Krieg der Bilder oder die Visualisierung des Schreckens - Fallbeispiel Abu Ghraib

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Verfasser: Annika Tetzlaff, Christian Karch, Katrin J.C. Kuhn

Inhaltsverzeichnis

Bilderkrieg

„Sieh her, sagen die Fotos, so sieht das aus. Das alles richtet der Krieg an – und auch das hier. Der Krieg zertrümmert, lässt bersten, reißt auf, weidet aus, versengt, zerstückelt. Der Krieg ruiniert.“ (Sontag 2003: 14)

Bilder haben vielerlei Funktionen. Sie machen auf etwas aufmerksam, sie dokumentieren, provozieren oder regen zum Nachdenken an. Bilder und Fotos sind aber nicht immer eindeutig. Sie lassen oftmals Platz für Assoziationen und Interpretationen. Sie vermitteln (scheinbar) Informationen, erzeugen Stimmungen und haben dokumentarischen Charakter. Auf ihrem Hintergrund werden Urteile über Sympathie und Antipathie gefällt und können als Anschauungsmaterial zur Bewertung von Sachverhalten dienen. Aber Fotos können auch beschönigen und verfälschen: „Und obwohl Fotos immer wieder für ihre klare Wiedergabe von Wirklichkeit gepriesen werden, eignen sie sich zu allerlei alchimistischen Prozeduren.“ (Sontag 2003: 94) Dadurch geht von Bildern eine große Macht aus, die gerade in kriegerischen Auseinandersetzungen auch zur Waffe werden kann. So wurden z.B. Fotos von Opfern aus dem Kosovo eingesetzt um den Kriegs zu legitimieren, und der Protest gegen den Vietnamkrieg wurde erst durch Bilder mobilisiert. (Vgl. Sontag 2003: 17 und 121)

Der erste Teil dieser Arbeit beschäftigt sich mit der meinungsbildenden Funktion der Kriegsfotografie der letzten 150 Jahre. Es soll der Frage nachgegangen werden, welche Funktion Kriegsbilder im allgemeinen für die Gesellschaft hatten und immer noch haben. Die eigentümliche Ambivalenz dieses Mediums wird genauso Untersuchungsgegenstand sein, wie die verschiedenen Modellierungstypen, die bei allen Kriegsbildern erkennbar sind. Diese Erkenntnisse sollen anschließend im zweiten Teil am Fallbeispiel Abu Ghraib untersucht sowie die Medienkarriere der dramatischen Folter-Fotos dargestellt werden. Außerdem wird aufgrund der speziellen sexuellen Brisanz der Bilder aus Abu Ghraib insbesondere auch auf den pornographischen Aspekt der Aufnahmen eingegangen.

Von der Ästhetisierung zur „unvollkommenen Anästhetisierung“

Kriege sind heute medial aufbereitet. Erst durch die Medien können Unbeteiligte Kriege überhaupt wahrnehmen. „Ein Krieg wird „real“, wenn es von ihm Fotos gibt.“ (Sontag 2003: 121) Das Verhältnis zwischen Medien und Militär ist dabei aber keineswegs nur harmonisch, sondern durch Einschränkungen und Restriktionen geprägt. Zäsur und Inszenierung sind dabei so alt wie die Kriegsfotografie selbst, denn die meinungs- und bewußstseinsbildende Funktion der Bilder lässt Bilder zu Waffen im Krieg werden. (Vgl. Paul 2004: 14ff) Die Deutungen und Überzeichnungen in den Bildmedien des modernen Krieges, d.h. die verschiedenen Funktionen der Kriegsbilder, folgen immer einer bestimmten Ideologie und haben einen spezifischen Deutungsrahmen. Ob zu propagandistischen oder zu antikriegerischen Zwecken, die Visualisierung des Krieges zeigt zu jeder Zeit bestimmte ästhetische Grundmuster auf. In wie weit man bei Kriegsfotografien überhaupt von einer Ästhetik reden kann, ist fraglich: „..an Kriegsfotos Schönheit zu entdecken wirkt gefühllos. Und doch ist die verwüstete Landschaft immer noch eine Landschaft...“ (Sontag 2003: 89) Die folgenden Abschnitte sollen sich nun mit den Visualisierungsstrategien der Kriege durch Bilder sowie mit der Symbolik und dem ästhetischen Aspekt von Kriegsfotografie befassen.

Funktion der Kriegsbilder von damals bis heute

Obwohl jeder Krieg im Laufe der 150jährigen Foto-Geschichte aufgrund veränderter Technik der visuellen Medien, veränderter Kriegstechnologie und natürlich wegen unterschiedlich politischen wie medial motivierten Gründen seine eigene Ästhetik hervorbrachte, fallen einzelne bis heute gültige und interkulturelle ikonographische Deutungsmuster auf. Die Kriegsfotografie hat somit im Laufe der Geschichte verschiedene Funktionen gehabt, die teilweise auch in der Gegenwart nicht an Bedeutung verloren haben.

Ästhetik und Fiktion

Im vor- und frühmodernen Krieg des 15.–19.Jh. erhielten Kriege durch Stiche und Zeichnungen eine noch rein ästhetisierende und romantisierende Wirkung. Die Schlachten auf den Gemälden hatten somit nichts mit der Realität zu tun. Sie waren fiktionale Gebilde (Paul 2004: 25ff). Erst als 1839 die Fotografie erfunden wurde, stand der ungehinderten Publikation einer „realen“ und wirklichkeitsgetreuen Abbildung kriegerischer Handlungen nichts mehr im Wege (Vgl. Sachsse 2003: 23ff und 70).

Dokumentation, Mediatisierung und Propaganda: Bilder als Waffe

Einen Dokumentationscharakter erreichte die Kriegsfotografie erstmals im 19. Jahrhundert. Aufgrund technischer Hindernisse wie der beispielsweise langen Belichtungszeit waren Schlachtendarstellungen meistens inszeniert und die Bilder zeigten das Geschehen oft nur vor oder nach den Kriegshandlungen. Aber schon zu dieser Zeit zeigte sich, dass mit Hilfe der Medien die Bilder zu propagandistischen Zwecken gebraucht wurden. (Vgl. Paul 2004: 60 und 74ff) Der erste mediatisierte Krieg der Geschichte war der Erste Weltkrieg. Durch die massenhafte Verbreitung der Bilder wurde der Blick der Öffentlichkeit gesteuert und die Wahrnehmung uniformiert. Obwohl jetzt unmittelbare Aufnahmen aus dem Kampfgeschehen möglich waren, erlaubte jedoch kein beteiligter Staat das ungehinderte Fotografieren an der Front. Diese Anfänge staatlicher Bildpropaganda sollten den Krieg idealisieren, um die kriegerische Moral zu stärken. (Vgl. Paul 2004: S. 105ff) Antikriegerische Arbeiten wie das Buch „Krieg dem Kriege“ von Ernst Friedrich erreichten erst nach dem Ersten Weltkrieg die Massen. (Vgl. Sontag 2003: 21) Auch der spanische Bürgerkrieg war bestimmt durch den Bildjournalismus. Bilder verpassten dem Krieg und den jeweiligen Fronten ein bestimmtes Image und gaben dem Krieg den Namen des ersten „Medienkrieges“: Die Bilder wurden selbst zu Waffen.

