighed, legalities are established, possible outcomes and aftermaths are considered, and wide-ranging debates are given voice” (Lule 2004, 96). Findet sich all dies in der Berichterstattung nicht wieder, haben die Journalisten ihre Aufgabe nicht erfüllt. Ihr Versagen löst Diskussionen aus und veranlasst Kritiker, nach den Ursachen des Versagens zu forschen.

Die Berichterstattung amerikanischer Mainstream-Medien über den Irak-Krieg 2003 wird im Nachhinein massiv kritisiert. In ihrer nachträglichen Betrachtung wird vielfach der Vorwurf erhoben, dass die Medien ihrer demokratischen Aufgabe nicht gerecht geworden sind. Fehlende Neutralität und Objektivität, ein zu leichtgläubiger Umgang mit Informationsquellen, fehlende Distanz zum Gegenstand und Patriotismus wird ihnen unter anderem vorgeworfen. Aber auch die europäischen Medien müssen der Kritik begegnen, sie hätten sich der allgemeinen Anti-Amerikanismus-Bewegung der europäischen Öffentlichkeit angeschlossen. Arabische Medien haben nach Meinung von Medienkritikern großteils eine pro-irakische Perspektive eingenommen und zu häufig die Informationen des irakischen Informationsministers übernommen, ohne sie kritisch zu prüfen.

Derselbe Krieg wird in unterschiedlichen Ländern auf unterschiedliche Weise wahrgenommen und die Medien nehmen verschiedene Perspektiven ein. Diese Tatsache spiegelt sich deutlich in den Differenzen der Berichterstattung in verschiedenen Ländern wider. „What is clear and important to recognize is that there are different ways stories can be covered” (Schechter 2003, 24). Diese unterschiedlichen Wege der Berichterstattung sind im Irak-Krieg offensichtlich abhängig von der nationalen Zugehörigkeit der berichtenden Medien. „The war you saw depended on where you lived. The Arab world saw a different war than the one we did” (Schechter 2006, 215), sagt der amerikanische Medienkritiker Danny Schechter. Die Unterschiede werden sofort deutlich, wenn man die verschiedenen Betitelungen des Krieges in den Fernsehnachrichten betrachtet. Während Amerikaner und andere westliche Medien von der <Operation Iraqi Freedom> oder dem <War in Iraq> sprechen, titeln arabische Medien eher mit <Occupation>, <Invasion> oder <War on Iraq>. Dass in der Berichterstattung über den Irak-Krieg so verschiedene Perspektiven auftreten, ist auf die verstärkte Präsenz von Medien aus aller Welt zurückzuführen, die alle Zugang zu Informationen aus dem Kriegsgebiet haben. Damit verbessert sich die Ausgangslage für eine multiperspektivische Berichterstattung im Unterschied zum Golfkrieg von 1990/91 enorm. „Whereas in Gulf War I, CNN was the only network live in Baghdad and throughout the war framed the images, discourses, and spectacle, there were more than 20 networks broadcasting in Baghdad for the 2003 Iraq war, […] and all of the television companies presented the war differently” (Kellner 2005, 64).

Die Berichterstattung in den amerikanischen Medien unterscheidet sich beispielsweise stark von der Berichterstattung in den deutschen Medien, die hier exemplarisch für die Berichterstattung in Europa beschrieben werden soll. Welche konkreten Differenzen sich in der Berichterstattung finden lassen und auf welche Umstände diese Unterschiede zurückgeführt werden können, soll in den folgenden Abschnitten dargestellt werden. Die Berichterstattung in den amerikanischen Medien soll Schwerpunkt der Analyse sein, da an ihrer Berichterstattung die härteste Kritik geübt wird. Als Medien im Land der Hauptkriegspartei haben sie sich am stärksten von Politik und Militär instrumentalisieren lassen. Bezüglich einzelner Aspekte werden die Ergebnisse der Untersuchung mit der Berichterstattung in arabischen und anderen europäischen Medien verglichen, die amerikanische und deutsche Berichterstattung sollen allerdings im Vordergrund stehen.

(Christa Weber)


Medien in den USA

Den Medien in den USA wird eine unkritische Haltung gegenüber offiziellen Quellen der Regierung Bush und des US-Militärs vorgeworfen. Statt die Notwendigkeit und die Legitimität des Krieges zu hinterfragen und kritisch zu diskutieren, zensieren sich die Medien selbst und verbannen kritische Themen aus ihrer Berichterstattung. Besonders die Fernsehsender verfallen in eine häufig einseitig patriotische Berichterstattung, die den nationalen Konsens für einen Krieg mit bildet und unterstützt. Der Krieg als Medienereignis wird als Unterhaltung und Kriegsspiel verkauft und wie ein Sportwettkampf dramatisiert. Pro-militärische Kräfte erhalten in Expertenrunden die Möglichkeit, ihre Propaganda zu verbreiten, die Medien fungieren als Waffen zur Täuschung und Vereinnahmung der Massen.


Patriotismus und Konsens

Danny Schechter spricht von einer „patriotic correctness“ (Schechter 2006, 150), die sich nach dem 11. September in den US-Medien verbreitet. Eine Erklärung für dieses Verhalten sieht Kriegsreporter Peter Arnett in den Folgen der Terroranschläge von 2001: „Every reporter in NYC saw the World Trade Towers collapse – they took it personally. There was a sense of revenge and fear, and that was reflected in the coverage […]” (Schechter 2006, 152). Die Folge ist eine patriotische, anti-irakische Berichterstattung sogar in den amerikanischen Qualitätsmedien. Schechter ist der Meinung, dass vor allem die New York Times und die großen TV Networks den Krieg durch eine unkritische Berichterstattung mitzuverantworten haben. „Without their cheerleading, there could have been no consensus for war“ (Schechter 2006, 154), ist sich Schechter sicher. Nach Bekanntwerden gravierender Falschmeldungen erklären die Washington Post und die New York Times im Nachhinein, dass sie womöglich bestimmte Informationen zu unkritisch behandelt und vorschnell abgedruckt haben. Die Washington Post lässt verlauten, „that the press, as a whole, did not do a very good job in challenging administration claims” (zitiert nach Schechter 2006, 154).

Media War

Danny Schechter stellt bei seinen Beobachtungen der amerikanischen Berichterstattung über den Irak-Krieg fest, dass die Medien selbst sich in einer Art Kriegszustand befinden: „There were two wars going on in Iraq – one was fought with armies of soldiers, bombs and fearsome military force. The other was fought alongside it with cameras, satellites, armies of journalists and propaganda techniques. One war was rationalized as an effort to find and disarm WMDs – Weapons of Mass Destruction; the other was carried out by even more powerful WMDs, Weapons of Mass Deception” (Schechter 2006, 44). Den Begriff des <Media War> formuliert Schechter in Anlehnung an Marshall McLuhans Aussage über Medien in Kriegszeiten aus dessen Werk <Understanding Media> von 1964: „News men and media men around the world are the fighters, not the soldiers any more“ (zitiert nach Schechter 2006, 2). Die Medien werden also selbst zu Kämpfern. Sie dienen als Waffen zur Massentäuschung, indem sie gezielt bestimmte Informationen verbreiten und gleichzeitig wetteifern sie um die Aufmerksamkeit der Rezipienten. Wer sich nicht dem allgemeinen positiven Ton der Berichterstattung anpasst, der fällt unangenehm auf. Konservative Medien, die den Krieg unterstützen, beeinflussen die Konkurrenz und werden zum Vorbild ihrer Berichterstattung. Besonders das Unternehmen Fox Network trägt zur Bildung einer einheitlich positiven Berichterstattung bei. „Fox News Channel with its patriotic posturing, martial music and pro-war boosterism has used the conflict to build a right-wing base and polarize the media environment“ (Schechter 2003, 46). Sogar die Berichte auf CNN scheinen von dieser Entwicklung beeinflusst zu werden. Man spricht im Nachhinein vom so genannten <Fox Effekt>, der die anderen TV-Sender dazu veranlasst hat, der patriotischen Berichterstattung von FNC zu folgen. „What was called the <Fox effect> drove all the TV coverage to the right – no network wanted to be accused of being unpatriotic” (Schechter 2006, 202).

