Der Kosovo-Krieg: Das Internet in der Kriegsberichterstattung

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Inhaltsverzeichnis

Geschichte und Hintergründe des Kosovo-Konflikts

===Allgemeine Informationen zum Kosovo=== (Netzhammer, Lisa Maria)

Das Kosovo ist ein 10 887 km² großes Gebiet südlich von Serbien mit der Hauptstadt Pristina. Seine Einwohnerzahl, 1,99 Millionen, setzt sich zu 90 Prozent aus moslemischen Albanern (Kosovo-Albanern) und zu 10 Prozent aus Serben zusammen.

(Vgl. http://www.republik-kosovo.de/ [stand: 04.08.2006] )

Übersichtskarte[1]


===Wem gehört das Kosovo?=== (Netzhammer, Lisa Maria)

Seit jeher gibt es zwischen den Serben und den Kosovo-Albanern zwei gegensätzliche Ansichten, wer ein Anrecht auf das Gebiet hat: Die Serben entwickelten ihren eigenen Mythos um das Kosovo, es gilt als die „Wiege des serbischen Staats“ (Reuter 1999: 3). Von 1331 - 1355 war er politisches, kulturelles und religiöses Zentrum der Serben (Reuter 2000: 139). Zu dieser Zeit waren alle Serben glücklich und wohlhabend. Mit der Schlacht um Amselfeld 1389 wurde dieses Paradies zerstört und es begann die Jahrhunderte lange Herrschaft und Unterdrückung durch die Türken.

Die Kosovo-Albaner hingegen sehen sich als die Nachfahren der alten Illyrer und sind damit Ureinwohner des Kosovos. Hinzu kommt, dass sie die größte Bevölkerungsgruppe des heutigen Kosovos darstellen und somit ihrer Meinung nach ein Anrecht darauf haben (vgl. Reuter 1999: 3).


===Kriegsgegner=== (Netzhammer, Lisa Maria)

Bundesrepublik Jugoslawien UCK („Befreiungs-Armee des Kosovo“)

einige NATO Staaten (USA, Großbritannien,

Frankreich, Deutschland, Dänemark,

Norwegen, Italien, Niederlande, Belgien,

Kanada, Portugal, Spanien)

(Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Kosovo-Krieg [stand: 11.08.2006])


===Kriegsgeschichte des Kosovo-Konflikts (Zusammenfassung)=== (Netzhammer, Lisa Maria)

Illyrische Stämme besiedelten seit dem 8.Jahrhundert v.Chr. das Gebiet des heutigen Kosovo. Im Mittelalter war das Kosovo Kerngebiet des serbischen Großreiches. 1389 kam es zu der für die Serben traumatisch endenden Schlacht auf dem Amselfeld:

Die Schlacht auf dem Amselfeld war ein Kampf um die Entscheidung, ob die Osmanen ihr Einflussgebiet auch auf die altserbischen Länder ausweiten können. Mit der Niederlage der Serben setzte sich eine über Jahrhunderte konstruierte Opferrolle fest, die durch volkstümliche mündliche und religiöse Berichte von Generation zu Generation weitergegeben wurde (Lieder, Gedichte, etc.). Die Schlacht auf dem Amselfeld steht synonym für: Inbegriff des serbischen Kampfes gegen die Osmanen; Krieg des Christentums gegen den Islam; Kampf zwischen Gut und Böse.

Nach der verlorenen Schlacht auf dem Amselfeld war das Kosovo den Türken tributpflichtig, bis es 1459 Teil des Osmanischen Reiches wurde. 1690 kam es zu einer Abwanderung der Serben, im 18.Jahrhundert zu einer Ansiedlung von islamisierten Albanern. 1912 eroberten die Serben das Kosovo im ersten Balkankrieg, welches dann 1913 unter Serbien und Montenegro aufgeteilt wurde. Ab 1918 gehörte das Kosovo ganz zu Serbien. 1945 wurde das autonome Gebiet Kosovo und Metohija eingerichtet, 1963 die autonome Provinz (seit 1968 Bezeichnung Kosovo). 1981 begannen anhaltende Unruhen zwischen der albanischen Bevölkerung (Kosovaren) und der serbischen Minderheit. Diesen, vor allem im Kosovo geschürten serbischen Nationalismus, nutzte 1987 KP-Chef Slobodan Milosevic um seine Herrschaft in Serbien zu kräftigen. Als Höhepunkt gilt hier seine Rede am 28.6.1989 zur 600-Jahr-Feier der Schlacht auf dem Amselfeld. Von Februar 1989 bis April 1990 galt im Kosovo der Ausnahmezustand mit einer drastischen Einschränkung bzw. schrittweisen Aufhebung der Autonomie. Ende September 1991 wurde ein Referendum über die Unabhängigkeit und Souveränität des Kosovos von Serbien für illegal erklärt, die anschließende Ausrufung einer 'Republik Kosovo' blieb international nur von Albanien anerkannt. Im Frühjahr 1996 kam es zu einer allmählichen Radikalisierung der Kosovaren mit terroristischen Aktivitäten der ‚Befreiungsarmee für Kosovo’ (Ushtria Çlirimtare Kosoves, Abkürzung UÇK). 1998 konnte die UÇK in kriegsähnlichen Kämpfen mit der serbischen Sonderpolizei ein Drittel des Kosovo unter ihre Kontrolle bringen. Anschließend folgte eine serbische Gegenoffensive mit anhaltender Flucht bzw. Vertreibung der kosovarischen Zivilbevölkerung. Zwar konnte ein NATO-Ultimatum im Oktober 1998 einen Waffenstillstand und die Stationierung einer unbewaffneten OSZE-Beobachtertruppe bewirken, jedoch kam es im Dezember erneut zu Kämpfen, die im Januar 1999 in einem „Massaker“ an 45 Albanern in Raçak gipfelten. Eine Friedenskonferenz im Februar 1999 in Rambouillet und ihre Folgekonferenz in Paris blieben erfolglos. Nach diesen gescheiterten Friedensgesprächen begann die NATO am 24.3.1999 ihre „Operation Allied Force" gegen die Bundesrepublik Jugoslawien: Die Luftangriffe sollten die Vertreibung der Albaner aus dem Kosovo stoppen und die serbische Militärmacht schwächen. Der Einsatz verlief ohne UN-Mandat und war somit in den NATO-Ländern umstritten. Als Antwort auf die Angriffe verschärften serbische Einheiten ihre Übergriffe gegen die albanische Zivilbevölkerung, was sich in gesteigerter Vertreibung und Massenflucht der Kosovaren und auch der serbischen Bevölkerung auswirkte. Im Mai/Juni 1999 konnte mit dem G8-Plan [2] (Mai 1999), dem Militärisch-Technischen Abkommen von Kumanovo [3] (MTA; 9.6.) und der UN-Resolution 1244 [4] (10.6. 1999) eine Lösung des Kosovokonflikts und die Beendigung des Krieges erreicht werden. Am 10. Juni 1999 zogen sich die serbischen Truppen aus dem Kosovo zurück und die NATO stellte ihre Luftangriffe ein.