Ideologische Inszenierung

Den Höhepunkt der fotografischen Inszenierung des Krieges wurde im Zweiten Weltkrieg erreicht. Alle beteiligten Parteien bemühten sich mit Hilfe professionellen Medienmanagements um eine positive Deutung der Kriegsereignisse zu ihren Gunsten. Der zweite Weltkrieg wurde in den Fotos hauptsächlich als technischer und industrieller Krieg dargestellt. (Vgl. Sontag 2003: 57) Unmittelbare Kampfhandlungen waren selten ein Motiv. Stattdessen sollte die ästhetische und ideologische Modellierung des Krieges zu dessen Legitimation beitragen. Die Fotos der KZ-Häftlinge hatten nach den Kriegshandlungen dagegen eine unästhetische, entgegengesetzte Wirkung. (Vgl. Paul 2004: 224ff)

„Anästhetisierung“ gegen und für den Krieg

Der Vietnamkrieg war nicht nur der erste TV-Krieg (Vgl. Sontag 2003: 69), auch die bewusste Darstellung der Opfer war erstmals ein zentrales Motiv. Die unästhetischen Bilder waren Auslöser für zahlreiche Gegenbewegungen in den USA und im Ausland. (Vgl. Paul 2004: S.312ff) Der Kosovo-Krieg war der dagegen der erste Krieg, welcher durch Gräuelbilder erst ausgelöst wurde. Die im Internet veröffentlichten Bilder von Massengräbern etc. als fragwürdige Beweise führten zu einer gesellschaftlich emotionalen Aufladung und dienten der Politik zur Legitimation des Krieges. (Paul 2004: S.410ff)

Entertainisierung und Fiktionalisierung

Die televisuelle Inszenierung des Golf-Krieges sollte dagegen erstmals einen „sauberen“ Krieg „ohne Opfer“ zeigen. Diesem ersten „vollelektronischen“ Krieg sollte man die Schwere der Verwüstung nicht ansehen. Die Abstraktheit der gezeigten Bilder (von Lenkraketen oder Nachtaufnahmen aus großer Entfernung) trugen zu einer Fiktionalisierung und auch Entertainisierung des Krieges bei. Die Bilder sollten wieder eine ästhetisierende Rolle einnehmen. Der Gewaltakt selbst war nun nur noch als ein „auffackelndes grünes Licht“ erkennbar. (Paul 2004: 372ff) „Das amerikanische Militär verlegte sich im Golfkrieg von 1991 auf die Verbreitung von Bildern aus dem Technokrieg: der Himmel über den Sterbenden, erfüllt von den Leuchtspuren der Raketen und Granaten – Bilder, die die absolute militärische Überlegenheit Amerikas gegenüber dem Feind veranschaulichten. Was die amerikanischen Fernsehzuschauer nicht zusehen bekamen, waren ... Aufnahmen ... Schicksal Tausender...“ (Sontag 2003: 78)

Virtualisierung

Im Kosovo-Krieg jedoch wurde versucht mit Hilfe ästhetischer Bilder für eine Legitimierung des Krieges zu sorgen. Damit begann die Virtualisierung des Krieges: Cruise-Missile-Videosequenzen sollten „saubere“ und chirurgische Eingriffe verdeutlichen. Mit Beginn der modernen visuellen Kriegsberichterstattung wurde es möglich, den Betrachter zu Hause durch ästhetische und technische Authentisierungsstrategien räumlich wie zeitlich so nah wie möglich an das Kriegsgeschehen heranzuführen, ihn quasi in das Geschehen mit hineinzuversetzen und den Rezipienten aus scheinbar eigener Perspektive den Krieg miterleben zu lassen. Dieser „Wohnzimmerkrieg“ hatte eine neue Qualität von Vertrautheit und Nähe. Das Live-Prinzip generierte eine eigenständige Repräsentationsästhetik: „Der Krieg fügte sich damit in die bekannten professionellen Gesten und Rituale des Fernsehens ein.“ (Paul 2004: 416) Allein der Zugang zu diesen teils nichts sagenden Live-Bildern schwächte das Bedürfnis des Rezipienten nach dramatischen Aufnahmen ab. Die Aktion der Beteiligten auf dem Bildschirm war und ist wichtig und damit ihr Unterhaltungswert: Entertainment auf Kosten des Krieges. Nicht mehr der Gegenstand der (Stand-) Bilder gilt als spektakulär, sondern die vermeintliche Gleichzeitigkeit des Geschehens. (Vgl. Paul 2004: 407ff) Das Internet ermöglichte zudem erstmals die ungehinderte Veröffentlichung von Bildern ohne Zäsur. Doch diese scheinbare Aufhebung von Zäsur und die Überbrückung von zeitlichen und räumlichen Distanzen sowohl der Medien als auch der Zuschauer zum Kriegsschauplatz durch das Live-Prinzip hatten ihren Preis.

Live-Entertainment

Die Anschläge des 11. September 2001 in New York hatten den bisherigen Tendenzen und Bildfunktionen eine qualitativ neue Dimension hinzugefügt, indem die Bilder das „...bislang verlässliche[n] Schutzschild des Publikums durchschlugen und den kriegerischen Terror in Echtzeit in den Alltag der Menschen haben kommen lassen.“ (Paul 2004: 433) Plötzlich gab es keine Bildzäsur mehr. Der Krieg gegen Afghanistan blieb trotzdem weitgehend ohne Bilder bzw. war nur von nichts sagenden Bildern dominiert. Der Gegner blieb abstrakt, der Tod „unsichtbar“, und dadurch wurde für eine erneute Kriegslegitimation gesorgt. Auch der Krieg im Irak war bislang durch die Medien „sauber“ geführt worden. Durch den Mangel an Bildmaterial über die tatsächlichen militärischen Ereignisse infolge von Zensurmaßnahmen und anderen Restriktionen begannen die elektronischen Medien ihre eigene Realität des Krieges zu konstruieren. So verwundert es nicht, dass fernsehshow- wie filmtypische Elemente den Krieg entertainisierten und damit zum massenkulturellen Spektakel machten (Vgl. Paul 2004: 454ff). Da aber das eigentliche Kriegsgeschehen mit seinen tatsächlichen Auswirkungen unsichtbar bleibt, kann man somit eigentlich nur von einer „unvollkommenen Anästhetisierung“ (Vgl. Paul 2004: 480ff) sprechen. Der Krieg mutiert dadurch zu einem akzeptablen humanen Ereignis und der anarchische Charakter des Krieges wird verschleiert und reduziert. „Es müssen schon einige besondere Umstände zusammenkommen, damit ein Krieg wirklich unpopulär wird. (Die Aussicht, in diesem Krieg ums Leben zu kommen, gehört nicht unbedingt dazu.)“ (Sontag 2003: 74) In der 150jährigen Geschichte der Visualisierung des modernen Krieges gab es aber auch immer oppositionelle Bestrebungen zu dieser propagandistischen medialen Aufbereitung von Kriegsbildern. James Nachtwey z.B. war einer der unabhängigen Fotografen, welcher bewusst der ästhetisierenden Perspektive der Kriegsfotografie eine konsequente schonungslose Ablichtung der Opfer entgegensetzte. Gerade dieses Verschleiern kriegerischer Gewalt und ihrer Opfer generierte somit immer auch ihr Gegenteil.

Freund und Feind: Die Ambivalenz der Medien zwischen Markt und Politik

Das World Wide Web hat maßgeblich dazu beigetragen, diese medial „unsichtbaren“ Kriege trotz Zensurvorschriften und Repressalien gegen Bildjournalisten wieder sichtbar zu machen (Vgl. Paul 2004: 474ff). Einerseits bietet diese Form der ungehinderten Publikation Raum für Spekulationen über den Wahrheitsgehalt des Dargestellten, andererseits kann sich kein am Krieg beteiligter Staat mehr darauf verlassen, dass die praktizierte kriegerische Gewalt auch tatsächlich unsichtbar für die Gesellschaft bleibt. Das Internet ist jedoch, wie im Kosovo-Krieg, auch ein Mittel, das dem Staat und damit der Politik zu gute kommen kann. Diese Ambivalenz der modernen visuellen Medien aus gleichzeitigem Dokumentieren und Verhüllen macht sie für Propagandisten und Politik immer wieder interessant. (Vgl. Paul 2004: 475ff) Somit sind die Bildmedien für die Kriegsführer Freund und Feind zugleich.