Nicht nur US-Regierung und US-Militär, sondern auch die Medien untereinander erwarten von sich eine proamerikanische Berichterstattung und die Unterstützung der kämpfenden Truppen. „[…] Support for the troops becomes a value that is accepted without question” (Ravi 2005, 59). Aus dieser Haltung muss sich zwangsweise ein Konflikt ergeben zwischen „patriotism and the professional practices of truth telling, sensitivity, fairness in presenting different sides of the story, and critical examination of official accounts“ (Ravi 2005, 45). Das Ergebnis bei vielen US-Mainstream-Medien ist eine einseitige Berichterstattung, eine “<one-sided> coverage” (Gladney 2004, 18). Die Medien lassen sich von den offiziellen Informationsquellen täuschen und attackieren sich gegenseitig, aber vor allem auch ihr Publikum, mit propagandistischen Informationen. Douglas Kellner kommt daher zu folgender Schlussfolgerung: „During the war itself, U.S. corporate media were <weapons of mass deception> that served as propaganda instruments for the Bush administration and Pentagon” (Kellner 2005, 63). Auch Danny Schechter stellt fest, dass die Medien durch ihre Art der Berichterstattung mehr unterstützt als neutral darüber berichtet haben. „The media war promoted the war it covered“ (Schechter 2003, 10).

Militainment und Selbstzensur

Besonders auffällig ist das Auftreten zahlreicher Militärexperten und Ex-Generäle in den Informationssendungen und Talkshows konservativer Fernsehstationen wie Fox News Channel oder NBC. „Suddenly all the networks had platoons of retired generals and pro-war military experts interpreting war news“ (Schechter 2003, 16). Die Sender bieten dem US-Militär somit viel Raum, um proamerikanische und promilitärische Propaganda zu verbreiten. Militärische Strategien und moderne Waffensysteme werden in diesen Expertenrunden demonstriert und Bilder aus dem Kriegsgebiet kommentiert, um das amerikanische Fernsehpublikum zu unterhalten. „Die Bilderflut machte so manches Fernsehstudio zum <war room>, in dem pensionierte Militärs <Expertainment> betrieben“ (Bussemer 2003, 27). Wirkliche Nahost-Experten, die eine realistische und fundierte Einschätzung der Situation im Irak geben könnten, sind nicht Teil dieser Diskussionsrunden. Es geht mehr um Unterhaltung und Aufrechterhaltung der positiven Stimmung im Land als um nützliche Information. Das Time Magazine verwendet für diese Art der Berichterstattung den Begriff des Militainment. Eine Begleiterscheinung dieser patriotischen Berichterstattung ist eine Art von freiwilliger Selbstzensur. Die Sender möchten dem amerikanischen Publikum keine schockierenden Bilder von amerikanischen oder zivilen Opfer zumuten. „All U.S. networks engaged in extremely patriotic discourses and avoided showing casualties or the destructive elements of the Iraq incursion” (Kellner 2005, 64). Die Berichterstattung konzentriert sich auf positive Meldungen und die Heroisierung der amerikanischen Truppen durch „asymmetrically focusing on feel-good American stories” (Katovsky/Carlson 2003, 17).

Ignoranz gegenüber Kritikern und Kriegsgegnern

Kritik an den Kriegsmotiven der US-Regierung und Skepsis gegenüber einer notwendigen militärischen Intervention finden sich zu Beginn zwar in vielen Qualitätsmedien, beispielsweise in den Editorials der New York Times. Diese kritische Haltung geben die meisten US-Medien jedoch auf, als deutlich wird, dass das große Medienspektakel <Irak-Krieg> unmittelbar vor der Tür steht. Wer dann noch kritische Fragen stellt, findet in der allgemeinen patriotischen, kriegsbejahenden Atmosphäre kein Gehör mehr oder wird von der Konkurrenz ausgelacht. „Critics of the war were not just ridiculed; they were ignored and marginalized“ (Schechter 2006, 76), dies gilt besonders für die Anti-Kriegsbewegung. In der Phase der weltweiten Demonstrationen gegen den Irak-Krieg im Februar 2003 wird das Versagen der amerikanischen Journalisten in diesem Punkt besonders gut sichtbar. Die Bilder marschierender Demonstranten werden zwar gezeigt, aber es fehlt an ihrer kritischen Einordnung und Kommentierung. Der politische Zusammenhang wird selten verdeutlicht, die Isolation der Amerikaner in der Welt und die Zweifel anderer Nationen an der Notwendigkeit des Krieges kaum thematisiert. „The mainstream media sort of ghettoizes this kind of coverage and doesn’t allow it to really enter into mainstream discourse“ (Schechter 2006, 161), bedauert Medienbeobachter Danny Schechter. Um Informationen über die Antikriegsbewegung zu erhalten, mussten Rezipienten auf andere Medien ausweichen, vorzugsweise unabhängige und alternative Websites im Internet oder ausländische Programme wie das der BBC oder der arabischen Sender.

Nach Meinung Danny Schechters haben die US-Medien geholfen, den Weg für einen Krieg zu ebnen, anstatt sich kritisch mit den offiziellen Kriegsgründen auseinanderzusetzen. „The corporate media had done little to critically discuss Bush administration claims that Iraq had deadly weapons of mass destruction, ties to Al Qaeda, and posed an imminent threat to the United States” (Kellner 2005, 63). Diese Behauptungen werden ohne stichhaltige Beweise in die Berichterstattung übernommen. Schechter spricht daher von „failures of the powerful U.S. news industry, which gave the war its legitimacy and organized public support for it by a pattern of over-hyped and under-critical reporting” (Schechter 2006, 12).

Dramatisierung und Inszenierung des Medienspektakels

Abb.2: Inszenierte Rettung von Private Jessica Lynch aus irakischer Gefangenschaft Quelle: http://news.bbc.co.uk/1/hi/programmes/correspondent/3028585.stm

Die US-Mainstream-Medien präsentieren den Irak-Krieg als ein großes Medienspektakel. Besonders die großen Broadcaster ziehen dramatische Geschichten über heldenhafte amerikanische Soldaten einer kritischen Darstellung der Kriegsrealität vor. Der Krieg als solcher lässt sich gut als Mediendrama inszenieren. So können Fernsehzuschauer aller TV-Sender in Amerika die Inszenierung heroischer Militäraktionen, wie beispielsweise die Befreiung von Private Jessica Lynch aus einem irakischen Krankenhaus wie eine „dramatic rescue, obviously staged like a reality TV show” (Kellner 2005, 66) betrachten. Das Fernsehen allgemein scheint den Irak-Krieg als Herausforderung zu begreifen, eine besonders beeindruckende Darstellung zu liefern. „Media outlets were willing, even enthusiastic participants in presenting the made-for-television spectacle” (Schechter 2003, 17). Der Kampf von Gut gegen Böse wird immer wieder zur Schablone für eine Berichterstattung „[…] with news being structured as a patriotically correct morality soap opera with disinterested good guys (us) battling the forces of evil (them/him)” (Schechter 2003, 21). Der Großteil der Beiträge folgt somit einer ganz bestimmten Storyline, der Gegenüberstellung von „forces of light versus the forces of darkness” (Schechter 2003, 21). Die Medien akzeptieren fast ohne Ausnahme die Vorgaben von Regierung und Militär für eine positive Berichterstattung, Abweichungen sind selten zu finden. „Media outlets, all of which seemed to be following the same script and echoing the same narrative” (Schechter 2006, 9), klagt Medienbeobachter Danny Schechter. US-Medien zeigen seiner Meinung nach eine extrem auffällige „uniformity in viewpoint” (Schechter 2006, 10).