===Nach dem Krieg=== (Netzhammer, Lisa Maria)

Nach Kriegsende erhält das Kosovo weitgehende Autonomie innerhalb Serbiens. Albanische Flüchtlinge kehren in das Kosovo zurück. Die UÇK stimmte ihrer Entwaffnung und der Umwandlung in ein ziviles Schutzkorps zu. Die UN stellte die Übergangsverwaltung UNMIK ('UN-Mission Kosovo') und eine KFOR (Kosovo Force) Friedenstruppe kam zum Einsatz. Ihre Aufgabe war die militärische Absicherung des Friedens im Kosovo und die Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung. Allerdings konnte auch sie die einsetzende Vertreibung von Serben und Gewalttaten durch Kosovaren nicht verhindern. Auch eine funktionierende ethnische Koexistenz in einem ungeteilten Kosovo konnte noch nicht gesichert werden, die Statusfrage bleibt weiter ungeklärt.


Quellen:

Becker 2006;

Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG 2006;

Clewing/Reuter 2000;

http://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_des_Kosovo [stand: 01.08.2006];

http://de.wikipedia.org/wiki/Kosovo_Krieg [stand: 11.08.2006];

http://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_auf_dem_Amselfeld [stand: 01.08.2006];

http://www.republik-kosovo.de/[stand: 04.08.2006];

Meyer/Schlotter 2000.


Kritik am Kosovo-Krieg

(Netzhammer, Lisa Maria)

Lügen: Gerhard Schröder begründete in seiner Rede vom 24. März 1999 das Eingreifen der NATO mit der Verhinderung einer humanitären Katastrophe. Diese Erklärung habe auf Lügen basiert.

Kein UN-Mandat: Der NATO Lufteinsatz wurde ohne UN-Mandat durchgeführt.

Zivilisten getötet: Während des Bombardements wurden auch Zivilisten getötet. Beispielsweise wurde versehentlich ein Flüchtlingstreck bombardiert (siehe Punkt 4.3.3).

Provokationen der UCK: Laut parlamentarischer Versammlung der NATO habe die UCK mit Provokationen auf eine Eskalation der Lage im Kosovo hingearbeitet und einen akuten Handlungsbedarf der NATO inszeniert.


Weitere Kritik ergab sich aus den Falschmeldungen der NATO über Kollateralschäden (siehe Punkt 4.3).


(Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Kosovo_Krieg [stand:11.08.2006])


== Rolle Deutschlands im Kosovo-Krieg == (Netzhammer, Lisa Maria)

Zum Zeitpunkt der ersten Luftschläge der NATO gegen Serbien befand sich die Rot-Grüne Regierung noch nicht lange im Amt und griff nach dem Scheitern der Friedensgespräche in Rambouillet mit dem ersten Kampfeinsatz der Bundeswehr nach dem 2. Weltkrieg in die Kampfhandlungen ein (vgl. Hacke 1999: 49). Vor allem bei Friedensbemühungen spielte Deutschland eine große Rolle (vgl. Hacke 1999: 54). Allerdings beruhten die Argumente eines deutschen Einsatzes im Kosovo auf heute sehr zweifelhaften Begründungen: Da kein UN-Mandat für den NATO-Einsatz im Kosovo vorlag, legitimierten Joschka Fischer und Rudolf Scharping Deutschlands Teilnahme am Kriegseinsatz mit der Existenz eines menschenrechtsverletzenden serbischen Hufeisenplans: Der Hufeisenplan ist ein bis heute sehr umstrittener Plan der Serben zur systematischen Vertreibung der Albaner aus dem Kosovo. Er besagt, dass serbische Truppen albanische Zivilisten wie ein Hufeisen umschließen und sie so aus dem Kosovo treiben. Das Vorhandensein eines solchen Planes wurde schon früh angezweifelt und gilt heute als Desinformation eines Geheindienstes. Ob die deutsche Regierung von dieser Desinformation wusste, ist bis heute unklar.

(Vgl. Angerer/ Werth 2001; http://de.wikipedia.org/wiki/Hufeisenplan [stand: 01.08.2006])


Informations- und Kommunikationsstrategien der NATO

===Die Organisation der Öffentlichkeitsarbeit der NATO=== (Netzhammer, Lisa Maria)

In erster Linie sind die 19 Mitgliedsstaaten der NATO für ihre Informations- und Kommunikationspolitik und somit die Darstellung ihrer Rolle innerhalb des Bündnisses selbst verantwortlich. Dies resultiert aus dem multiplen Ansatz der Öffentlichkeitsarbeit der NATO. Die Souveränität der einzelnen Mitglieder und die vielschichtige sicherheitspolitische Kommunikation soll somit gewahrt werden (vgl. Mavridis 1999). Dieser multiple Ansatz birgt jedoch auch seine Schwierigkeiten. Die Entscheidungsbefugnis, welche Informationen, Film- und Videoaufnahmen veröffentlicht werden und welche nicht, liegt nicht in der Hand des NATO-Pressesprechers, sondern in der der einzelnen NATO-Staaten, die am Kriegseinsatz beteiligt sind. Da militärische Geheimhaltung Vorrecht vor einer glaubwürdigen und fundierten Darstellung hat, befindet sich der NATO-Pressesprecher stets in einem Erklärungsdilemma: er muss Sachverhalte erklären, von denen er selbst wenig Informationen hat (vgl. Middel, 1999). Vorwürfe, die NATO würde nicht immer wahrheitsgemäß informieren, wurden allerdings schnellstmöglich zurückgewiesen. Ferner besteht „bei den NATO-Sprechern das absolute Verbot, Journalisten zu belügen“ (Mavridis 1999). Jedoch müßten Auskünfte mit strategischer Bedeutung sensibel behandelt werden um den Fortschritt der Operation und die Sicherheit der Soldaten zu gewährleisten (vgl. Mavridis 1999).


===NATO-Informationsstrategien während des Kosovo-Kriegs=== (Netzhammer, Lisa Maria)

Während des Kriegseinsatzes im Kosovo lud die NATO täglich um 15 Uhr zu einem Presse-Briefing ins Brüsseler NATO-Hauptquartier. Bei diesen Pressekonferenzen stand stets ein ziviler Sprecher, Jamie Shea, für die Fragen der Presse bereit, sowie ein ranghoher Offizier, der für die militärischen Informationen zuständig war. Dies ist begründet in der Organisationsstruktur der NATO, die sich in einen politischen und einen militärischen Teil gliedert (vgl. Mavridis 1999). Es wurde täglich darauf geachtet, dass der Eindruck militärischer Perfektion vermittelt wurde. „Stets war Jamie Shea der Zeremonienmeister, Chefsprecher des damaligen NATO-Generalsekretärs Javier Solana“ (Blome, Nikolaus 2000). Allerdings kam es trotz aller Perfektion auch mehrmals zu so genannten „Kollateralschäden“, was bedeutete: Zivilisten wurden durch NATO-Bomben getötet. Nach solchen Zwischenfällen befand sich die NATO stets in Erklärungsbedrängnis. Darüber hinaus stimmten Koordination und Abstimmung der Stellungnahmen zwischen den einzelnen NATO-Stützpunkten selten überein. Seinen Höhepunkt fand dieses Informationsdebakel in den Stellungnahmen nach der Bombardierung eines Flüchtlingstrecks (siehe Punkt 4.3.3). Die NATO veranlasste daraufhin die Einrichtung eines ‚Media Operations Center’ in Brüssel. Es wurde ein ‚war room’ eingerichtet, mit 20 PR-Spezialisten, deren Aufgabe es war, die Aussagen der NATO und der Verteidigungsminister der einzelnen Länder abzustimmen (vgl. Claßen 1999: 4).