Die modernen Bildmedien orientieren sich einerseits an einer vielschichtigen, zum Teil nach Gesetzen der Politik, zum Teil nach den Regeln des Marktes funktionierenden, zunehmend global agierenden Medienöffentlichkeit. Hier zeigt sich die enge Abhängigkeit der Medien vom Bilder-Markt, aber auch der Politik von den Medien. Für die Politik hat der Dokumentations- und Interpretationscharakter der Bildmedien einerseits propagandistische Funktionen wie z.B. die Legitimation einer kriegerischen Handlung oder die Herstellung eines bestimmten Feindbildes. Andererseits können Bilder wie die des Abu-Ghraib-Skandals das Bild eines „sauberen“ Krieges nachhaltig stören oder gar vollständig eliminieren. Kriegsbefürwortende und antikriegerische Darstellungen werden immer nebeneinander co-existieren. Auch wenn die Politik den Kriegs-Bildermarkt weitgehend unter Kontrolle halten kann, zeigt das Beispiel Abu-Ghraib, dass Bilder heute immer spektakulärere Sujets und Ereignisse zeigen müssen, um sich auf dem hart umkämpften Bildermarkt behaupten zu können. Durch investigativen Journalismus sowie durch neue Medien wie das Internet wird eine lückenlose Zäsur oder ein „sicheres“ Gate-Keeping eigentlich unmöglich. (Vgl. Paul 2004: 473ff)

Modellierungstypen

Bilder kriegerischer Gewalt sind zusammenfassend ein Medium der Fiktionalisierung, Inszenierung, Propaganda, Dokumentation, Idealisierung, Meinungsbildung, Ästhetisierung, Abschreckung, der Virtualisierung und damit auch der Entfremdung. Bei allen Kriegsbildern sind verschiedene Modellierungstypen erkennbar, die den Krieg auf eine bestimmte Weise darstellen sollen:

Zum einen die Modellierung des Krieges als eine saubere, hygienische und aseptische Angelegenheit. Die Bilder der „chirurgischen“ Eingriffe des postmodernen Krieges sind ein Beispiel für einen „sauber“ geführten Krieg. Der Krieg wird derart dargestellt, dass er als eine kollektiv industrielle Arbeit erscheint, bei der der einzelne kriegerische Akt, beispielsweise der professionelle Umgang mit der Waffe, zu einer als zum modernen Alltag dazugehörigen normalen Arbeit auftritt. Dadurch erhält der Krieg eine kulturelle Normalisierung. Die Entertainisierung des Krieges als (Medien-)Event stellt eine weitere Funktion der medialen Kriegsführung dar. Ein Hauptziel von propagandistischen Kriegsbildern ist aber immer noch die Dehumanisierung des Gegners und die gleichzeitige Humanisierung des Krieges. Ein Beispiel dafür stellt New York 9/11 dar. Kein Ereignis wurde vergleichsweise medial aufbereitet und dramatisiert, während der darauf folgende Krieg von den Medien zum einen kaum Beachtung fand und zum anderen als „gewaltfrei“ dargestellt wurde. Generell stellt die Ausblendung des unmittelbaren Gewaltaktes eine weitere heutige Praxis der medialen Bildberichterstattung dar. Die Bilder sollen das chaotische und schreckliche Ereignis Krieg normalisieren und ihm die Dramatik nehmen. Was allen Modellierungstypen gleich ist, ist die kulturelle Transformationsleistung. Der asoziale und inhumane Charakter des Krieges wird zu etwas vertraut Normalem überführt und damit seinem Schrecken entzogen. (Vgl. Paul 2004: 474ff) In den Kriegen der Gegenwart sind die Bilder von Kriegsleid und –tod schließlich zu propagandistischen Waffen im internationalen Meinungskampf geworden. Ein „Krieg der Bilder“ sozusagen. Der „moderne“ Krieg lebt von der Abstraktheit der Bilder. Mit den elektronischen Bildern hat der Bilder-Krieg seine höchste Abstraktionsstufe erreicht. Der Krieg erhielt den Charakter ähnlich eines Videospiels, in dem die Grenzen zwischen Spiel und Realität fast fließend sind. (Vgl. Paul 2004: 391ff) Der „saubere“ Krieg, den auch der Irakkrieg darstellen sollte, konnte also nur durch „saubere“ Bilder untermauert werden. Die Fotos von Abu Ghraib zerstörten dieses Bild.

Das Fallbeispiel Abu Ghraib

Kurze Einführung

Das im Irak, nahe Bagdad gelegene Abu Ghraib-Gefängnis war schon zu Zeiten Saddam Husseins aufgrund seiner Folter-Praktiken und Exekutionen berüchtigt. Nach dem Ende der offiziellen Kampfhandlungen des dritten Golfkrieges wurde es von den amerikanischen Besatzungstruppen übernommen und als beispielhaftes Mahnmal für das Terror-Regime Husseins präsentiert. Nach der Wiedereröffnung durch die US-Militärs gerieten im Frühjahr 2004, ausgelöst durch einen bildreichen Bericht des amerikanischen Fernsehsenders CBS, Erkenntnisse über die Folterung und sexuelle Misshandlung irakischer Insassen an die Öffentlichkeit. Denen in dem Beitrag gezeigten Aufnahmen folgten bald viele weitere, die einen „Folter-Skandal“ dokumentierten, der schon lange vor seiner „Veröffentlichung“ begonnen hatte und die Welt schockierte. (Vgl. [1] )

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/4/4b/AbuGhraibAbuse-standing-on-box.jpg

Auswirkungen der Bilder

Die Supermacht USA ist einer der Staaten, der nach dem Vietnamkrieg-Debakel mehr oder weniger in den darauf folgenden Kriegen versucht hat, den Kampfplatz frei von Medien zu halten bzw. die Berichterstattung insofern zu steuern, dass das Bild des aseptischen Krieges erhalten bleiben sollte. Für die Medien bedeutete das, dass auch im Irakkrieg Combat-Bilder entweder inszeniert waren oder zumindest keine erinnerungsfähigen Symbole darstellten (Vgl. Sontag 2003: 11ff). Die Darstellungen der nächtlichen Bombardierungen brachten auch keinen Identifikationswert mit den tatsächlichen Kriegsauswirkungen. Auch dieser Krieg war und ist von der Verschleierung kriegerischer Gewalt und ihrer Opfer bestimmt. Die Ausblendung der unmittelbaren Gewalt in der Praxis half bei der Humanisierung des Krieges.

Die Bilder von Abu Ghraib haben in extremer Weise das aseptische Bild des ordentlich gekleideten und Körperhygiene betreibenden Soldaten, von hellen Unterkünften und sauberen Lazaretten, von dem wohlfahrtlichen und barmherzigen Umgangs der Soldaten mit den Kriegsgefangenen zerstört. Leid und Tod, Chaos und Undiszipliniertheit, welche als rückschrittlich und unzivilisiert gelten, lassen die Handlungen der Soldaten in dem Gefängnis zum Sinnbild des Grauens und der Unmenschlichkeit im Krieg werden. Das Bild eines „bürokratischen“ Systems des amerikanischen Kriegsgefangenenwesens war zerstört und lies die USA demoralisiert und unzivilisiert erscheinen. (Vgl. Paul 2004: 79) Die mitunter kriegsauslösenden Bestrebungen der Besatzer, den Irak zu „zivilisieren“, wurden durch die Bilder von Abu Ghraib mit einem Schlag zunichte gemacht. Die Bilder vom Elend der Kriegsgefangenen und von den Folterungen durch amerikanische Soldaten entwickelten eine andere Form der Ästhetik. Die Bilder aus dem Gefängnis erschufen eine Sichtweise, die nicht beschönigt, sondern ängstigt, beunruhigt und irritiert. Sie vermittelten auf deutliche Weise den anarchischen Charakter des Krieges und waren nicht repräsentativ für eine fortschrittliche Gesellschaft wie die USA. Nicht der Gegner der westlichen Welt wurde mit den Bildern dehumanisiert, sondern die Amerikaner dehumanisierten sich damit selbst. Der Krieg als „Befreiungsaktion“ gegen das Unmenschliche hatte mit diesen Bildern seine Legitimation verloren.