Abb.3: Inszenierung der Rede George W. Bushs auf einem Flugzeugträger nach Ende der Kampfhandlungen Quelle: http://www.cbsnews.com/elements/2003/05/02/in_depth_politics/photoessay552016_0_11_photo.shtml

Neben der Befreiung von Private Lynch sind der Sturz der Saddam Statue in Bagdad und George Bushs Erklärung des Endes der Kriegshandlungen zwei herausragende Beispiele für mediale Inszenierung. Der Auftritt Bushs auf einem Flugzeugträger wird sogar mit berühmten Filmszenen verglichen: „<Mission accomplished> proclaimed President Bush in a scene out of the movie <Top Gun>“ (Schechter 2006, 208). Den Sturz der Saddam Statue am 9. April 2003 beschreiben Rampton und Stauber als Inszenierung, die den Amerikanern vor den Fernsehbildschirmen endlich die ersehnten Bilder von Irakern liefern sollte, die ihren amerikanischen Befreiern zujubeln, weil diese Saddams Regime ein Ende gesetzt haben. Die Verhüllung der Statue mit der amerikanischen Flagge und der Jubel der Iraker wirken jedoch sorgfältig geplant und keinesfalls wie spontane Gefühlsäußerungen. „This scene seemed a bit too picture-perfect“ (Rampton/Stauber 2003, 4).

Krieg als Sportereignis

Die Metaphorik des Sports wird aus nachvollziehbaren Gründen besonders häufig bei Fernsehsendern eingesetzt. Sport ist ein einfaches Unterhaltungsformat, mit dem amerikanische Haushalte gut vertraut sind. „This Sports metaphor offered a simplified narrative mimicking a familiar TV format” (Schechter 2006, 167). Der Kampf zweier gegnerischer Mannschaften kann leicht auf den Kampf zwischen verschiedenen Kriegsparteien übertragen werden. Der Krieg wird von Beginn an als Kampf zwischen den Guten und den Bösen dargestellt, in der Vorbereitungsphase titeln die TV-Sender immer wieder mit dem Slogan <Countdown to war>. Der Krieg wird vorbereitet und beworben wie das Finale eines großen Sportevents. „The war is pictured as an ultimate showdown between good and evil” (Mock/Rettich 2003, 275). Der Wunsch von Regierung und Pentagon nach einer patriotischen Berichterstattung lässt sich in der Sportmetaphorik als <Supporting-our-team>-Haltung der Zuschauer umsetzen. Der Zuschauer wird in eine passive Haltung versetzt, als wäre er Zeuge eines Footballspiels. Gleichzeitig kann man sich seiner moralischen Unterstützung sicher sein.


Ökonomische Interessen

Für viele Mainstream-Medien ist der Krieg ein Produkt, das verkauft werden muss. Die Unterstützung des politischen Konsens und die Werbung für das Militär und seine neuesten Waffensysteme können sich für die Sender zu einem profitablen Geschäft entwickeln. Das Nachrichtengeschäft wird davon mittlerweile ebenso beeinträchtigt wie die Unterhaltungsmedien, denn der Krieg lockt in beiden Formaten Zuschauer an. „The news business is more than happy to oblige because war attracts viewers in large numbers” (Schechter 2003, 18). Zustimmung zahlt sich eher aus als Kritik, so provokativ formulieren es manche Medienkritiker. „Thus the logical ratings and profit dictated that during times of war the broadcasting media, and to a lesser extent the press, would be cheerleaders for the war effort“ (Kellner 2005, 68). Damit liefern sie eine Erklärung für die Ausblendung kritischer Themen aus der amerikanischen Berichterstattung. „Antiwar voices and protests were necessarily excluded in the profit-driven and prowar atmosphere of media coverage of U.S. military intervention” (Kellner 2005, 68). Eine kritische Haltung der Medien hätte womöglich finanzielle Nachteile zur Folge gehabt. Daher entschließen sich die Sender ihren Zuschauern die Darstellung des Krieges zu verkaufen, die sich am besten verkaufen lässt. Von neutraler, objektiver und unvoreingenommener Berichterstattung ist daher kaum zu sprechen, denn „the war coverage sold the war even as it claimed to be just reporting it” (Kellner 2005, 68).


Studien zur amerikanischen Berichterstattung und deren Nachlässigkeiten

Sean Aday, Steven Livingston und Maeve Hebert haben eine Studie zur Berichterstattung der fünf amerikanischen Fernsehsender ABC, CBS, NBC, CNN und FNC durchgeführt und mit der Berichterstattung von Al-Dschasira verglichen. Untersucht wurde die Objektivität und Neutralität der Sender bzw. inwiefern sie von solchen journalistischen Normen abgewichen sind. Die zentrale Frage der Analyse lautet: „Was the press biased?“ (Aday/Livingston/Hebert 2005, 4). Die Analyse geht von der Hypothese aus, dass Medien in Kriegszeiten in der Regel einen „supportive tone of media coverage“ (Aday/Livingston/Hebert 2005, 5) anschlagen und den „official sources“ (Aday/Livingston/Hebert 2005, 6) wie Regierungskreisen und Militär mehr Glauben schenken, um Land und Truppen den nötigen Rückhalt zu geben.

Als Zeichen für fehlende Neutralität in der Berichterstattung wurden beispielsweise meinungsgeladene Aussagen, „opinionated assessments“ (Aday/Livingston/Hebert 2005, 10), Abwertungen von Kriegsgegnern in Form von „value-laden critiques of opponents of the war“ (Aday/Livingston/Hebert 2005, 10) und die Verwendung des „first person plural“ (Aday/Livingston/Hebert 2005, 10) betrachtet. Abweichungen in Form einer überkritischen negativen Berichterstattung sind erkennbar an „value-laden phrases (e.g., <war of occupation>)“ (Aday/Livingston/Hebert 2005, 10) oder der Konzentration auf „civilian casualties in a way that seems to go beyond merely reporting the story straight“ (Aday/Livingston/Hebert 2005, 10). Folgende Ergebnisse liefert die Studie:

  • Alle amerikanischen Sender konzentrieren sich stark auf militärische Kampfhandlungen, Taktiken und Strategien.
  • 6,7 Prozent der Beiträge auf Al-Dschasira handeln von Kriegsgegnern und Widerstand gegen die amerikanische Vorgehensweise in den USA selbst und im Ausland. Die amerikanischen Sender widmen sich diesem Thema nur sehr marginal.
  • Ebenso wenig Aufmerksamkeit finden Themen wie die internationale Diplomatie der UN oder der Wiederaufbau nach dem Krieg. Al-Dschasira behandelt diese Themen in 13 Prozent der Beiträge.
  • Besonders FNC und CNN’s <Lou Dobbs Show> berichten kaum über amerikanische, irakische oder zivile Opfer.
  • Der Ton der Beiträge ist im Durchschnitt neutral, aber es gibt positive wie negative Abweichungen. FNC berichtet am häufigsten pro-amerikanisch.