Der Autor Philip Hammond kommentiert die Informationspolitik der NATO wie folgt: Da die NATO ihre vermeintliche Unschuld nicht beweisen kann, präsentiert sie widersprüchliche Informationen mit dem Versprechen, diese in den nächsten Tagen aufzuklären, in der Hoffnung, dass die Story vergessen wird. Ein NATO-General erklärt dazu, dass ihre Taktik mit Fehlern umzugehen darin besteht, dass man die Öffentlichkeit beruhigt, indem man sagt, dass alles daran gesetzt wird, den Vorfall aufzuklären. Die etwaige Enthüllung erfolgt aber so spät, dass es dann schon niemanden mehr interessiert. Die NATO gibt also ihre Schuld verspätet zu, um ihr Image der Unschuldigen nicht zu beschmutzen. (Vgl. Hammond 2000: 372)

Reinhard Wolff beschreibt in seinem Artikel ‚Heer, Luftwaffe, Marine - Medien?’ die Kommunikationsstrategien der NATO wie folgt: Für die NATO bestand sehr großes Interesse darin, dass die Medien ihre Ansicht der Ereignisse verbreiten. Laut Wolff hatte sie damit auch keine größeren Probleme, denn die Presse hatte ohnehin den Wunsch ein billiges aber vollgepacktes rund-um-die-Uhr-Programm zu senden. Die NATO verfolgte den Plan, die Journalisten durch die Pressearbeit der NATO so zu beschäftigen, dass für weitere Recherchen keine Zeit übrig blieb. Hauptgewicht hatte hier das Fernsehen, da es Meldungen zeitnah sendet. Da die Printmedien ohnehin nur von der Elite gelesen würden und durch ihre zeitraubende Herstellung hinsichtlich des Druckes ein eher langsames Medium seien, seien diese gezwungen, „der von Fernsehen und Radio vorgegebenen Nachrichtengewichtung zu folgen“ (Wolff 2002). (Vgl. Wolff 2002)


Jamie Shea über Informations- und Kommunikationsstrategien der NATO am Beispiel des Kosovo-Konflikts (Netzhammer, Lisa Maria)

Jamie Shea war während des Kosovo-Kriegs NATO-Pressesprecher. In einer Rede über moderne Konflikte und die mediale und öffentlichen Meinung berichtete er über die Kommunikationsstrategien der NATO. Er verdeutlichte seine Aussagen am Beispiel des Kosovo.


Öffentliche Meinung:

Um Krieg zu führen braucht man die Öffentlichkeit auf seiner Seite. Um die öffentliche Meinung zu mobilisieren sind rationale Argumente unzureichend. Die Argumente müssen emotional sein. Beispielsweise muss der Öffentlichkeit das menschliche Leid im Einsatzgebiet aufgezeigt werden. Bilder und Berichte von amputierten Gliedern, verhungerten Kindern und vergewaltigte Frauen veranschaulichen den Kriegsgegnern die Notwendigkeit eines Eingriffs im Krisengebiet. Im Kosovo wurde das emotionale Argument einer ethnischen Säuberung dazu genutzt, den Einsatz zu rechtfertigen. Da heute keine einzelnen Länder mehr Krieg führen, sondern immer Koalitionen, müssen nicht nur die Bewohner eines Landes vom Krieg überzeugt werden, sondern mehrer Länder. Hinzu kommt, dass in der heutigen Zeit die Medien, vor allem in Kriegszeiten sehr viel skeptischer einer Regierung gegenüber sind.


Medien und Wahrheit:

In den letzten Jahren gibt es einen enormen Zuwachs an Journalisten, was mehr Information bedeutet. Mehr Information ist jedoch nicht gleichbedeutend mit mehr Wahrheit, es gibt lediglich mehr Meinungen. Durch den Druck der Journalisten eine Meldung als erstes zu bringen werden viele Falschmeldungen erzeugt. Die Arbeit eines Pressesprechers besteht heute in gleichen Teilen darin, falsche Information zu analysieren und zu verbessern, als eigene Informationen herauszubringen.


Kampf um Bilder:

Die Öffentlichkeit glaubt eher Bildern, als Worten. Und man kann Bilder nur mit Bildern bekämpfen. Die NATO hatte jedoch wenig Bildmaterial, da Milosevic die Medienvertreter der NATO-Staaten außer Landes verwies.


Jugoslawische Bevölkerung:

Während in westlichen Medien meist die Sicht beider Kriegsgegner dargestellt wurde, ließ Milosevic dies jedoch in seinem Land nicht zu. Die NATO hatte somit nicht die Möglichkeit, die Bewohner Jugoslawiens über die westliche Sicht zu informieren. Sie unternahm daraufhin den Versuch, die jugoslawische Bevölkerung über das Internet zu erreichen. Als Milosevic dies bemerkte, bombardierte er den NATO-Server mit Pings und Viren.


Quelle:

Shea, Jamie (2002): “Modern conflicts, the media and public opinion. The Kosovo Example“ In: Olsen, John Andreas: From Manoeuvre Warfare to kosovo? S. 199 – 220. URL: http://www.mil.no/multimedia/archive/00022/From_manoeuvre [stand: 01.08.2006]


===Falschmeldungen der Nato während des Kosovo-Kriegs=== (Netzhammer, Lisa Maria)

„Ohne Irreführung der Öffentlichkeit, ohne Lügenpropaganda wäre es nicht möglich gewesen, diesen völkerrechtswidrigen Krieg zu führen“ (Spoo 2000: 148). Dieses Zitat macht deutlich, dass im Kosovo-Krieg Falschmeldungen keine Seltenheit waren. Bereits vor dem Einsatz im Kosovo wurde die Welt über ein Massaker informiert, das, was heute nahezu bewiesen ist, gar keines war. Auch während des Einsatzes im Kosovo wurden nicht, wie angekündigt, nur militärische Ziele getroffen, sondern auch zivile Ziele, wie beispielsweise ein Krankenhaus in Sudurlica. Nach diesem Angriff verbreitete die NATO, das Krankenhaus sei kein Krankenhaus gewesen, sondern eine Kaserne, dies war eine Lüge. Meist stritt die NATO Fehltritte zuerst ab, musste jedoch einige Tage später ihre Schuld eingestehen. Die anschließenden Begründungen ihrer Fehler sind bis heute sehr umstritten, wenn nicht widerlegt, was eine teilweise absichtliche Bombardierung ziviler Ziele immer wahrscheinlicher macht.