Vor Abu Ghraib drohte der Krieg, welcher in der sonst nüchternen Darstellungsweise als ein ideologischer Krieg geführt worden war, sich den Augen der Welt zu entziehen und in flüchtige Bilder zu zerfallen. Doch es sind die „stehenden“ Bilder, die sich in das Gedächtnis einbrennen. Denn laut Susan Sontag sind es vor allem die Fotografien von Kriegsopfern, die zu weltlichen Ikonen werden. Und da das „Gedächtnis mit Standbildern arbeite“ und seine „Grundeinheit das einzelne Bild“ sei, so Susan Sontag, verdränge das Erinnern durch Fotografien alle anderen Formen von Erinnern und Verstehen. (Vgl. Sontag 2003: 12) „In einer Ära der Informationsüberflutung bietet das Foto eine Methode, etwas schnell zu erfassen und gut zu behalten. Darin gleicht es einem Zitat, einer Maxime, einem Sprichwort.“ (Sontag 2003: 29)

Die in geordneten Bahnen funktionierende Kriegsmaschinerie des US-Militärs kann nur dadurch das Ziel der Kriegslegitimation erreichen, wenn sie die Öffentlichkeit mit teilweise nichts sagenden Bildern überschüttet. Nur so kann vermieden werden, dass beim Rezipienten Skepsis aufkommt, und er beginnt die Dinge zu hinterfragen. Im Gegensatz zu den nichts sagenden und weitgehend „sterilen“ Combatfotos und Videos aus dem Kampfgebiet wurden die Kriegsereignisse durch Abu Ghraib erstmals emotional wahrgenommen. Die Aufnahmen lösten Betroffenheit und Schock aus und brannten sich ins kollektive Gedächtnis. Dadurch misslangen die Bestrebungen der Besatzer den asozialen und inhumanen Charakter des Krieges im Bewusstsein ihres Volkes und der Weltöffentlichkeit zu verdrängen.

Auch wenn die Bilder nicht unbedingt repräsentativ für die kriegerischen Auseinandersetzungen der USA im Irak sind, so stehen sie doch stellvertretend als Sinnbild für die Gewalt und Unmenschlichkeit, die der Krieg mit sich bringt: „...lassen wir uns ... von den grausigen Bildern heimsuchen. Auch wenn sie nur Markierungen sind und den größeren Teil der Realität, auf die sie sich beziehen, gar nicht erfassen können, kommt ihnen eine wichtige Funktion zu. Die Bilder sagen: Menschen sind imstande, dies hier anderen anzutun - vielleicht sogar freiwillig, begeistert, selbstgerecht.“ (Sontag 2003: 134) Die Fotos haben den Krieg im Irak und das Bild der USA nachhaltig negativ verändert und sind ein Beispiel für die Ambivalenz des Bild-Mediums zwischen Markt und Politik im Krieg. Der Skandal verbreitete sich in den Medien wie ein Lauffeuer. Die Medien stürzten sich auf die Bilder. Sie waren ein gefundenes Fressen für die Bilderarmut des Irakkrieges. Der Folterskandal wurde zum Medienspektakel, und das erst etwa ein Jahr nach dem Ende der eigentlichen Kriegshandlungen.

Die internationale „Medien-Karriere“ der Abu Ghraib-Bilder

Lange bevor die schockierenden Fotos aus dem größten Kerkerkomplex des Iraks an die breite Öffentlichkeit gelangten und eine Welle der Empörung auslösten, veröffentlichte die Menschenrechtsorganisation amnesty international (ai) detaillierte Berichte über die menschenverachtenden Vorfälle in Abu Ghraib. Am 23. Juni 2003 publizierte ai ein „Memorandum über Sorgen im Zusammenhang mit Recht und Ordnung im Irak“, in dem neben anderen gravierenden Mängeln auf die erschreckenden sanitären Verhältnisse und menschenunwürdige Behandlungsweise der Gefangenen aufmerksam gemacht wurde. Auch wurde über die vielfache, unter ungeklärten Umständen stattgefunden habende Exekution irakischer Gefangene durch amerikanische und britische Soldaten berichtet. Fazit des Memorandums von 2003 lautete: „Nach mehr als hundert Tagen Besatzung ist das Versprechen, dass die Menschenrechte im Irak eingehalten werden, nicht erfüllt.“ (Müller 2004: 138) Das ein Jahr später folgende Memorandum mit dem Titel „One year in the human rights situation remains dire“ verzeichnete eine weitere Verschlimmerung der Zustände und enthielt diverse Gefangenenaussagen über massive Foltermaßnahmen. Trotz dieser Berichte sahen amerikanische wie deutsche Medien über ein Jahr lang keine Notwendigkeit in angemessener Weise über die unfassbaren Ereignisse zu berichten. Was fehlte waren die Bilder.

Dass diese schließlich von den Folterern selbst geliefert wurden, mutet seltsam ironisch an. Wahrscheinlich aus dem eitlen Bestreben aufgenommen zum eigenen Amüsement dienen und vor anderen damit angeben zu können, brachten die Fotos ihre Schöpfer schließlich zu Fall. Einer der Hauptprotagonisten, Charles A. Graner, hatte eine CD-Rom mit Aufnahmen von geschundenen nackten Häftlingen an einen unbeteiligten Kollegen, den Militärpolizist Joseph M. Darby weitergegeben, dessen zunächst anonyme und später offizielle Aussagen zu einer Untersuchung führten, die einen 53-seitigen armeeinternen Report zur Folge hatte. Zwei Monate nach dem Erscheinen des Reports zeigte das amerikanische TV-Network CBS Ende April 2004 in der Magazinsendung 60 Minutes II erstmals die Fotos von amerikanischen Soldaten, die Gefangene quälen und demütigen und die von nun an ein Wegschauen der Welt unmöglich machten: „Die Fotografien sind ein Mittel, etwas »real« (oder »realer«) zu machen, das die Privilegierten und diejenigen, die einfach nur in Sicherheit leben, vielleicht lieber übersehen würden.“ (Sontag 2003: 14) Die zuvor von den Medien mangels passenden Bildmaterials ignorierten, grauenvollen - obgleich von ai sorgsam dokumentierten - Vorfälle wurden nun zum Aufmacher, zum „Folterskandal“, auf den sich die Redaktionen stürzten. Wie die Medienkarriere der Folter-Fotos aus Abu Ghraib in den verschiedenen involvierten Ländern aussah, wird im folgenden Teil dargestellt werden.

USA

Der Bitte des US-Verteidigungsministerium folgend, das sich um die Sicherheit der amerikanischen Soldaten im Irak sorgte, zeigte CBS zwei Wochen später als geplant, am 28. April 2004 seinen Beitrag über die Hölle des ehemaligen irakischen Top-Gefängnisses: „Abuse in Abu Ghraib“. Die Haftanstalt, die nach dem Einmarsch der US-Truppen in Bagdad zur Besichtigung freigegeben worden war um die Schrecken des Hussein-Regimes zu verdeutlichen, avancierte nicht etwa zu einem durch die Genfer Konventionen geregelten, modernen Gefängnis, sondern blieb – ironischerweise – ein Ort der perversen Misshandlung und Gewalt – unter Führung der selbsternannten „Befreier“. „Wir sind in den Irak gekommen, um solche schrecklichen Dinge zu beenden und jetzt passiert das unter unserem Kommando“, sagte der frühere Marine-Oberst Bill Cowan in dem CBS-Beitrag. (Müller 2004: 46)