Wann immer Abweichungen von einer neutralen Berichterstattung auftauchen, so sind sie abhängig von der kulturellen Prägung der jeweiligen TV-Stationen. Al-Dschasira tendiert zu einer negativeren kritischen Berichterstattung, amerikanische Sender zu einer positiven pro-amerikanischen. Die proamerikanische, unkritische Berichterstattung im amerikanischen Fernsehen hängt laut dieser Studie mit kulturellen und nationalen Bindungen der Medien zusammen.

Ingrid A. Lehmann hat eine ähnliche Studie zur Berichterstattung in amerikanischen und deutschen Printmedien und Nachrichtensendungen im Fernsehen durchgeführt. Analysiert wurde die Irak-Berichterstattung in der New York Times und in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, ebenso wie die Hauptnachrichtensendungen Tagesschau und NBC Nightly News. Lehmann unterstellt in der Untersuchung des von ihr beobachteten „transatlantic media divide over Iraq“ (Lehmann 2005, 63), dass die Medien in Krisenzeiten an ihre jeweilige Kultur gebunden sind und Ereignisse ihrer kulturellen Bindung gemäß wahrnehmen und bewerten. „[…] in times of crisis, media are indeed culture-bound and are less likely to voice opposing views than in times of noncrisis” (Lehmann 2005, 83). Laut Lehmann haben die US-Medien daher den vorhandenen politischen und nationalen Konsens unterstützt, statt ihn zu hinterfragen. „U.S. journalists accepted, for the most part, uncritically the slogans of the Bush administration“ (Lehmann 2005, 85). Sie erklärt dieses Verhalten der amerikanischen Medien durch die Existenz eines „predominant national consensus that prevailed since 9/11“ (Lehmann 2005, 85). Die amerikanischen Medien zeigen den Amerikanern somit das Bild des Krieges, das diese ihrer Meinung nach sehen möchten und das der allgemeinen amerikanischen Wahrnehmung des Krieges entspricht.

Die Bonner Studie Media Tenor befasst sich mit der Untersuchung von drei US-Sendern, einem britischen, drei deutschen TV-Programmen, zwei tschechischen und zwei südafrikanischen Sendern. Analysiert werden jeweils die Hauptabendnachrichten in dem Zeitraum vom 20. März bis zum 16. April 2003. Folgende Fragestellungen bestimmen die Analyse: „To what degree are American patriotism and European anti-Americanism a by-product of news coverage of the war?“ und „To which degree were journalists in the U.S. and abroad serving the interests of their governments, intentionally or not? Was the media merely part of a larger war strategy?” (Mock/Rettich 2003, 267).

Die Ergebnisse dieser Studie stützen die Schlussfolgerungen der beiden oben vorgestellten Studien. Amerikanische Sender berichten anders über den Krieg als beispielsweise europäische Sender. Der Ton ihrer Berichterstattung ist um einiges positiver im Hinblick auf die Bewertung der Kriegsgeschehnisse und der Kriegsziele. „American broadcast news coverage of the war assumed a tone that was as positive as that of European coverage was negative” (Mock/Rettich 2003, 269). Die deutschen Sender schließen sich der in Europa vorherrschenden Kritik am Irak-Krieg an und berichten überwiegend negativ über den amerikanischen Vormarsch mit beispielsweise insgesamt nur 6 Prozent positiven Aussagen bei RTL aktuell. Der britische Sender BBC berichtet am neutralsten, er verzichtet weitgehend auf explizit positive oder negative Statements. Alle untersuchten Sender konzentrieren sich stark auf die militärische Aktion. Unterschiede gibt es in Bezug auf die Protagonisten, die in den Berichten zu Wort kommen. Die U.S. Networks zeigen in 50% der Beiträge Politiker oder Militärs, konzentrieren sich dabei aber nur auf Amerikaner und verzichten auf Protagonisten der Koalitionspartner. Weltpolitische Zusammenhänge und Argumente gegen den Krieg werden in den Beiträgen der US-Sender kaum thematisiert. „[…] coverage of the war was largely de-politicized and journalists were running the danger of merely providing infotainment instead of contributing to public debate by focusing more on the political issues surrounding the war, both domestically and internationally” (Mock/Rettich 2003, 271). Die deutschen Sender wenden sich noch am stärksten dem Thema der internationalen Politik zu. Sie äußern in ihren Beiträgen auch die stärkste Kritik an der amerikanischen Vorgehensweise und bieten daher den Antikriegsprotesten den meisten Raum. Das ZDF beispielsweise ist führend bei der Berichterstattung über die Ignoranz der Alliierten gegenüber der Meinung der Weltöffentlichkeit. Die amerikanischen Sender verzichten ganz auf die visuelle Darstellung von amerikanischen Kriegsopfern, die europäischen zeigen im Gegenzug verstärkt irakische Opfer. Im deutschen Fernsehen nehmen Journalisten sehr häufig die irakische Perspektive ein. „German television reporting on victims clearly focused on the Iraqi side“ (Mock/Rettich 2003, 276). Während des Krieges werden bei allen untersuchten Sendern die Legitimität des Angriffes und die weltweiten Proteste nur noch am Rande zur Kenntnis genommen und in die Berichterstattung integriert. Die Berichterstattung über die Vereinten Nationen endet praktisch mit Beginn des Krieges.

Unterschiedliche Wahrnehmung des Krieges

In der Berichterstattung über den Irak-Krieg nehmen die Medien aus den verschiedenen Ländern zum Teil recht unterschiedliche Perspektiven ein. „The 2003 Iraq war was a major global media event constructed very differently by varying broadcasting networks in diverse parts of the world” (Kellner 2005, 63). In den USA zeigen sie das Bild eines <sauberen> Krieges zur Befreiung des irakischen Volkes von seinem Diktator und zur Abwehr einer gefährlichen Bedrohung für die amerikanische Bevölkerung. Die Propagandastrategie der US-Regierung wird unterstützt, wesentliche journalistische Prinzipien wie Neutralität, Objektivität und Distanz zum Gegenstand der Berichterstattung werden vernachlässigt. Informationen der offiziellen Quellen werden nicht ausreichend auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft und diskutiert. Als Gründe für diese Nachlässigkeiten werden genannt: „The strength of patriotic feelings, the desire to apply crude dichotomies of good versus evil to an increasingly complex world, plain sloppiness, lack of professional skills and the fact that there is in most societies an elite political consensus that frames contemporary history in accordance with elite interests” (Berenger 2004, 23). Medien in vielen Ländern fühlen sich der Elite zugehörig, das bringt sie in die Versuchung deren Konsens ebenfalls zuzustimmen. Eine von politischen, nationalen Interessen unabhängige Berichterstattung der amerikanischen Medien hat sich im Falle des Irak-Kriegs nicht durchgesetzt. Die Medien haben den allgemeinen Kurs unterstützt. „There was a uniformity of perspective, a reliance on the same sources and <facts>, alongside a dismissal of critics and dissenters” (Schechter 2006, 29). Medienkritiker Eric Alterman gibt den US-Medien die Schuld daran, dass der Krieg nicht verhindert wurde. „[…] the fact that they allowed the Bush administration to manipulate the truth so grossly and so nakedly in the runup to the war made the war possible“ (Schechter 2006, 153).