====Der Schwindel über das Massaker in Racak==== (Netzhammer, Lisa Maria)

Am 16. Januar 1999 wurde die Welt über ein Massaker in Racak informiert. Das Massaker wurde an 45 zivilen, unbewaffneten Kosovo-Albanern verübt. Dieses Ereignis galt für viele NATO-Staaten als Schlüsselereignis auf dem Weg zum Krieg gegen Jugoslawien (vgl. Hartmann 2005). Es diente vielen Politikern, darunter auch deutschen als Legitimierung für das Eingreifen der NATO im Kosovo. Der deutsche Außenminister Joschka Fischer sah diesen Vorfall als Wendepunkt (vgl. Bo/Heine/Technau 2000). Schon damals wurde aufgrund einiger Unklarheiten des Vorfalls der Vorwurf laut, dass das angebliche Massaker eine von der NATO geduldete Inszenierung der UCK gewesen sei. Es wurde vermutet, dass die Opfer gefallene Kämpfer seien, die eingesammelt und nach Racak gebracht wurden, um ein Massaker vorzutäuschen (vgl. Hartmann 2005). Finnische Gerichtsmediziner wurden gemeinsam mit serbischen und belorussischen Kollegen beauftragt, die Leichen zu obduzieren. Sie fanden in ihren Untersuchungen keinerlei Hinweise auf ein Massaker der Serben an albanischen Zivilisten. Des Weiteren konnte nicht festgestellt werden, dass die Opfer aus Racak stammten. Auch nachträgliche Verstümmelungen der Leichen, wie es zuvor berichtet wurde, konnten die Gerichtsmediziner nicht diagnostizieren (vgl. Bo/Heine/Technau 2000). Darüber hinaus konnte aufgrund der Einschusskanäle nachgewiesen werden, dass die Opfer nicht am vermeintlichen Ort des Geschehens, sondern im Kampf gefallen waren. Auch die Schmauchspuren, die an einem Großteil der Leichen gefunden wurden, bestätigten, dass sie sich kurz vor ihrem Tod im Kampf befanden. Die Untersuchungsrichterin des Bezirksgerichtes in Pristina, die die Leichen zwei Tage nach dem Massaker identifiziert hat, stellte fest, dass neun der 40 identifizierten Leichen in der späteren Hagener Anklageschrift gegen Milosevic nicht aufgeführt, bzw. durch andere Namen ersetzt wurden (vgl. Hartmann 2005). Bis heute wurden diese gerichtsmedizinischen Ergebnisse nicht veröffentlicht (vgl. Bo/Heine/Technau 2000).


====NATO-Irreführung bezüglich der Bombardierung eines Zuges==== (Netzhammer, Lisa Maria)

Am 12. April 1999 bombardierte die NATO eine Eisenbahnbrücke samt einen auf ihr fahrenden Zug bei Grdelica. Mindestens zwölf Menschen kamen dabei ums Leben, weitere wurden zum Teil schwer verletzt. In der NATO-Pressekonferenz am darauffolgenden Tag spricht General Wesley Clark von einem traurigen Unfall. Am Ende der Pressekonferenz wurde den Medienvertretern das Cockpit-Video vorgeführt. Es sollte beweisen, dass der Pilot keine andere Wahl gehabt habe, da er sich beim Eintreffen des Zuges bereits auf die schwierige Steuerung der Bombe konzentriert habe. Der Zug sei viel zu schnell und unerwartet angerast, der Pilot habe nicht mehr die Zeit gehabt, den Bombenabschuß abzubrechen (vgl. Deichmann 2000; Lampe 2002: 100). Warum das Flugzeug jedoch zurückkehrte und ein zweites Mal auf einen noch nicht brennenden Wagon schoss, ließ Clark ungeklärt. Außerdem ließ er die Journalisten darüber im Unklaren, dass nicht der Pilot selbst für den Abschuß einer Bombe zuständig ist, da er mit dem Manövrieren beschäftigt ist, sondern ein Waffensystemoffizier (vgl. Lampe 2002: 101). Bei eingehender Betrachtung des auf dieser Pressekonferenz gezeigten Bildmaterials fällt auf, dass das Video keinerlei Zeitangaben enthält und der Flug der Bombe sehr ruckhaft ist. Verwunderlich ist auch die Geschwindigkeit, die der Zug gehabt haben muss: 300km/h, was für die alten Schienennetze der Serben eigentlich viel zu schnell war. Im Januar 2000 räumte die NATO ein, das Video im Zeitraffer abgespielt zu haben. Dies geschah jedoch nicht mit Absicht, sondern durch einen unerklärlichen technischen Fehler. Die Betrachtung des Videos in Echtzeit beweist, dass der Zug sehr langsam gefahren ist (vgl. Lampe 2002: 101f.).

NATO-Videos:

http://www.nato.int/video/990413d.mpg [stand 01.08.2006]

http://www.nato.int/video/990413e.mpg [stand 01.08.2006]


====Bombardierung eines Flüchtlingstrecks==== (Netzhammer, Lisa Maria)

Am 14. April 1999 bombardierte die NATO einen Flüchtlingstreck bei Djakovica. 75 Menschen wurden getötet, weitere 26 schwer verletzt (vgl. GegenStandpunkt 1999). Zu diesem Zwischenfall gab es mehrere variantenreiche Erklärungen seitens der NATO:

In ersten Auskünften behauptete die NATO, der Vorfall sei von der serbischen Regierung gestellt, es gäbe keinerlei Hinweise auf zivile Opfer und der Treck wurde wohl als Vergeltungsschlag für die NATO-Angriffe von serbischen Einheiten angegriffen (vgl. Claßen 1999: 3). Eine weitere Version des Vorfalls war, dass der Treck kein Flüchtlingstreck gewesen sei. Militärs seien ausgestiegen und haben Zivilisten angegriffen. Die Serben hätten selbst auf die Flüchtlinge gefeuert um anschließend die NATO zu beschuldigen. Die NATO berief sich dazu auch auf Augenzeugen, die keine NATO-Flieger, sondern serbische Tiefflieger gesehen haben wollen (vgl. GegenStandpunkt 1999). Ähnlich, jedoch auch wieder etwas abgewandelt, konnte man in der Tageszeitung ‚Die Welt’ lesen, dass serbische Militärfahrzeuge vor und hinter dem Flüchtlingskonvoi fuhren. Die Piloten hätten lediglich auf die Militärfahrzeuge geschossen. Die Soldaten haben daraufhin aus Rache die Zivilisten angegriffen. Darüber hinaus wurde gemutmaßt, dass die Bilder des NATO-Angriffs gestellt oder manipuliert wurden. Außerdem werde auch nicht ausgeschlossen, dass jugoslawische Flugzeuge den Treck beschossen hätten (vgl. Die Welt 16.04.1999). Einen Tag später räumte die NATO die versehentliche Bombardierung der Flüchtlingstrecks ein. Sie schob jedoch weiterhin jegliche Schuld von sich. Es hätten sich im oder um den Konvoi serbische Militärfahrzeuge befinden können (vgl. GegenStandpunkt 1999). Es wurde auch weiterhin behauptet: „die Umstände, die zu diesen Unfall geführt hatten, lägen aber in der Verantwortlichkeit von Milosevic“ (Claßen 1999: 3). Weitere drei Tage später wurde bekannt, dass zwei Konvois bombardiert wurden (vgl. Claßen 1999: 3).


====Die Bombardierung der Chinesischen Botschaft==== (Netzhammer, Lisa Maria)

Am 7. Mai 1999 bombardierte die NATO die Chinesische Botschaft im Zentrum Belgrads. Bei diesem Anschlag werden drei Chinesen getötet und viele weitere schwer verletzt. Die NATO erklärte im Anschluss, die Bombardierung beruhe auf einem Irrtum. Über einen solchen Irrtum wird auch heute noch viel diskutiert. Ständig tauchen neue Beweise auf, wonach die NATO die chinesische Botschaft wissentlich und absichtlich bombardiert habe. Vier Beweise sollen im Folgenden aufgeführt werden:

1. Die NATO erklärte den ‚Unfall’ damit, dass das benutzte Kartenmaterial zu alt war.

2. Laut NATO galt der Angriff eigentlich der jugoslawischen Bundesstelle für Versorgung und Beschaffung. Jedoch gab es an diesem Ort niemals eine solche Versorgungsstelle (vgl. Marsden 1999a). Es stand auch vorher kein anderes Gebäude am Platz der chinesischen Botschaft (vgl. Hammond 2000: 372). Des Weiteren beinhaltete eine der NATO vorliegende aktuelle Liste mit Nicht-Angriffszielen den aktuellen Standort der chinesischen Botschaft (vgl. Marsden 1999a).