Ignorierte die (vor allem konservative) US-Presse in den ersten Tagen nach dem Bericht zunächst noch eifrig das Thema um angeblich die amerikanischen Truppen im Irak moralisch nicht zu demotivieren, so sorgte der liberale New Yorker am 30. April 2004 mit dem Artikel „Torture in Abu Ghraib“ seines Washingtoner Korrespondenten Seymour M. Hersh für Aufsehen. Neben dem oft zitierten, eigentlich geheimen Untersuchungsreport der US-Armee, informierte Hersh die Leser erstmals über die Herkunft der Häftlinge und in einem eine Woche später folgenden Artikel über die Fehler des US-Verteidigungsministeriums. The New York Times folgte am 05. Mai mit einem Artikel, der hauptsächlich durch die Aussagen eines Häftlings über die unmenschlichen Zustände in Abu Ghraib bestimmt wurde. Dieser Beitrag stand argumentativ in direktem Kontrast zu den Erkenntnissen der US-Armee-Untersuchung, die behauptete, die Gefangenen seien gefoltert worden um Aussagen zu erlangen und keineswegs aus bloßer Lust am Leiden anderer. Diese Diskussion schien den Medien jedoch im Gegensatz zur Darstellung immer grauenvollerer Informationen über die Misshandlungen auch aus Gründen des Umsatzes weniger wichtig. Jetzt da die ersten Bilder an die Öffentlichkeit gedrungen waren, wollten und sollte der Bedarf der Rezipienten an weiteren schrecklichen Details auch gestillt werden: „Die Jagd nach möglichst dramatischen Bildern (wie sie oft genannt werden) treibt das fotografische Gewerbe an, und gehört zur Normalität einer Kultur, in der der Schock selbst zu einem maßgeblichen Konsumanreiz und einer bedeutenden ökonomischen Ressource geworden ist.“ (Sontag 2003: 30) Seinen Höhepunkt fand diese Entwicklung am 11. Mai 2004 in der Exekution des amerikanischen Geschäftsmannes Nicholas Berg, der von irakischen Geiselnehmer als Vergeltungsaktion für die Taten der Amerikaner in Abu Ghraib vor laufender Kamera enthauptet wurde. Auf dramatische Weise scheint die Publikation dieser Aufnahmen in den Medien den Gipfel einer pervertierten Veröffentlichungsgesellschaft zu bedeuten, die unter dem Deckmantel des Informieren-Wollens Szenen zeigt, die die Grenzen des guten Geschmacks und der Moral/Ethik bei weitem überschreiten.

Am 21. Mai veröffentlichte die Washington Post, der, nach eigenen Aussagen, insgesamt etwa 1000 digitale Bilder und Videoclips vorlagen, weitere furchtbare Fotos aus Abu Ghraib sowie Videoclips auf ihrer Homepage die u.a. zeigen wie lachende Wachsoldaten wehrlose Gefangene zu einer menschlichen Pyramide aufstapeln. Je mehr Bildmaterial auftauchte, um so leichter wurde es für die Medien, „Hauptdarsteller“ herauszustreichen, die der Geschichte ein Gesicht gaben. Der dunkle Bubikopf der 21-jährigen Lynndie England tauchte mehrmals unverkennbar auf den Skandal-Fotos auf und sorgte für eine Medienjagd bei der zahlreiche Redakteure von ABC, NBC, CBS über CNN und FOX und viele andere kleinere Stationen sich um ein Interview mit der beschuldigten Reservistin bemühten: „Plötzlich werden Menschen zu Berühmtheiten, weil sie am falschen Ort waren, das Falsche taten oder sich wie Lynndie England bei der Ausübung von Verbrechen auch noch fotografieren ließen.“ (Müller 2004: 64) Das Foto, das L. England einen Gefangenen wie einen Hund an einer Leine über den Gefängnisboden zerren zeigt, wurde dabei zum „medialen Sinnbild für die Misshandlungen in Abu Ghraib“ (Müller 2004: 65) . L. England sagte in einem ersten Exklusivinterview am 11. Mai 2004 u.a., man habe die Fotos auf Befehl von „Personen, die oberhalb von mir in der Befehlskette stehen“ (Müller 2004: 67) gemacht um psychologischen Druck auf die Gefangenen auszuüben. Im weiteren Verlauf der Medienberichterstattung wurde sowohl über die Frage der Verantwortlichkeit diskutiert wie auch über die offiziellen US-Gesetze zum Thema Folter und die daraus resultierenden Schlussfolgerungen. Das Wall Street Journal veröffentlichte beispielsweise am 07. Juni 2004 in einem Artikel Zitate aus einem im März 2003 erstellten Rechtsgutachten des US-Verteidigungsministerium, dessen Fazit sinngemäß lautete, dass der Präsident der vereinigten Staaten Folter an Kriegsgefangenen erlauben kann. Am 22. Juli 2004, dem selben Tag an dem die Medien auf den gerade publizierten offiziellen Bericht der Untersuchungskommission zu den Terroranschlägen am 11. September fixiert waren, veröffentlichte das Verteidigungsministerium unter der Leitung von Donald Rumsfeld den abschließenden Report mit dem Titel „Summary of an investigation of »detainee operations« in Iraq and Afghanistan“, der von The New York Times und Washington Post als „An Army Whitewash“ (Müller 2004: 67) verurteilt wurde.

Großbritannien

Obgleich genügend „echtes“ Bildmaterial über Abu Ghraib in Umlauf war, drehte sich die gesamte Pressearbeit in Großbritannien über einen Zeitraum von zweieinhalb Wochen nur um gefälschte Fotos von folternden britischen Soldaten. Sensibilisiert durch die Vorfälle in den USA nahmen britische Journalisten nun auch die eigene Armee stärker in den Focus, was am 1. Mai 2004 in einem Bericht des Daily Mirrors gipfelte, der das Bild eines britischen Soldaten veröffentlichte, der auf einen wehrlosen Gefangenen herab uriniert. Als Quelle dieses brisanten Bildmaterials nannte der Daily Mirror „zwei besorgte Soldaten“ (Müller 2004: 83) , die angeblich mit den Fotos auf die schwierige Situation im Irak hätten aufmerksam machen wollen. Im Kontext des kurz zu vor ans Licht gehobenen Abu Ghraib Skandals wirkten diese Fotos wie der dazu präsentierte Text durchaus glaubhaft, weshalb sie auch zunächst von den britischen Medien und auch dem BBC übernommen wurden, dessen Verteidigungsexperte Paul Adams jedoch bald Unstimmigkeiten entdeckte, die Zweifel an der Echtheit der Aufnahmen aufkommen ließen. So wurden beispielsweise die auf den Fotos abgebildeten Militärfahrzeuge überhaupt nicht von den britischen Truppen im Irak eingesetzt, und dass das T-Shirt des – laut Bildunterschrift – stundenlang misshandelten irakischen Gefangenen immer noch strahlend weiß war, sprach auch nicht gerade für die Echtheit der Aufnahmen. Zudem wirkten die Bilder seltsam sauber und überaus qualitativ hochwertig für spontane Aufnahmen von nichtprofessionellen Fotografen: „Bilder von grauenhaften Ereignissen wirken authentischer, wenn ihnen das gute Aussehen abgeht ...“ (Sontag 2003: 34)

Die britische Armee wehrte sich am 14. Mai mit einer Pressekonferenz, in der Oberst David Black die Ergebnisse einer detaillierten Untersuchung präsentierte, die Paul Adams’ Recherchen bestätigte. Anhand des auf den Bildern gezeigten Armeematerials, das eindeutig nicht als das Gleiche wie das von den Briten im Irak tatsächlich verwendeten identifiziert wurde sowie der Landschaft im Hintergrund, die nicht Basra sondern viel mehr Lancashire ähnlich sah, konnten die Fotografien als Fälschungen entlarvt werden. Der Daily Mirror entschuldigte sich öffentlich - wer die Fotos jedoch letztendlich kreiert hatte, blieb im dunkeln. Diverse Unklarheiten jedoch wie das sehr späte Reagieren der militärischen Pressestellen auf die Skandalfotos oder der Umstand, dass die Militärs Tage brauchten um die abgebildeten Gegenstände sowie die Umgebung als nicht authentisch zu entlarven aber auch die genau ins Schema der von CBS ausgestrahlten Bilder passenden Fotografien könnten durchaus Indizien dafür sein, dass die empörte britische Armee selbst an der Fälschung und Verbreitung der Folter-Fotos beteiligt gewesen ist. (Vgl. Müller 2004: 90 ff) Motive dafür könnten u.a. sein, dass durch die Enttarnung des gefälschten Fotos von wirklichen Verfehlungen britischer Soldaten im Irak abgelenkt werden konnte und auch für zukünftige Berichte über derartige Vorfälle den an Glaubwürdigkeitsverlust leidenden Medien die Basis genommen wurde.