Die Berichterstattung in anderen Ländern nimmt zum Teil eine vollkommen andere Perspektive ein. „Americans saw a different war than the one presented in the media in Europe and the Arab world“ (Schechter 2003, 22). Dennoch sind auch dort Abhängigkeiten von nationalen Interessen und kultureller Prägung in der Berichterstattung erkennbar. Die westlichen Medien haben bereitwilliger als ihre Konkurrenz in der arabischen Welt die Informationen der offiziellen amerikanischen Quellen verbreitet. „With some exceptions, the majority of the Western mainstream media was helpful to the invaders. […] They gave the war protagonists (Bush, Cheney, Rumsfeld, Powell, Blair, Hoon, and Campbell) ample space to mislead the public” (Berenger 2004, 22). Trotz der Präsenz gleicher Protagonisten zeigen sich dennoch Unterschiede, sogar zwischen amerikanischer und britischer Berichterstattung. In Großbritannien ist die Unterstützung des Krieges durch die Medien längst nicht so einstimmig wie in den USA. „British opinion was divided“ (Ravi 2005, 57) und sie bleibt es auch während der gesamten Kriegsdauer. Es gibt innerhalb des britischen Mediensektors zwei unterschiedliche Lager. Die einen unterstützen den Einsatz britischer Truppen im Irak, die anderen stellen ihn bis zuletzt in Frage. „The Times and the Guardian represent the two ideological ends of the opinion on the war“ (Ravi 2005, 60), wobei der Guardian am deutlichsten Position gegen den Irak-Krieg bezieht. Zuschauer aus den USA greifen verstärkt auf die Berichterstattung der BBC zurück, um eine alternative Sichtweise zu der in den amerikanischen Medien dominierenden Sichtweise zu erhalten. Alternative Stimmen kommen im US-Fernsehen selten zu Wort, besonders Stimmen aus der arabischen Welt, allerdings gibt es ein paar wenige Ausnahmen. „If U.S. viewers watched carefully, they could find some Arab perspective on TV“ (Gladney 2004, 22). Die meisten Amerikaner dürften diese Angebote aber wohl eher selten genutzt haben. Kritische Medienangebote werden durch die Berichterstattung der Mainstream-Medien häufig an den Rand der Wahrnehmung verdrängt, dennoch sind sie vorhanden. „In fact, there were critics on media outlets worldwide, and many in the U.S., especially in the independent media sector. The problem is they were largely ignored, and still are” (Schechter 2006, 2), bedauert Danny Schechter, als Redakteur bei Mediachannel.org selbst Mitgestalter eines solchen unabhängigen Informationsportals.

Abb.4: Berichterstattung über amerikanische Opfer auf Al-Jazeera Quelle: http://www.scoop.co.nz/stories/HL0303/S00212.htm

Die Berichterstattung arabischer Medien stellt meist das genaue Gegenteil der amerikanischen Berichterstattung dar. Zwar sehen amerikanische Zuschauer häufig Bilder von Al-Dschasira, aber mit neuen Texten. „We saw images from Al-Jazeera but rarely heard its analysis“ (Schechter 2003, 21), erklärt Schechter. Al-Dschasira wird in den USA und in Großbritannien als “one-sided propaganda organ” (Schechter 2006, 216) abgewertet, weil der Sender wie andere arabische Sender den Krieg in seiner Brutalität und Grausamkeit zeigt und nicht vor der Darstellung ziviler Opfer zurückschreckt. Die amerikanischen Sender konzentrieren sich dagegen auf eine möglichst <saubere> Darstellung und stellen militärische Strategien, Taktiken und Waffentechniken in den Mittelpunkt der Berichterstattung. Sie üben Selbstzensur, um ihre Zuschauer nicht zu verärgern. „All of the cable networks, as well as the big three U.S. broadcasting networks, tended to provide highly sanitized views of the war, rarely showing Iraqi casualties, thus producing a view of the war significantly different than that shown in other parts of the world” (Kellner 2005, 66). Neben der Darstellung von Opfern werden auch zahlreiche weitere kritische Themen im US-Fernsehen ausgeblendet, über die arabische Medien verstärkt berichten. „The U.S. networks tended to ignore Iraqi casualties, Arab outrage about the war, and global antiwar and anti-U.S. protests […] and tended toward promilitary patriotism, propaganda, and technological fetishism, celebrating the weapons of war and highlighting the achievements and heroism of the U.S. troops” (Kellner 2005, 67). Die arabische Konkurrenz liefert ein deutlich anderes Bild des Krieges: „In most Arab media, the war was presented as an invasion of Iraq, slaughter of its peoples, and destruction of the country” (Kellner 2005, 67). Zwei Medienwelten treffen hier aufeinander, was zu teilweise vollkommen unterschiedlicher Wahrnehmung und Darstellung der Realität führt. „[…] it was as if the two media spheres were reporting about different wars on different planets“ (Gladney 2004, 18). Aber auch die arabischen Medien sind vor der Gefahr der einseitigen Berichterstattung nicht geschützt und Kritiker machen ihnen den Vorwurf, die irakische Perspektive favorisiert und einen Anti-Amerikanismus geschürt zu haben.

(Christa Weber)

Medien in Deutschland

Die Berichterstattung in den deutschen Medien – vor allem das Fernsehen wird im Folgenden genauer betrachtet – unterscheidet sich von der der #Medien in den USA. Charakteristisch für die Berichterstattung in Europa und vor allem in Deutschland ist eine permanente Selbstreflexion der Medien, eine Berichterstattung über die Berichterstattung und ein permanentes Zweifeln am eigenen Tun. So sind im Zeitraum vom 20.März 2003 bis zum 2.April 2003 nahezu 80 Prozent der Äußerungen von tagesthemen-Moderatorin Anne Will in Bezug auf den Irak-Krieg Vermutungen und Spekulationen über Hintergründe (vgl. Szukala 2003, 25).

(Julia Kalck)


Fernsehberichterstattung während des Krieges

Eine vergleichende Analyse der Fernsehberichte über den Irak-Krieg hat die Berichterstattung der meist genutzten deutschen Sender ARD/Das Erste, ZDF , RTL, Sat.1, n-tv und N24 im Zeitraum vom 10. März bis zum 13.April 2003 untersucht. Lässt man die beiden reinen Nachrichtenkanäle n-tv und N24 bei der Betrachtung außer Acht, so kann man feststellen, dass es zwischen den öffentlich-rechtlichen und den privaten Sendern Unterschiede in der Berichterstattung gibt. Zum einen sind Unterschiede hinsichtlich des Sendevolumens der Irak-Berichterstattung erkennbar. So fallen etwa 70 Prozent der Gesamtberichterstattung der Vollprogramme (Das Erste, ZDF, RTL, Sat.1) auf die beiden öffentlich-rechtlichen, etwa 30 Prozent auf die privaten Kanäle. Auch in den Sendungsformen gibt es Unterschiede, denn ARD und ZDF zeigen eine größere Vielfalt an Darstellungsformen– während dort auch Reportagen, Dokumentationen oder Diskussionssendungen das Thema behandeln, beschränken sich RTL und Sat.1 fast ausschließlich auf eine nachrichtliche Aufbereitung des Kriegs (vgl. Krüger 2003, 408).

Zum Inhalt der Berichterstattung lassen sich folgende Beobachtungen machen: Beherrschendes Thema in den Nachrichtensendungen ist bei allen vier Sendern die Wiedergabe des Kriegsgeschehens, allerdings befassen sich Das Erste und das ZDF stärker mit politischen Themen, wohingegen RTL und Sat1 vermehrt Informationen technisch-militärischer Natur bieten. Auch das Kriegsgeschehen – also Kampfhandlungen und materielle Kriegsschäden – werden bei RTL und Sat 1 häufiger als bei den öffentlich-rechtlichen gezeigt.

Ein weiterer Aspekt scheint hier interessant, der zugleich auch ein weiteres wichtiges Unterscheidungsmerkmal zwischen den US- und den deutschen Medien ist: #Embedded journalists, die für die amerikanische Kriegspropaganda und auch in den amerikanischen Medien eine große Rolle spielen, werden in der deutschen Berichterstattung nur selten, in größerem Umfang gar nur von RTL genutzt. So fallen von insgesamt 39 Beiträgen dieser Art 34 allein auf den Sender RTL. Dessen eingebetteter Reporter Ulrich Klose begleitete die 3. US-Infanteriedivision. Ebenfalls bei der 3. Infanteriedivision war Guido Schmidtke von Sat.1 (3 Berichte), für das ZDF war Roland Strumpf auf dem US-Flugzeugträger Theodore Roosevelt und Jay Truck war für Das Erste auf dem Flugzeugträger Harry S. Truman (jeweils 1 Bericht).