3. Ein weiterer Hinweis dafür, dass die NATO die chinesische Botschaft absichtlich beschossen hat liegt darin, dass der Angriff mit einer der genauesten Luft-Boden-Waffen der Welt durchgeführt wurde, was verschiedene Aussagen ranghoher Offiziere bestätigen (vgl. [5]; [6] ). Der Angriff wurde mit einer solchen Präzision durchgeführt, dass es nahezu unmöglich sei, dass es sich hierbei um einen Irrtum gehandelt habe.

4. Darüber hinaus hatten westliche Geheimdienste bereits seit längerem eine militärische Zusammenarbeit Chinas mit Serbien beobachtet. Die Chinesische Botschaft in Belgrad stand der serbischen Armee als Funkstation zur Übertragung von Geheimdienstinformationen zu Verfügung (vgl. Marsden 1999b).


Klassische Medien im Kosovo-Krieg

Fehlerhafte Berichterstattung im Kosovokrieg (Anne Fuhrmann)

„Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit.“ sagte US-Senator Hiram Johnson bereits 1917. 80 Jahre später hätte er den Satz angesichts des Kosovo-Krieges und dessen Darstellung in den Medien wahrscheinlich auch ausgesprochen, denn nicht immer war das, was der Öffentlichkeit während des Krieges durch Zeitungen, Fernsehen oder das Internet präsentiert wurde, die volle Wahrheit. Für fehlerhafte und einseitige Berichterstattung gerieten die Medien nach dem Krieg unter Beschuss. Ihnen wurde vorgeworfen, sie hätten keine Gegenöffentlichkeit gebildet und der Konsens unter den Medien sei zu groß gewesen. Die Geschichte des Krieges, so die Kritik, sei vereinfacht worden. Außerdem sei die Berichterstattung nicht objektiv gewesen, weil sich die Medien NATO-Vokabular angeeignet und zu großes Vertrauen in die Informationen der NATO gesetzt hätten. Dadurch sei eine patriotische Grundstimmung entstanden, die eine Hinterfragung der Kriegslegitimation verhindert hätte. Letzteres war zwar in Ländern wie Russland, China oder Indien nicht der Fall, da in den Medien Kritik an dem Verhalten der NATO geübt wurde. Dennoch kann auch die Berichterstattung in diesen Ländern nicht als ausgewogen oder gar objektiv bezeichnet werden. Die Folge war, dass das Bild, das die Medien vermittelten, oftmals verzerrt war, und dass viele Falschinformationen Eingang in die Berichterstattung fanden. Nach Kriegsende mussten sich die Medien daher einige Fehler eingestehen. Die fehlerhafte Berichterstattung lässt sich auf die Arbeitsbedingungen der Journalisten zurückführen. Ein Problem, mit dem die Medienschaffenden zu kämpfen hatten, war das Fehlen von eigenen Fotos und Kamerabildern. Weil die internationale Presse mit Einsetzen der Kampfhandlungen aus dem Kosovo und Belgrad verbannt worden war, waren die Journalisten abhängig von Material der NATO oder Informationen von Partisanen und anderen unsicheren Quellen. Zudem war für die Medien oft nur schwer zu unterscheiden, welche Informationen richtig oder falsch waren, weil sie sich einem Propagandakrieg sowohl von Seiten der NATO als auch von serbischer Seite ausgeliefert sahen. So schreibt die New York Times im April 1999: „Was die Journalisten vom Luftkrieg sehen, ist das, was die NATO-Alliierten sie sehen lassen wollen. Was sie von den Zerstörungen im Kosovo und den Bombardierungen Jugoslawiens sehen, das, was die Jugoslawen sie sehen lassen wollen.“ Diese Umstände erhöhten die Gefahr, dass Fehlmeldungen, Gerüchte und gefälschte Fotos in den Medien auftauchten. Ein Beispiel für Falschmeldungen in den deutschen Medien ist ein BILD-Titel vom 01.04.1999. Mit „Sie treiben sie ins KZ“ überschrieb BILD einen Bericht über ein serbisches Konzentrationslager und bebilderte die Geschichte mit einem Foto. Kurze Zeit später stellte sich heraus, dass ein solches Konzentrationslager nie gefunden worden war. Das Foto zeigte folglich auch keine KZ-Insassen, sondern einen Flüchtlingstreck, der außer Landes floh. Ebenfalls falsch war ein Bericht von BILD über Serben, die Babys töten und Frauen vergewaltigen. BILD hatte in diesem Fall von Rudolf Scharping herausgegebene Fehlinformationen abgedruckt. Auch Berichte in den deutschen Medien über ein Massaker nahe dem Ort Rogovo erwiesen sich als falsch und die dazu präsentierten Fotos als konstruiert. Doch nicht nur deutsche Medien mussten sich vorwerfen lassen, falsche Informationen verbreitet zu haben. Auch den Medienvertretern anderer NATO-Staaten konnten Fehler in der Berichterstattung nachgewiesen werden. Ein prominentes Beispiel ist der Fall Haxhiu im März 1999. Damals hatten verschiedene internationale Medien, darunter auch die BBC und die New York Daily News, über die Hinrichtung des Redakteurs einer kosovarischen Zeitung, Baton Haxhiu, berichtet, teilweise sogar versucht, dies mit Fotos zu beweisen und zu illustrieren. Nur einen Tag, nachdem die Geschichte in den Medien verbreitet worden war, tauchte Haxhiu wieder auf, lebendig. Will man alle Falschinformationen und Fehler in der Berichterstattung einzig und allein auf die schlechten Arbeitsbedingungen zurückführen, übersieht man, dass die Bereitschaft, die Informationen zu hinterfragen, oftmals nicht besonders groß war. Das Vertrauen in die Informationen der NATO war nicht gering. Hammond vermutet noch einen weiteren Grund, wenn er sagt, dass „viele Journalisten in einer Weise voreingenommen waren, die sie die NATO-Intervention als eine großartige moralische Leistung betrachten ließ.“ Damit einher ginge auch die Bereitschaft, oft genau das Gegenteil von dem zu berichten, was tatsächlich geschehen war (Hammond, 2004, S. 101). Den Medien zu unterstellen, sie hätten immer nur im Interesse der NATO berichtet, erscheint jedoch etwas übertrieben und undifferenziert. Die ausführliche Berichterstattung über militärische Fehltreffer der NATO und andere Zwischenfälle ist ein Gegenbeispiel, das ein negatives Licht auf die Aktionen des Militärbündnisses warf. Dennoch bleibt für weitere kämpferische Auseinandersetzungen und Konflikte zu hoffen, dass man aus den Fehlern in der Berichterstattung über den Kosovo-Krieg gelernt hat und trotz schwierigen Arbeitsbedingungen in Zukunft mehr Sorgfalt auf die Gegenrecherche und Kontrolle von Informationen verwenden wird.