Naher Osten und Irak

Abdel-Bari Atwan, der Herausgeber der in London – vorwiegend für Saudi Arabien und die Scheichtümer der Vereinigten Arabischen Emirate - produzierten arabischsprachigen Zeitung Al-Quds al Arabi (zu deutsch „Arabisches Jersualem“) wird gerne von den westlichen Medien interviewt und zitiert wenn möglichst autonome arabische Stellungnahmen benötigt werden. Seine Aussage Anfang Mai 2004 stand für den Grundtenor der arabischen Medien insgesamt: „»Die Befreier sind schlimmer als der Diktator. Ich glaube, das war der letzte Schlag. Das wird den Amerikanern das Rückgrat brechen. Jetzt können sie es vergessen, die Herzen und die Sympathie der Iraker, der Araber, ja der ganzen moslemischen Welt zu gewinnen.«“ (Müller 2004: 96). Die Aufnahmen aus Abu Ghraib flimmerten non Stop über die Fernsehsender, wobei neben Al Arabia aus Dubai vor allem der Nachrichtenkanal Al Jazeera aus Qatar auf die Macht der schockierenden Bilder setzte und die Reaktion der arabischen Fernsehzuschauer mit folgenden Worten charakterisierte: „Man war weniger überrascht als mehr schockiert, weil man hat ja nichts Positives erwartet von den Amerikanern.“ (Müller 2004: 97). Vor allem kritisierte Aktham Suliman, der Deutschland-Korrespondent von Al Jazeera, dass durch die sexuellen Handlungen bzw. Erniedrigungen, die die Fotos zeigten, die Gemüter der arabischen Welt besonders (peinlich) berührt worden wären, da dieses Thema normalerweise nicht öffentlich verhandelt werde. Suliman sprach damit die besondere Brisanz der Fotos in Bezug auf das Klima der arabischen Welt an, da die Bilder aus Abu-Ghraib zusätzlich zu den schrecklichen und gewalttätigen Szenen, die Aufnahmen aus dem Krieg vorherrschend zeigen, perverse und pornografische Handlungen darstellen, die besonders auf die Anhänger des moslemischen Glaubens extrem beschämend und erniedrigend wirken: „Ein erfundener Schrecken kann durchaus überwältigen ... Aber in die Erschütterung beim Betrachten der Nahaufnahme eines wirklichen Schreckens mischt sich Beschämung.“ (Sontag 2003: 51)

Aufgrund mangelnder Informationsfreiheit und häufig starker Zensur der Presse durch ihre Sponsoren und politische Gruppierungen hat sich in den arabischen Ländern nicht das gleiche System entwickeln können, das im Westen existiert, jedoch ergaben Erhebungen der irakischen Zivilverwaltung gegen Ende des Jahres 2003, dass rund 41% der Iraker über Satellitenempfangsanlagen verfügten und vor allem ausländische Programme nutzen. (Vgl. Müller 2004: 100) So war also ein Großteil der irakischen Bevölkerung in der Lage sich detailliert durch die bevorzugten Satellitenprogramme aus Qatar und Dubai über die Vorgänge in Abu Ghraib zu informieren, während das im Februar 2004 von den Amerikanern neu installierte Satellitenprogramm Al Hurra sowie die ebenfalls von den Besatzern finanzierten Programme des Iraqi Media Networks wesentlich später und viel mehr die Gefühle der Amerikaner als der Iraker berücksichtigend über den Folterskandal berichteten. In dem mit Spannung erwarteten Interview, das Präsident Bush am 5. Mai „seinem“ Sender Al Hurra gab, verurteilte er zwar die Misshandlungen, die erwartete Entschuldigung erfolgte allerdings erst leidlich spät am nächsten Tag nach einem Treffen mit dem jordanischen König Abdullah II.

Deutschland

Am Abend des 29. Aprils, erst 19 Stunden nachdem die Informationen des CBS-Beitrags die Deutsche-Presse-Agentur (dpa) erreicht hatten, meldete diese: „US-Soldaten wegen Misshandlung irakischer Gefangener vor Gericht“ (Müller 2004: 104) . Dieser das Thema definitiv nicht genügend würdigenden Nachricht war am 21. März eine Meldung vorausgegangen, in der die Beschuldigungen gegen US-Soldaten thematisiert worden waren. Insgesamt wurde der Gegenstand jedoch offensichtlich als weniger relevant eingestuft, möglicherweise auch aufgrund des mangelnden Interesses der deutschen Medien, die dem Thema ohne passendes Bildmaterial eine zu geringe Aufmacherqualität zusprachen. Das ZDF brachte schließlich im heute-journal um 21.00 Uhr einen recht emotionslosen neunzig Sekunden dauernden Zusammenschnitt der CBS-Sendung und damit den ersten Beitrag zum Folter-Skandal in Abu Ghraib. Der ARD-Bericht in den Tagesthemen am selben Abend brachte es immerhin auf zweieinhalb Minuten und zeigte zusätzlich zum CBS-Bildmaterial noch einige Aufnahmen aus dem Archiv. Dem langsamen Start entsprechend und durch den Feiertag am 1. Mai gebremst, ging die Medien-Karriere der Abu-Ghraib Fotos und ihrer Geschichte in Deutschland eher schleppend voran. Erst der Spiegel brachte am 03. Mai das Thema mit dem Bild des auf einer Kiste stehenden, an Elektrokabel angeschlossenen Mannes mit einer Kapuze über dem Kopf aufs Titelblatt und schilderte anhand des CBS-Materials und eigenen Hintergrundrecherchen die Leiden irakischer Gefangener in Abu Ghraib - illustriert durch weitere vier Fotos, die „sexuelle Nötigung und Erniedrigung durch die amerikanische Wachmannschaft“ (Müller 2004: 107) zeigen. Mit seinem vierzehnseitigen Artikel verwies der Spiegel zu dem Zeitpunkt schon frühzeitig auf die Dimensionen, die die Vorkommnisse im Irak auf die Imageentwicklung der USA haben sollten.

Der Spiegel Konkurrent Focus ignorierte das Thema trotz der Veröffentlichung der schockierenden Aufnahmen aus der Gefängnishölle – der stern hingegen sprach sich am 06. Mai selbst schuldig: „Wir haben zu früh aufgegeben.“ (Müller 2004: 109) und nahm jedoch im weiteren Verlauf des Artikels vielmehr den Abschied des Irak-Korrespondenten Reuter ins Visier als die Übergriffe amerikanischer Soldaten auf irakische Gefangene. Erst am 19. Mai publizierte der stern ein umfassendes Portrait des amerikanischen Präsidenten zusammen mit drei bereits bestens bekannten Aufnahmen aus Abu Ghraib unter dem Titel „George W. Bush: Moralisch bankrott“ (Müller 2004: 109) . An den Spiegel-Aufmacher anschließend, prognostizierte nun auch der stern der sich häufig als Weltpolizei aufspielenden Weltmacht düstere Aussichten: „Es steht mehr auf dem Spiel, als den Regierenden in Washington bewusst sein mag... Der Respekt vor den USA, amerikanischer Kultur, amerikanischen Produkten und amerikanischem way of life schwindet rapide.“ (Müller 2004: 109). Auch zitierte der stern u.a. die Aussage von Jack Reed, eines amerikanischen Senators: „In den nächsten 50 Jahren wird das Foto eines Amerikaners, der einen nackten Iraker an der Leine über den Boden zerrt, das Image der Vereinigten Staaten sein“ (Müller 2004: 109). In einem weiteren Bericht veröffentlichte der stern das Bild von der einen Gefangenen an der Hundeleine über den Boden schleifenden Lynndie England neben einer Aufnahme, auf der US-Soldaten in Vietnam 1976 einen Vietkong zum Verhör zerren.