(Julia Kalck)

Einsatz vielfältiger Quellen

Die deutschen Medien insgesamt befinden sich in einer anderen Ausgangsposition als die amerikanischen Medien. Diese stehen im Fokus der Aufmerksamkeit von US-Regierung, Public Relations-Beratern und US-Militär und sind abhängig von den Informationen, die von offizieller Seite aus verbreitet werden. Sie sind als Medien im Land einer der Kriegsparteien vielfach der Meinung ihre Truppen und den Präsidenten in seinem Vorhaben unterstützen zu müssen, um ihre patriotische Pflicht zu erfüllen. Die deutschen Medien begegnen diesen offiziellen Informationsquellen mit mehr Skepsis und Vorsicht und versuchen in der Regel, diese Quellen durch Einbezug weiterer Quellen aus anderen Medien und Ländern zu verifizieren. Udo Michael Krüger stellt bei seiner Studie zur Berichterstattung über den Irak-Krieg von ZDF, Das Erste, RTL und Sat1 fest, dass deutsche Fernsehsender „bestrebt waren, die Interessen der Kriegsparteien durch mehrseitige Informationen zu neutralisieren“ (Krüger 2003, 411) und sich nicht nur auf eine einzige Quelle zu verlassen. Sie sind stattdessen bemüht die Perspektiven aller Betroffenen darzustellen. „Es wurde eine Vielfalt verschiedener Informationsquellen genutzt, die es angesichts der dominanten Rolle von CNN im Golfkrieg 1990/91 vorher so nicht gab und in der sich ein infrastruktureller Wandel der Nachrichtenproduktion und -beschaffung zeigt“ (Krüger 2003, 411). Multiperspektivische Darstellung des Konfliktes und Informationsbeschaffung bei unterschiedlichen Quellen wird auch aufgrund des Misstrauens in die offiziellen Quellen der Kriegsparteien zu einer Notwendigkeit. „Statt nur einer Quelle Glaubwürdigkeit zuzuschreiben, begegneten die Journalisten den Quellen häufig mit Skepsis und sorgten so für eine neue Qualität des Kriegsjournalismus“ (Krüger 2003, 412).


Anti-Amerikanismus und Anti-War-Frame

Trotz der von Udo Michael Krüger erkannten neuen Qualität im Kriegsjournalismus wird auch Kritik an der Berichterstattung deutscher Medien geäußert. Ingrid A. Lehmann unterstellt den Fernsehsendern und Printmedien, mit Ausnahme der Berichterstattung in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, dass sie sich ähnlich wie die amerikanischen Medien von der Regierung haben instrumentalisieren lassen und zum Großteil den Anti-Kriegs-Frame der Regierung Schröder in ihre Berichterstattung übernommen haben. „The German media […] did not contravene the government’s antiwar frame“ (Lehmann 2005, 85). Der öffentlichen Meinung in den meisten europäischen Ländern folgend, hätten die Medien in Deutschland dazu beigetragen, den vorherrschenden Anti-Amerikanismus durch ihre Berichterstattung weiter zu verstärken. „They did not critically distance themselves from growing anti-Americanism in the German public but instead rode that popular wave“ (Lehmann 2005, 85). Lehmann stellt weiter fest, dass „both the Bush and the Schroeder governments were able to build on a predominant national consensus” (Lehmann 2005, 63), was die Medien in beiden Ländern in unterschiedlicher Form dazu gebracht hat, ihre eigentliche Funktion zu vernachlässigen. „In the period between the 9/11 attacks and the war against Iraq, the media have largely relinquished their watchdog function, a critical function for democratic societies that must be restored” (Lehmann 2005, 86). Eine Kritik, die sich in Anbetracht der Schwächen in der Berichterstattung wohl hauptsächlich auf die amerikanischen Medien bezieht. Dennoch gelingt auch den deutschen Medien keine wirklich objektive und neutrale Berichterstattung, denn sie nehmen zu häufig einseitig die Perspektive der irakischen Bevölkerung ein und kritisieren permanent die amerikanische Vorgehensweise. Dadurch helfen sie dabei, die Überzeugungen der Bundesregierung in Bezug auf den Irak-Krieg in der Bevölkerung weiter zu verbreiten. „After assuming a position of sharp criticism of the American military actions, which was abandoned only with the increasing success of the operation, and after fixating on the Iraqis as suffering victims, they created a representation of the war for the German television-viewing public which was neatly in line with the position of the German government” (Mock/Rettich 2003, 276). Eine differenziertere Darstellung des Krieges und eine kritische Auseinandersetzung mit der Haltung der deutschen Regierung zu dieser Frage, findet sich selten in der Berichterstattung deutscher Medien wieder, eine Ausnahme bildet wie bereits erwähnt die Berichterstattung der FAZ.

Krieg als Medienereignis

Auch die deutschen Medien machen sich zum Teil die Faszination des Krieges zu Nutzen, um Zuschauer an den Bildschirm zu fesseln. Die Sendezeit, die der Berichterstattung über den Irak-Krieg gewidmet wird, ist erstaunlich hoch, wenn man bedenkt, dass deutsche Truppen nicht am Krieg beteiligt sind. „For the German media, the war was a mega-event that was given more coverage than the catastrophic Elbe flood“ (Mock/Rettich 2003, 274). Die Grenzen zwischen Übermittlung von relevanter Information an den Zuschauer und der Präsentation schockierender Bilder zur Unterhaltung der Zuschauer ist in der Kriegsberichterstattung heute fließend. Sicher sind nicht nur amerikanische Mainstream-Medien der Versuchung erlegen, den Krieg als Mega-Event an ihr Publikum zu <verkaufen>.

(Christa Weber)

Veränderungen in der Kriegsberichterstattung

Der Irak-Krieg führt die Medien endgültig ins Informationszeitalter und stellt sie vor neue Probleme und Herausforderungen. Gleichzeitig verändern sich die Möglichkeiten der Kriegskommunikation und die Konkurrenz der Medien untereinander wird verschärft. Die Medien werden durch bestimmte Zwänge in Versuchung geführt, ihre Watchdog-Funktion innerhalb der demokratischen Gesellschaft zu vernachlässigen. Kriege werden als Mega-Events verkauft, die Berichterstattung tritt dabei zuletzt häufig in den Hintergrund.

Es gibt soviel Information über den Irak-Krieg wie über keinen anderen Krieg zuvor. „No other war has been as extensively reported as was the 2003 Iraq War” (Berenger 2004, 27). Allerdings sind die Medien, über die diese Informationen verbreitet werden, häufig abhängig von nationalen Interessen, kultureller Prägung oder offiziellen Quellen, die die Medien gezielt mit professioneller Propaganda überschütten und für ihre Zwecke instrumentalisieren. Der Rezipient muss in diesem Krieg sorgfältiger als bisher Informationen auswählen. Wer sich nicht täuschen lassen möchte und nach alternativen Sichtweisen und einer kritischen Auseinandersetzung mit der Thematik sucht, der weicht daher häufig auf unabhängige Quellen im Internet, beispielsweise auf Weblogs, zurück. Die traditionellen Medien verlieren das Vertrauen der Rezipienten und das Internet steigt endgültig zum Informationsmedium auf.