Verfasserin: Anne Fuhrmann


== Das Internet in der Kriegsberichterstattung == (Julian Schmitt)

So wie der Korea-Krieg als der erste Fernsehkrieg, der Vietnamkrieg als der erste Farbfernsehkrieg und der Golfkrieg 1991 als der erste Satelliten- oder Realtime- Fernsehkrieg bezeichnet wird, so bezeichnet man den Kosovo-Krieg als den ersten Internetkrieg. Diese Bezeichnungen beziehen sich auf den Ansatz, Kriege über die Art ihrer Berichterstattung zu charakterisieren.

Es war der erste Krieg, in welchem die Möglichkeit bestand, sich verschiedene Informationen über den Konflikt anzueignen. Die Berichterstattung in den klassischen Medien wurde also durch alternative Online-Quellen ergänzt, und diese Internetquellen dienten zum ersten Mal in einem Kriegsfall als Informationsquelle. Aber auch die Zugänglichkeit zu ebendiesen Informationen hatte sich entscheidend verändert. Wo man in der Vergangenheit auf Sendezeiten und Programmplätze angewiesen war, hatte man nun (vorrausgesetzt man verfügte über einen Internetanschluss) unbegrenzten Zugang zu Informationsquellen verschiedenster Art.

Das Internet wurde im Kosovo-Krieg für viele Bereiche genutzt. Es wurde zunächst einmal von den verschiedenen Konfliktparteien zu propagandistischen Zwecken benutzt. Die traditionellen Medien sahen das Internet als einen Informationskanal, gleichwohl wurde es auch von den Nutzern als Alternative zu den klassischen Medienformen gesehen. Des Weiteren fand man im Netz publizierte Kriegstagebücher (E-Mails, Mailinglisten), es galt als schwarzes Brett für die Suchanzeige nach Vermissten, als Diskussionsplattform für den Meinungsstreit über den Konflikt und als Verbreitungsmöglichkeit strategischer und politischer Analysen. “For the first time anyone on the Internet can recieve a flow of combatant news, comments and pictures […] But the real point is that anyone with such an equipment could also transmit their news, comments and pictures to a global audience, by passing the traditional mass media” (Taylor 2000; S.194).

Bei diesen ganzen Fakten darf man die Rolle des Internets jedoch auch nicht überbewerten. Es wurde geschätzt, dass lediglich 50000 der 10 Millionen Menschen innerhalb des Krisengebietes zum Zeitpunkt des Nato-Konflikts einen Internetzugang hatten, davon entfielen weniger als 1000 auf die Region des Kosovo selbst. Das Fernsehen stellte die Hauptinformationsquelle, dicht gefolgt von den Printmedien und dem Hörfunk. Die meisten Menschen bezogen sich also nach wie vor auf die traditionellen Massenmedien. Man kann die Internetnutzer zwar als Elite bezeichnen, jedoch hatten diese oft eine Position inne, in welcher sie viele Menschen erreichen konnten, welche die Wahrheit hinter der klassischen Berichterstattung herausfinden wollten.

Auch in Bezug auf die Webseiten der weltweiten Nachrichtenanbieter gab es eine weitere Neuigkeit. Diese waren zwar, wie auch schon bei früheren Konflikten, eine Plattform für die Stimmen der Nato, dem Pentagon oder dem britischen Verteidigungsministerium. In diesem Krieg waren sie aber noch zusätzlich zu anderen Vereinigungen verlinkt, wie zum Beispiel dem serbischen Informationsministerium, der chinesisch-jugoslawischen Presseagentur Tanjug, der Webseite eines Klosters, zu Kommentaren, E-Mails und Tagebüchern von Privatbürgern, sowie einer Liveschaltung zum unabhängigen, oppositionellen Radiosender B 92. Durch die Verlinkung zu den verschiedenen Informationsquellen wurde versucht verschiedene Perspektiven offen darzulegen, um so der Wahrheit des Krieges ein Stück weit näher zu kommen.

In den folgenden Kapiteln werden verschiedene Bereiche, in welchen das Internet genutzt wurde, in ihrer Art und Weise, und anhand von Beispielen vorgestellt.


=== Die Online-Angebote der Konfliktparteien === (Julian Schmitt)

====Nato==== [7] Das Online-Angebot der Nato bestand hauptsächlich aus Nachrichten und Hintergrundinformationen zu dem Konflikt. Die Seite reflektierte lediglich traditionelle Propagandamethoden, wie die Darstellung der eigenen Wahrheit.

Den Kopf der Startseite zierte während des Konfliktes das Bild eines gigantischen Flüchtlingszuges. Dem Besucher sollte also direkt beim ersten Eindruck vermittelt werden, dass die Luftschläge gerechtfertigt seien. Im weiteren Verlauf des Krieges gab es immer wieder Neuigkeiten über Gräueltaten und Dorfzerstörungen durch die serbische Regierung, sowie Berichte über militärische Erfolge der Nato. Des Weiteren konnte man die täglichen Ansprachen und Anweisungen von Jamie Shea im Nato Hauptquartier, sowie die Pressekonferenzen lesen. Auch Videomitschnitte von Luftschlägen des scheinbar „sauberen“ Krieges konnten eingesehen werden. [8]

Alles in allem war der Webauftritt der Nato nicht mehr als eine Rechtfertigung der eigenen Sache. Insgesamt ist klar geworden, dass die Nato die Eigenschaften des neuen Mediums nicht hinreichend berücksichtigt hat, und unvorbereitet in diesem Bereich agiert hat. „Die Nato hatte nicht nur den Internet-Krieg verloren, sondern auch das Vertrauen der Medienöffentlichkeit“ (Bucher 2004; S.283).

Der serbische Informationskrieg

Anders als die Nato setzte die serbische Regierung das Internet gezielt im Informationskrieg ein. Die Möglichkeiten des neuen Mediums wurden erkannt und benutzt, um die eigenen Ansichten an die Elite der Welt zu verbreiten. Diese Form der Kommunikation an die Außenwelt stellte auch die einzige Chance dar, da schon relativ zu Beginn der Luftschläge ein Großteil der militärischen und zivilen Infrastruktur, sowie das serbische Fernsehen und Hörfunksendeanlagen zerstört worden waren.

Als Hauptquartier des serbischen Informationskrieges gilt das 13. Stockwerk des Beogradjanka Gebäudes in Belgrad. Dort wurden mit Hilfe von Freiwilligen, hauptsächlich Studenten deren Universitäten aufgrund des Krieges geschlossen worden waren, jugoslawische Webangebote ins Englische übersetzt. Des Weiteren diskutierten sie in Chatrooms, boten Exklusivinformationen für Journalisten an und stellten Kontakt zu Internetinitiativen der Kriegsgegner in anderen Ländern her. Geleitet wurde die Gruppe von Captain Dragan Vasiljkovic. Dieser war 1992 ohne Erfolg gegen Slobodan Milosevic angetreten. Mit dem Slogan “We are all targets“ wollte die Gruppe der außenstehenden Welt zeigen, dass alle Menschen angesichts der Bombardierungen vereint hinter der Regierung stehen. Die Regeln der Gruppe sahen einen offenen Dialog mit der Welt, sowie ein generelles Hackerverbot vor.

Viele westliche Journalisten benutzten die Beogradjanka (so auch der Name der Gruppe) als Informationsquelle, nachdem sie ausgewiesen worden waren. Der Artikel der New York Times vom 31.März 1999, welcher von der serbischen Reaktion auf die Luftschläge berichtete, bezog sich beispielsweise hauptsächlich auf Interviews, welche von den Studenten übersetzt und dargeboten worden waren. Somit gelang es der serbischen Regierung durch die Mitbestimmung der Internetöffentlichkeit auch die Berichterstattung der klassischen Medien zu beeinflussen. Zusätzlich war dies im Gegensatz zur Nato nicht direkt als Propagandastrategie erkennbar (vgl. Bucher 2004; S.283).