Hatte die Berichterstattung zunächst nur schleppend begonnen, so wurden nun immer zahlreichere und grausamere Details ans Licht gebracht und anhand von zahlreichen schockierenden Aufnahmen und Videoclips belegt. In den SAT.1-Nachrichten wie auch in RTL Aktuell wurden Bilder gezeigt, die die vorausgegangen an Perversion und Abscheulichkeit weitaus übertrafen. Ein von einem Hund attackierter Gefangener gehörte noch zu den harmlosesten Motiven. Im RTL-Nachtjournal am 22. Mai wurde u.a. über die brutalen Methoden verantwortungsloser Gefängnisdirektoren berichtet – Hintergrundinformationen zu diesem weiteren Skandal hatte die taz bereits in einem Bericht am 10. Mai geliefert und auf vergleichbare Situationen in amerikanischen Gefängnissen hingewiesen: „Die Einzigen, die in den USA angesichts der Fotos aus dem Abu-Ghraib-Gefängnis weder überrascht sind noch so tun, sind Anwälte, Sozialarbeiter und Geistliche, die von Berufs wegen mit dem amerikanischen Strafvollzug zu tun haben ...“ (Müller 2004: 112) . Aber auch in diesem Fall zogen die Massenmedien erst nach, als entsprechendes Fotomaterial auftauchte. Dieses sorgte für besonderen Diskussionsstoff als die Aufnahmen des vor der Kamera enthaupteten Amerikaners Nicholas Berg durch das Internet an die Öffentlichkeit drangen. Die bis dahin – verglichen mit stern, Spiegel und anderen meinungsführenden Medien - zurückhaltend operierende Bild-Zeitung veröffentlichte am 12. Mai drei undeutliche Aufnahmen aus dem Exekutions-Video und titelte: „62 Sekunden lang schnitten sie ihm den Kopf ab.“ (Müller 2004: 113), womit sie ihrem Ruf als reißerischem Boulevardblatt wieder einmal gerecht wurde: „Die Massenpresse ist beim Abdruck von schauerlichen Bildern im allgemeinen weniger zaghaft als die seriösen Zeitungen“ (Sontag 2003: 81). Die Reaktionen aus der Medienwelt waren heftig und gipfelten im vernichtenden Urteil des Vorsitzenden des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV), Michael Konken: „Mit dieser zur Schau gestellten Art von Sensationsjournalismus, der alle Grundsätze von Menschlichkeit und Menschenrechten hinter sich gelassen hat, trägt Bild die Medienethik zu Grabe.“ (Müller 2004: 113) Am 16. Juni sprach der Presserat der Bild-Zeitung eine offizielle Rüge aus - insbesondere für das Veröffentlichen des Fotos, das den abgetrennten Kopf von Berg zeigt – und beurteilte sie als „unangemessen sensationell“ (Müller 2004: 114) , da dieses Motiv „kein journalistisches Produkt“ sei und seine Veröffentlichung dazu beigetragen haben könnte, die Ziele und Absichten der Mörder zu unterstützen. Der Chefredakteur der Bild-Zeitung, Kai Diekmann, wehrte sich mit dem Argument, andere internationale Zeitungen hätten die Bilder auch veröffentlicht.

„Tag für Tag treffen die Nachrichtenredakteure von Fernsehsendern und die Bildredakteure von Zeitungen und Zeitschriften Entscheidungen, aus denen sich ein schwankender Konsensus über die Grenzen des öffentlichen Wissens ergibt. Oft kleiden diese Leute ihre Entscheidungen in Urteile über den »guten Geschmack« - ein Maßstab, der dort, wo sich Institutionen auf ihn berufen, immer repressiv ist.“ (Sontag 2003: 81) Der Eindruck entstand, dass Bild geradezu verzweifelt auf der Suche nach positiven Nachrichten vom „wichtigsten Verbündeten“ Deutschlands war, was am 27. Mai in einem Beitrag über angebliche Fotos folternder deutscher Soldaten im Kosovo gipfelte – Fotos, die jedoch nie auftauchten, aber eine Untersuchung der Bundeswehr zur Folge hatten, die allerdings ebenfalls keine Erkenntnisse brachte.

Der pornografische Aspekt der Bilder von Abu Ghraib

„Fotografien haben seit über sechs Jahrzehnten einen wesentlichen Einfluss darauf, welches Gewicht wir Konflikten beimessen und wie wir sie in Erinnerung behalten. In unserer Gedächtnisgalerie bewahren wir überwiegend visuelle Eindrücke auf. Bilder üben auf uns eine unbezwingbare Macht aus. Die Folter-Aufnahmen von irakischen Gefangenen im berüchtigten Abu-Ghraib-Gefängnis werden deshalb von Menschen auf der ganzen Welt wohl für immer mit diesem unmoralischen Krieg assoziiert werden.“ ([2])

Die Bilder von Abu Ghraib gehen jedoch in ihrer Bedeutungsebene weiter und gerade dies ist es, was uns beim Anblick dieser Bilder so erschaudern lässt. Aber konkret gesehen, was genau ist das Spezifische, das uns an den Bildern von Abu Ghraib schockiert, „denn Rituale der Verhöhnung, Versklavung und Marter gehören seit jeher zum Krieg und darin eingeschlossen auch Momente entfesselter sexueller Gewalt“ ([3]). Die Aufnahmen, die in diesem Gefängnis absichtlich gemacht wurden, sind vielmehr Bestandteil eines pornographischen Skriptes (Begriffe in Kursivschrift ohne Anführungszeichen sind entnommen aus dem Text zum Vortrag von Albrecht Koschorke). Ableitend von solchem Erzwingen sexueller Handlungen, wie es für die amerikanischen Soldaten in Abu Ghraib Gang und Gäbe gewesen zu sein scheint, ergibt sich die Frage nach dem Einfluss, aufgrund dessen diese Misshandlungen passierten und der beim Betrachten der Fotografien und des hohen Anteils an pornographischen Bildern augenscheinlich wird. Natürlich ist der Konsum von pornographischem Material, sei es aus dem Internet, selbst produziert mit Digitalcams o.ä. oder abgeschaut von DVDs etc. nur ein bestimmter Teil in einer Reihe von verschiedenen Einflüssen, die auf die Folterer gewirkt haben, jedoch sprechen die Fotografien und der hohe Prozentsatz an offensichtlich erzwungenen sexuellen Praktiken - ob an sich selbst, an anderen Gefangenen oder sogar an Wärtern, für sich.

Der pornographische Charakter dieser Aufnahmen lässt sich folgendermaßen in verschiedenen Ebenen erkennen, wie es auch schon Albrecht Koschorke in seinem Vortrag beim Graduiertenkolleg ‘Körper-Inszenierungen’ in Berlin 2005 über den Onaniezwang in Abu Ghraib - Über Lust als Folter bemerkte. Zuerst einmal sind die Fotografien pornographisch in Bezug auf ihre Herstellung, da sie sexuelle Handlungen zeigen, „die auf ihre filmische oder photographische Aufnahme hin arrangiert sind“ ([4]) , in denen die Kamera ein fester Bestandteil des Settings ist und ihr Zugegensein nicht nur Zufall, sondern völlige Absicht, was dazu führt, dass „zwischen dem entblößtem Menschenkörper und Kamera [...] eine gewaltförmige Art von Symbiose“ ([5]) entsteht. Die Kamera wirft ihren indiskreten Blick zielgerichtet auf Entblößung und Nacktheit, so wie das menschliche Auge sich auch sehr häufig magisch von Schrecklichem und Obszönem angezogen fühlt und wir trotzdem einfach hinsehen `müssen`, auch wenn wir es noch so wenig möchten.