Neue Voraussetzungen

Im Golfkrieg 1990/91 haben die Medien durch das Poolsystem und die starke Zensur des amerikanischen Militärs wenig authentische Informationen und kaum Bilder vom tatsächlichen Kriegsgeschehen erhalten und ihren Rezipienten zur Verfügung stellen können. Einzig CNN hatte diese Möglichkeit und konnte sich eine Monopolstellung aufbauen. Im Irak-Krieg von 2003 ändern sich die Voraussetzungen für eine umfangreiche Kriegsberichterstattung grundlegend. Statt Bildmangel gibt es eine Bilderflut, bedingt durch die Konkurrenz verschiedener westlicher und arabischer Medien, die live und in Echtzeit direkt von den Kriegsschauplätzen berichten. Verbesserte Technologien, Satellitentelefone, Notebooks und das Prinzip der eingebetten Journalisten, der embedded journalists, ermöglichen diese neue Unmittelbarkeit der Berichterstattung. Das Fernsehen als Livemedium bleibt die Hauptinformationsquelle der Rezipienten, allerdings gewinnt das Internet als Informationsplattform im Vergleich zum Kosovo-Krieg noch weiter an Bedeutung. Durch die Vernetzung zahlreicher Informationsquellen aus unterschiedlichen Ländern, die ihre Informationen über unterschiedliche Medien verbreiten, wird die einseitige Berichterstattung diverser traditioneller Medien durch eine multiperspektivische Darstellung des Krieges ergänzt. Mit Hilfe von Weblogs und Diskussionsforen werden erstmals verstärkt nicht offizielle Informationsquellen erschlossen und in die Berichterstattung der konventionellen Medien integriert. In Zeiten des netzwerkorientierten Krieges, des Information Warfare und der vernetzten Kommunikation werden Medien, besonders das Internet, zum integralen Bestandteil der Kriegsführung. Sie verbreiten Information, Desinformation und Propaganda und werden ebenfalls zur Manipulation der kommunikativen Infrastruktur des Gegners eingesetzt. Die Verantwortung der Medien in modernen Kriegen steigt an, denn sie haben es mit einer ganzen Reihe von Versuchungen zu tun, die eine objektive, neutrale, distanzierte und reflektierte Berichterstattung behindern.

Krieg als Medienevent

Moderne Kriege wie der Irak-Krieg von 2003 werden immer stärker als Medienevent erkannt und dementsprechend in den Medien präsentiert. Besonders in der Kriegsberichterstattung im Fernsehen werden die Grenzen zwischen Information und Unterhaltung häufig verwischt, was sich deutlich an der Berichterstattung der amerikanischen TV-Sender erkennen lässt. Dort wird die Kriegsberichterstattung zum Produkt, das mit Hilfe gekonnter Inszenierung an das Publikum verkauft wird. Aber nicht nur das Fernsehen hat von diesem Medienereignis profitiert. „The war helped cable television news. The viewing audience went from 2 million to 7.4 million during those first three weeks, while the three major networks held ratings ground. Internet traffic soared. Weblogs proliferated. Newspapers printed special war supplements. The public was granted frontrow seats in this media multiplex, but all this instant, around-the-clock reporting led to greater confusion […]” (Katovsky/Carlson 2003, 18). Der Mediennutzer hatte die schwierige Aufgabe, sich in dieser Flut aus Informationen und Infotainment zurechtzufinden, und die für ihn relevanten Informationen herauszufiltern.

(Christa Weber)

Erkenntnisse für den Journalismus

Während des Irak-Kriegs von 2003 haben Journalisten ihre Aufgabe mit unterschiedlicher Qualität erfüllt. Die Berichterstattung ist zwar umfangreich wie nie zuvor, aber diese Tatsache ist nicht auch gleichzeitig ein Hinweis auf guten Journalismus. Die Berichterstattung über diesen Krieg lässt grundlegende journalistische Praktiken häufig außer Acht. Gründe für eine fehlerhafte, zum Teil unkritische und zu einseitige Berichterstattung sind zum einen die Vernachlässigung journalistischer Grundprinzipien wie die Distanz zu Informationsquellen und die Objektivität und Neutralität in der Berichterstattung. Zum anderen sind Journalisten in Abhängigkeit von Regierung und Militär oder auch von allgemeinen kulturellen Vorstellungen geraten, die eine unvoreingenommene Berichterstattung behindert haben. Die Analyse der eigenen Berichterstattung bietet den Medien die Chance, Erkenntnisse über die Ursachen ihres Fehlverhaltens zu gewinnen und nach Möglichkeiten zu suchen, wie solche Nachlässigkeiten bei der Berichterstattung über zukünftige Konflikte verhindert werden können.


Reflexion über die eigene Berichterstattung

Neben all der Kritik an der Berichterstattung der Medien, besonders der amerikanischen, darf man die zahlreichen positiven Ausnahmen, vor allem in den alternativen Medien und im Internet, nicht vergessen. Dennoch gilt für Danny Schechter: „This media war brought out some of the best in journalism and too much of the worst. It showed the means business’ vast technological capacity to bring us live coverage from the battlefield, but also demonstrated its power to sanitize that coverage and spin it propagandistically” (Schechter 2003, 10). Propaganda ist zwar immer schon Bestandteil von Kriegen gewesen, allerdings sind in diesem Krieg Konzepte der Medieninstrumentalisierung und -täuschung von Beginn an Teil der Kriegspläne und Mittel zur politischen Legitimation. Die Medien haben es in diesem Krieg mit einer „Professionalisierung von Regierungspropaganda“ (Bussemer 2003, 28) zu tun.

Diese Ausgangssituation hat Auswirkungen auf die journalistische Arbeitsweise. Verletzungen journalistischer Normen und Prinzipien sind kein Einzelfall. Der immer größer werdende Drang nach Livebildern trägt ebenfalls dazu bei, dass vielfach die gründliche journalistische Recherche und die Präsentation der Sichtweise aller betroffenen Parteien aus der täglichen Arbeit vieler Journalisten verdrängt wird. „Visualization pushes old journalistic principles to the background” (Mock/Rettich 2003, 268). Aber die schnellsten Bilder sind nicht immer die besten, auch nicht die, von denen man glaubt, dass das Publikum sie sehen möchte. Sie müssen weiterhin mit Informationen versehen werden, die es dem Zuschauer ermöglichen, die Bilder in einen Zusammenhang einordnen und verstehen zu können. Daher ist es besonders bei der Berichterstattung über moderne Kriege wichtig, dass die Medien ihre eigene Leistung beurteilen und analysieren, wie es einige Medien bezüglich ihrer Irak-Berichterstattung bereits getan haben: „[…] there has been – at least among responsible journalists – a process of critical reflection and firm resolve to do better the next war“ (Berenger 2004, 23). Denn durch Selbstreflexion können Fehler erkannt und in Zukunft vermieden werden. In Bezug auf die Berichterstattung über den Irak-Krieg haben viele Medien im Nachhinein Nachlässigkeiten zugegeben. Die Erkenntnis bei einigen US-Medien, dass sie sich für Zwecke der Regierung haben instrumentalisieren lassen und viele Informationen der offiziellen Informationsquellen verbreitet haben, die sich später als falsch herausstellten, bietet eine Chance zur Besserung. „In Krisenzeiten sinkt das Vertrauen der Journalisten in die offiziellen Quellen und die Eigenaktivitäten in Form verstärkter Recherche nehmen zu“ (Bucher 2004, 283/84). Diese Verhaltensweise war in der Berichterstattung über den Irak-Krieg zu selten zu beobachten, ist aber Voraussetzung für eine kritische Berichterstattung. Zumal Kriege künftig womöglich noch stärker „entlang der Dramatisierungsregeln von Massenmedien inszeniert werden“ (Bussemer 2003, 28), um diese zu „Kooperationspartnern“ (Bussemer 2003, 28) zu machen. Immerhin sollten die Medien nach den jüngsten Erkenntnissen über Manipulationsversuche offizieller Quellen im Hinblick auf die Irak-Berichterstattung gewarnt sein, diesen Quellen zukünftig wieder mit mehr Distanz und Skepsis zu begegnen.