Die Webseite des serbischen Informationsministeriums ist bis heute in englischer Sprache. [9]

Informationen der Kosovo-Albaner

Sie waren die ersten, die das Potential des Internets für Kommunikationszwecke erkannten und entwickelten schon lange eine Webseite, bevor der Konflikt mit der Nato begann. Nachdem alle westlichen Journalisten ausgewiesen worden waren, wurden die Medien im Kosovo von den Serben kontrolliert. Aufgrund dieser Tatsache wurde das Internet von albanischer Seite dazu genutzt, um eigene Auffassungen und Erfahrungen an die außenstehende Welt zu übermitteln. Zusätzlich betrieb die selbsternannte Kosovoregierung aus dem Exil in Genf ihre eigene Seite.

Beispiele: [10] [11] [12]

=== Weitere Online-Angebote === (Julian Schmitt) ====Radio B92 - Das Schicksal eines unabhängigen Radiosenders==== [13] Radio B92 war ein unhabhängiger, oppositioneller Radiosender in Belgrad. Er wurde von einer liberalen Minderheit betrieben, welche die kreativen Elemente der Gesellschaft wiederspiegeln sollten. Künstler, Autoren, Theaterregisseure, Mitglieder der Frauenbewegung sowie zeitgenössische Musiker fanden dort eine Plattform. Es waren Minderheiten, die von Präsident Milosevic unterdrückt wurden.

Schon im Dezember 1996 wurde der Sender für ein paar Tage vom Äther genommen, sendete jedoch sein Programm per Real-Audio-Stream über das Internet weiter. Das Signal wurde über BBC und Satellit nach Jugoslawien reimportiert. Die Macher des Senders wollten der Welt zeigen, dass es innerhalb des Landes (auch durch Livebilder einer Webcam aus Belgrad) ebenfalls einen Widerstand gegen das serbische Regime gab. Durch die Verbreitung des Radioprogramms über das Internet erlangten sie internationale Aufmerksamkeit, da sie Bürgerrechtler aus den verschiedensten Ländern auf ihre Webseite fokussierten.

Im Zuge der Bombardierungen wurde das Betreiben des Senders jedoch immer gefährlicher. Am 24. März 1999, dem ersten Kriegstag, wurde der Sender erneut vom Äther genommen. Es gelang aber dennoch weiterhin über das Netz zu senden, da diesmal eine Rücksendung über BBC und den österreichischen Rundfunk geschaffen wurde.

Am 2. April 1999 kam es schließlich zur Abschaltung des Senders und auch der Webseite durch serbische Sicherheitskräfte. Aber auch das konnte den oppositionellen Sender nicht stoppen. Nach der Schließung bewegte er sich auf einen neuen Platz im virtuellen Raum, gelegen in Holland, und setzte von dort aus seine Proteste fort.

Ein Mönch als Kriegskorrespondent

Nach der Ausweisung aller westlichen Medienvertreter und der Schließung der unabhängigen Medienanstalten kam die unabhängigste Stimme wohl aus einem serbisch-orthodoxen Kloster nahe der albanischen Grenze. Pater Sava Jancjic, der auch der “cyber-monk“ genannt wurde, stellte auf seiner Homepage Links zu Chats, und Augenzeugenberichte aus bombardierten Gebieten zur Verfügung.

Auf seiner Mailingliste befanden sich die Adressen von mehr als 300 Reportern, Diplomaten und Freunden. Nahezu täglich bekamen die Empfänger Neuigkeiten aus dem Krisengebiet auf den Bildschirm. Oft waren es Berichte, welche zuvor von der Regierung in Belgrad verboten worden waren. Indem Pater Sava sie veröffentlichte, konnten sie somit einem breiteren Publikum weltweit zugänglich gemacht werden.

Der 33-jährige Mönch war zwar bekannt für seine Abneigung gegen Präsident Milosevic, sein Zorn richtete sich aber immer öfter auch gegen die Nato. Er kritisierte die Bombardements und machte klar, dass nicht nur militärische, sondern auch zivile Einrichtungen von den Bomben betroffen waren. Seine Augenzeugenberichte bezog er von den wenigen Internetnutzern aus dem Kosovo mit welchen er in Kontakt stand, oder auch von den ständigen Flüchtlingsströmen, welche das Kloster erreichten.

In seinen E-Mails rief er zum Frieden zwischen Serben und Albanern auf und machte klar, dass es für die Lösung des Konfliktes seiner Ansicht nach nur eine friedliche Lösung geben konnte. “The Way of nonviolence and cooperation is the only God-blessed way which corresponds to human and heavenly moral laws and experiences. We remind the responsible leaders of the international community that the evils in Kosovo cannot be righten by an even greater and more immoral evil: bombing of a small, but honorable European nation” (Jancjic 1999; in: North 1999 [14]).

====”The War Diary”==== [15] Als ”The War Diary” wurde der Web-Auftritt eines serbischen Filmemachers aus Belgrad berühmt. Er war nur unter den Initialien A.G. bekannt und veröffentlichte seine Ansichten über den Krieg in Form eines Tagebuches und einigen Videosequenzen, im Zeitraum vom 2. März 1999 bis zum 17. Juni 1999. Seine Erlebnisse wurden teilweise in mehreren großen Tageszeitungen (Arena, Le Monde, The Standard und Publico) veröffentlicht, sowie auf deren Webseiten verlinkt.

Der Autor war der Ansicht, dass es für Menschen innerhalb eines Kriegsgebietes nichts schlimmeres gäbe, als von Informationen abgeschnitten zu sein.

Seine Nähe zu dem unabhängigen Radiosender B92 machte klar, wie A.G. zur serbischen Regierung stand, aber auch er kritisierte gleichermaßen die mediale Darstellung des Krieges in den westlichen Medien, speziell den Webauftritten von BBC und CNN. Das Material, welches ihm die Möglichkeit bot der Welt seine Auffassung des Krieges zu zeigen, hatte er im Übrigen auch aus den Gebäuden des Belgrader Radiosenders. Als ihm klar wurde, dass die Computer und Modems von Plünderern bedroht waren, hatte er diese zusammen mit einigen Komplizen aus dem Gebäude der geschlossenen Medienanstalt B92 gerettet.

Accounts wie der von A.G. zeigten der Welt, dass Krieg nicht so sauber ist, wie er von Seiten der Nato immer dargestellt wurde. Sie bildeten für Journalisten eine entscheidende Quelle, um eine realistische Sicht auf den Krieg zu bekommen.

„E-Mails aus dem Kosovo“

Auch das persönliche Medium E-Mail hatte seine Premiere als Kommunikationsmittel in Krisenzeiten, während der Bombenangriffe, beziehungsweise auch schon davor während der Übergriffe serbischer Polizei- und Paramilitäreinheiten auf Kosovo-Albaner. Gleich zu Beginn der Nato-Luftangriffe veröffentlichten mehrere Nachrichtenangebote einen elektronischen Briefwechsel zwischen dem 16-jährigen albanischen Mädchen Adona und dem High School Studenten Finnegan Hamill aus Bearkley, Kailfornien. Der Kontakt kaum laut Hamill zustande, als er bei einem Treffen seiner Kirchengruppe einen Friedensarbeiter traf, der gerade aus dem Kosovo zurückgekehrt war. Dieser hatte die E-Mailadresse von Adona, einem Mädchen, welches Kontakt zu jungen Menschen aus den Vereinigten Staaten suchte, bei sich . Nachdem Finnegan beschlossen hatte Adona zu schreiben, entstand daraus eine Reihe von elektronischen Briefwechseln, in welchen das Mädchen aus dem Kosovo beschrieb, wie es ist in einem Kriegsgebiet zu leben.

Mit Hilfe dieses Einzelschicksals versuchten Nachrichtenanbieter wie zum Beispiel CNN einen authentischeren Blick auf die Kriegsereignisse anzubieten, und es wurde auch dazu benutzt, junge Menschen auf den Konflikt aufmerksam zu machen. Die „E-Mails aus dem Kosovo“ sind einzusehen unter [16]

Mailinglisten

Ebenfalls unmittelbar nach dem Beginn der Luftangriffe tauchte eine weitere Betroffenheitsgruppe im Netz auf. Die Serben, welche unmittelbar den Bombardierungen ausgesetzt waren, schrieben E-Mails an Bekannte und Verwandte, um so zu zeigen, dass sie am Leben sind und um über ihren Zustand zu berichten. Bald wurden viele dieser Erlebnisberichte oder Kriegstagebücher in großen Mailinglisten wie zum Beispiel Nettime [17] gepostet. Die Mailingliste versteht sich selbst als „eines der führenden Foren für Diskussion und Praxis innovativer Internetkultur.“

Zum Zeitpunkt des Krieges fand man auf dem Portal Mails aus den verschiedensten Blickwinkeln, Diskussionen über den Krieg aber auch vor- Ort- Berichte aus Belgrad. Während der Krise erreichte Nettime seinen bis dato maximalen Stand an Postings pro Tag (Rekord lag bei 459). Das Angebot galt als wichtige Ergänzung zu den traditionellen Medien und als Fortschritt in der intellektuellen Netzdebatte.

Solche Mails und Augenzeugenberichte genießen, trotz ihrer unmedialen Darstellung, eine hohe Glaubwürdigkeit bei den Rezipienten. Durch ihren unmittelbaren Charakter stellen sie einen direkten Bezug zum Geschehen her. Dennoch gab es immer wieder Zweifel und Kritik an den Mailinglisten. Häufig gab es beispielsweise den Vorwurf, Augenzeugenberichte seien bewusst als E-Mails getarnt und vom serbischen Informationsministerium entsprechend platziert worden. Fragen nach der Authentizität der Quellen, sowie deren Herkunft konnten während des Krieges nun mal schwerlich beantwortet werden.


=== Folgen der Kriegsberichterstattung im Internet und Veränderungen für den Journalismus === (Julian Schmitt) Im Kosovo-Konflikt entstand durch die (Be)nutzung des Internets erstmals eine alternative Nachrichtenlage. „Dies macht die Differenz zwischen den ’offiziellen’ Interpretationen der Kriegsursachen, Kriegsfolgen und Kriegszielen sowie dem, was in Wahrheit geschah oder geschehen sein könnte, so offensichtlich und öffentlich zugänglich, wie noch niemals in einem Krieg zuvor“ (Claßen 1999; in: [18]).

Wie auch die vorangegangenen Beispiele gezeigt haben, wurde durch die subjektive Benutzung und Vermittlung von Informationen sowohl eine einseitige Darstellung der Ereignisse, als auch die Zensur erschwert. In vorangegangenen Konflikten hatte jede Seite die Möglichkeit über ihre eigenen Medien Propaganda zu verbreiten, und konnte so eine eigene Realität zu konstruieren. Als Beispiel kann man in diesem Krieg die Flüchtlingsströme nennen: Jene wurden von Seiten der Nato als Albaner bezeichnet, welche vor Vergeltungsschlägen des serbischen Militärs flüchten. Von serbischer Seite hieß es, dass es Menschen seien, die vor den Bomben der Nato fliehen.

Vorteilhaft war also die Tatsache, dass man Informationen von verschiedenen Quellen beziehen konnte, um so ein breites Angebot von Neuigkeiten und Meinungen zu erhalten. Obwohl zwar viele Internetseiten lediglich die Propaganda ihrer Macher wiederspiegelten, bot sich für den Nutzer die Möglichkeit Angelegenheiten aus den verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. „Öffentliche Kriegskommunikation ist multiperspektivisch geworden: In der Internetkommunikation finden sich die Sichtweisen der verschiedenen Kriegsparteien, der unterschiedlichen Kulturen und Ethnien, der klassischen Medien, der Experten, der Beobachter vor Ort und vor allem auch Darstellungen der Opfer aus den Regionen des Kriegsgeschehens, die für die Korrespondenten nicht zugänglich waren“ (Bucher 2004; S.295 ff).

Durch die Gelegenheit des Perspektivenwechsels kann man also der Illusion entkommen, dass alle Nachrichten, die von offizieller Seite herausgegeben werden, Objektivität wiederspiegeln. Während das Fernsehen mit seinen ewig gleichen Flüchtlingsbildern lediglich diejenigen in ihrer Meinung bestärkte, die den Krieg als gerechtfertigt ansahen, wurde das Internet dazu genutzt, um Informationen herauszubekommen, welche hinter dem journalistischen “gatekeeping-process“ lagen.

Diese Informationsflut kann jedoch auch für eine neue Unübersichtlichkeit sorgen. Durch Merkmale, die das Medium selbst mit sich bringt (Unmittelbarkeit, Vermittlung, Schnelligkeit und Zugang) entstehen Probleme für den Wert einer Nachricht. Die Geschwindigkeit im Web bringt also die Gefahr mit sich, dass Unwahrheiten verbreitet oder gezielt platziert werden. Für den Rezipienten kann das bedeuten, dass er selbst die Rolle des journalistischen Gatekeepers übernehmen muss und bald überhaupt nicht mehr weiß, was er glauben soll und was nicht. „Kehrseite der Liberalisierung des Informationsmarktes durch das Internet ist dementsprechend eine neue Unübersichtlichkeit, welche die Risiken des kommunikativen Scheiterns erhöht: In der Risikokommunikation wird die Kommunikation selbst zum Risiko, und zwar durch das sogenannte Informationsparadox. [...] Mehr Information führt nicht automatisch zur Informiertheit, sondern kann auch Irritationen zur Folge haben“ (Bucher 2004; S.280).

Für den Journalisten ergibt sich also, dass er sich an die neue Situation die das Medium mit sich bringt, anpassen muss. Er muss neue Aufgaben übernehmen, um dem Nutzer einen Weg in diesem „Urwald“ zu ebnen. Zusammenhänge müssen hergestellt werden, indem man alle Quellen untersucht, die Herkunft absichert und schließlich müssen die Informationen auch in einen Kontext gebracht werden. Auf die Darstellung von „angesehenen“ Quellen sollte eine kritische Reaktion folgen. „Journalismus kann sich nicht mehr auf die statische Gatekeeper-Rolle beschränken, sondern muss mit den Rezipienten durch das Tor hindurchgehen und zum Reiseführer werden“ (Bucher 2004; S.295).

Quellen

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Nachschlagewerke:

Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG (2006): Der Brockhaus. Multimedial Premium 2006. Das umfassende Multimedia-Lexikon für Anspruchsvolle (DVD-ROM).

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