Neue journalistische Aufgaben

Im Irak-Krieg von 2003 die Aufgabe der Journalisten darin bestanden, die relevanten, authentischen Informationen aus einer großen Menge von Informationen, die zu einem Großteil von Propaganda- und PR-Profis verbreitet wurden, herauszufiltern. „War es vorher die Zentralisierung der Information durch die Militärs, die journalistisch recherchierte Darstellungen behinderte, so ist es im Falles des Golfkrieges von 2003 gerade die Dezentralisierung der Informationen auf einem komplexen Informationsmarkt, die die öffentliche Meinungsbildung dem journalistischen Gatekeeping zu entziehen droht“ (Bucher 2004, 280). Mediennutzer können im Internet selbst auf Informationssuche gehen und tun dies verstärkt, wenn sie den Eindruck gewinnen, dass die traditionellen Medien ihrer Aufgabe nicht gerecht werden können. „Öffentliche Kriegskommunikation ist multiperspektisch geworden“ (Bucher 2004, 295). Das bedeutet gleichzeitig, dass Medien nicht mehr nur einer Quelle vertrauen, sondern mehrere Perspektiven einbeziehen und Informationen vernetzen. Nur durch die Betrachtung verschiedener Quellen kann man falsche Informationen erkennen und der professionalisierten Propaganda entgehen. Denn die Aufgabe der Journalisten ist es schließlich, „Situationen nicht nur sichtbar, sondern auch durchschaubar zu machen“ (Tilgner 2003, 188).


Hindernisse für eine objektive Kriegsberichterstattung

Obwohl viele Medien nach dem Irak-Krieg Nachlässigkeiten in ihrer Berichterstattung zugegeben haben und in Zukunft eine sorgfältigere Recherche und gründlichere Prüfung der Quellen versprechen, bleiben bei manchen Kritikern doch Zweifel an der Durchsetzbarkeit von objektiver, überparteilicher Berichterstattung in Kriegszeiten. Dafür werden Entwicklungen innerhalb des Mediensystems verantwortlich gemacht, die der Unabhängigkeit von Medienunternehmen entgegenwirken. Ökonomische Interessen, die Konkurrenz zwischen den einzelnen Medien und den Druck durch politische Entscheidungsträger nennt Ralph D. Berenger als wesentliche Hemmnisse für eine objektive Kriegsberichterstattung. „The institutional context of media coverage with its pressures of political preference, economic interests, and the dictates of time and competition shows no signs of radical change in the years ahead” (Berenger 2004, 23). Zusätzlich prognostiziert er für zukünftige Konflikte ein noch größeres Ungleichgewicht zwischen Medien und ihren Informationsquellen. „It is also quite probable that in future conflicts the inequality of arms between the propagandists and the journalists will further increase” (Berenger 2004, 23). Betrachtet man das Verhältnis von Journalisten und Public Relations-Beratern in den USA – letztere sind den Journalisten zahlenmäßig bereits weit überlegen - so erscheint Berengers Prognose sehr wahrscheinlich. Medienkritiker Danny Schechter geht sogar soweit zu behaupten, dass Medien die Demokratie gefährden, wenn sie den Interessen von Regierungen und militärischen Kreisen dienen. Die Berichterstattung vieler US-Medien über den Irak-Krieg veranlasst Schechter zu der Schlussfolgerung, „[…] that we no longer live in a traditional democracy, but, rather, a media-ocracy, a land in which media drives politics and promotes the military” (Schechter 2003, 17). Die Verflechtungen zwischen den Medien und den nationalen politischen Führungskräften werden laut Schechter immer enger und undurchsichtiger. „Today the relationship between government and media is more symbiotic, even synergetic” (Schechter 2003, 18). In Kriegszeiten ist es allerdings wichtig, dass die Medien nicht zum Sprachrohr politischer Propaganda werden, sondern eine differenzierte Darstellung der Wirklichkeit liefern. Dazu müssen offizielle Quellen durch zusätzliche Quellen ergänzt werden. In der amerikanischen Berichterstattung über den Irak-Krieg gibt es durchaus Platz für alternative Quellen, jedoch nimmt das amerikanische Publikum diese zu selten wahr. Der Zugang zu diesen Informationen bleibt für sie verschlossen. „Perhaps never before has a society had such access to both independent and foreign news sources via the Internet; yet the sad fact remains that most Americans rely on the mainstream news sources available on their televisions” (Schechter 2006, 25). Das Fernsehen als Hauptnachrichtenquelle steht damit in einer großen Verantwortung. Die immer stärker zu beobachtende Vermischung von Fernsehnachrichten und Unterhaltung trägt dieser Verantwortung aber kaum Rechnung. Die Kommerzialität des Fernsehens, besonders in den USA, begünstigt eine Abkehr von Fakten und gut recherchierten Berichten hin zu einer vereinfachten, actiongeladenen Darstellung des Krieges. „TV news had moved into a post-journalism era where entertainment values trumped information values” (Schechter 2006, 122). Der Autor von ‘Weapons of Mass Deception’, Sheldon Rampton, bezeichnet diese kommerzielle Ausrichtung der Fernsehsender als den entscheidenden Faktor für die mediale Unterstützung der Bush-Regierung: „One of the reasons I think why the media fell so easily into this pattern of selling the war, is that really is what the American media is designed to do is to sell things. It’s a commercial media” (Schechter 2006, 229). Die amerikanischen Fernsehnachrichten haben den Krieg als Unterhaltung verkauft, was ihrer Glaubwürdigkeit extrem geschadet hat. Ramptom warnt sogar: „With its credibility shattered, TV news is in danger of becoming a caricature” (Schechter 2006, 24). Medien sollten deshalb in Zukunft mehr als bisher dazu bereit sein, eventuelle Fehler in ihrer Berichterstattung einzugestehen. Der Irak-Krieg hat gezeigt, dass das Vertrauen der Rezipienten in die traditionellen Medien mancher Länder heftig erschüttert wurde. Medien müssen daher genau wie Politiker für ihre Aussagen zur Verantwortung gezogen werden können. „Just as we consider politicians lying to us a problem, media accountability and responsibility are as important as political responsibility” (Schechter 2003, 11). Auch die Aufgabe der Medienkritik ist somit von größerer Bedeutung als bisher. Eine permanente Beobachtung der Berichterstattung scheint ratsam, um die Fehler, die in der Irak-Berichterstattung gemacht wurden, künftig zu vermeiden. „This kind of media complicity has to be challenged, refuted, condemned and opposed” (Schechter 2006, 49).

(Christa Weber)

Literatur

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  • Tilgner, Ulrich (2003): Der Inszenierte Krieg. Täuschung und Wahrheit beim Sturz Saddam Husseins. Berlin: Rowohlt.

Internetquellen

(Stand vom 30.September 2006)

Allgemeines zu Medien im Irak-Krieg:

Offizielle Quellen:

Zu Danny Schechter und seiner Kritik an der amerikanischen Berichterstattung:

Zur Inszenierung im Fall Private Lynch:

Interview mit Peter Scholl-Latour im ZDF:

Homepage von Ulrich Tilgner:

Weblogs zum Irak-Krieg:

Homepages der erwähnten/analysierten Medien:

Wikipedia:

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