„Zweitens sind die Bilder im Hinblick auf ihre Distribution pornographisch.“ ([6]). Per E-mail Attachement wurden die Fotos an Freunde und Familie verschickt. Im Internet überschneidet sich mittlerweile durch Weblinks sogar „die Schwelle zwischen Information und Entertainment“, quer durch „kriegskritische Weblogs und Kommerz [...] in einem Dickicht von pornographischen Gewaltphantasien“ ([7]). Auf diesem Weg finden die Folterbilder ihren Weg zurück in das „pornographische Kontinuum“, welches sie hervorgebracht hat: „Specialist Charles Graner und Private Lynndie England haben sich selbst beim Liebemachen gefilmt“ (Vgl. [8]), wie mittlerweile im digitalen Zeitalter, „nicht nur in soldatischen Kreisen, die Grenzen zwischen dem Dauerkonsum und der Eigenproduktion von Pornos fließend geworden sind“ ([9]) . Denn für viele Menschen hat die Erfindung der digitalen Medien auch eine solche Veränderung mit sich gebracht, dass sie in ihrem Sexualleben wesentlich mehr Kicks bekommen können, wenn sie es mit einer Digitalkamera aufnehmen können. Immer mehr Amateure posten ihre selbst gedrehten Videos im Internet und regen zur Nachahmung an, wie z.B. bei „Bang Bus“ ([10]), „Mike´s Apartement“ ([11]), „Kates Playground“ ([12]) usw. zu sehen ist.

Auch machten sich die amerikanischen Soldaten die „Paradoxie des Zwangs zum Selbstgenuss“ nach allen Arten der Kunst zu Nutze. „Denn sähe man aus der Sicht der Gefängnisbesatzung die photographierten Arrangements als Beweisstücke an, dann lautete der Beweis“ ([13]) als Anklage die Demonstration der eigenen Perversität der Araber, gegen die sogar ihre eigenen Körper rebellieren, wobei sie sich doch so schamhaft und gottesfürchtig geben. „Seit wann überhaupt gibt es Zwangsmasturbation, und seit wann ist das eine Foltertechnik?“ ([14]) Nur im Zeitalter von enttabuisiertem Selbstgenuss und Masturbations`freiheit` würden Soldaten auf die Idee kommen Gefangene zu zwingen selbst Hand anzulegen um sie zu demütigen.

Islamische Länder bewerten vor allem die hedonistische Schamlosigkeit westlicher Staaten als sehr negativ. „Und tatsächlich schließt ja das Leitbild des lustvoll über sich selbst und damit auch über den eigenen Körper verfügenden Konsumenten in der Freien Marktwirtschaft eine Tendenz zu sexueller Liberalisierung mit ein.“ ([15]) Der Westen stellt eine exzessiv pornographische Kultur dar und „mit Porno-Konsum gehen masturbatorische Praktiken Hand in Hand“ ([16]) . Dieses Gemisch aus Sex und Gewalt lässt sich, vielleicht nicht in dem Ausmaß wie es die Folterbilder darstellen, aber in der gleichen Art und Weise in unserer Kultur wieder finden. Man muss nur den Fernseher einschalten, sich Filme ansehen oder Videospiele, Musiksender, Werbung usw. – und man wird leicht diese Art von Brutalität wieder finden, deren Grund dafür in unserer kulturellen Umgebung liegt, aus der die Abu Ghraib Misstäter entstammen. (Vgl. [17]) „Wir leben schließlich in einer Gesellschaft, in der Geheimnisse aus dem Privatleben, die wir früher diskret verschwiegen hätten, in TV-Talkshows laut hinaus posaunt werden. Was uns diese Folter-Bilder verdeutlichen ist eine Kultur der Schamlosigkeit,“([18]) denn "anscheinend ist der Appetit auf Bilder, die Schmerzen leidender Leiber zeigen, fast so stark wie das Verlangen nach Bildern, auf denen nackte Leiber zu sehen sind." (Sontag 2003: 50)

Wollten die amerikanischen Soldaten den Einheimischen demnach eine „Lektion in der westlichen Kunst des „plaisir de soi“ ([19]) geben? Lange wurden Themen wie Sex auch in unseren westlichen Breitengraden tabuisiert und verpönt. „Erst der Übergang vom Erwerbs- zum Konsumkapitalismus hat die Enttabuisierung, ja sogar die soziale Nutzbarmachung und massenmediale Dauerstimulation autoerotischer Trieblagen mit sich gebracht.“ ([20]) Natürlich wäre diese Art von erzwungenem Selbstgenuss für jeden äußerst unangenehm und demütigend gewesen, der solche Praktiken vor anderen und dann auch noch in einem Gefängnis hätte vollziehen sollen. Jedoch wussten die Besatzer von den Traditionen und Vorstellungen der arabischen Muslime, die sich von den unsrigen unterscheiden und nutzten dies schamlos aus, indem sie die Gefangenen nicht nur gewalttätig folterten, sondern sie auch sexuell missbrauchten, was in der islamischen Welt zu einer der größten Schanden gehört, die einem Mann widerfahren kann. ([21])

„Tatsächlich sind sexuelle Motive bei den meisten der Folterbilder festzustellen. Bei den meisten Aufnahmen scheinen [...] Folter und Pornografie ineinander zu fließen. ...Es fragt sich, wie viele der sexuellen Foltermethoden im Abu-Ghraib-Gefängnis durch das reiche Angebot pornografischer Bilder im Internet inspiriert wurden. Gewöhnliche Leute, die ihre Videoaufzeichnungen ins Internet stellen, versuchen vermutlich nun, diese nachzuahmen.“ ([22]) Genauso wie die Folter-Fotos vielleicht Nachahmungen von Internetangeboten darstellen, womit sich der Kreislauf wiederum schließt. Fast alle der Bilderserien, die auf salon.com in zehn Kapitel eingeteilt aufgeführt sind und alle Fotografien und Videoaufnahmen enthalten sollen, die Ende 2003 in Abu Ghraib gemacht worden sind, enthalten pornographisches Material. Aufnahmen von Folterungen, die nur auf Gewalt ausgerichtet waren, gibt es wenige. Vielmehr überwiegt der Anteil an sexuell motivierten Aufnahmen. Beim Anblick der Bilder als Ganzes fällt zunächst einmal auf, dass die Insassen nur selten ihre orangefarbene Gefängnisbekleidung tragen, meistens sind sie nackt, was für die Inszenierung der Bilder demnach ein wichtiger Bestandteil gewesen ist. Das Gleiche gilt für die Kamera: „Der Ausdruck von Zufriedenheit angesichts der Folter, die hilflosen, gefesselten und nackten Opfern zugefügt wird, ist nur ein Teil der Story. Die Hauptbefriedigung gilt der Tatsache, dass die Kamera auf einen gerichtet ist. [Und dabei wird] vergnügt gelacht. Die Szenen auf den Bildern wurden zum Teil eigens für die Kamera gestellt. Das Grinsen ist ein Grinsen für die Kamera. Es hätte etwas gefehlt, wenn keine Aufnahme von den zu einer Pyramide aufgeschichteten nackten Leibern gemacht worden wäre.“ ([23]) Beispiele für sexuell und pornographisch motivierte Fotografien lassen sich dann auch zugenüge finden: Bilder: [24]

Die klassische Domina-Darstellung mit ihrem Untergebenen an der Leine,

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/f/ff/Abu_Ghraib_68.jpg

eine menschliche Pyramide, für die die einzelnen Insassen sich entblößen mussten und bei der die Genitalien der Gefangenen die nackte Haut anderer berührten,

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/90/Abu_Ghraib_53.jpg

nachgestellte sexuelle Handlungen wie Masturbation oder Oralsex,

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/6/65/Abu_Ghraib_49.jpg http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/aa/AG-10.jpg

nackte Körper beschmiert mit Fäkalien

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/4/4e/Abu_Ghraib_28.jpg http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/3e/AbuGhraibScandalBrown55.jpg

– eine schöne Bandbreite von dem, was man heutzutage auf Hardcore-Pornoseiten im Internet findet. So findet sich bei vielen Quellen auch die Aussage wieder, dass selbst wenn den Gefangenen gewalttätige Folter angedroht oder angetan wurde, dies nicht getan wurde ohne einen Teil davon in pornographischer Manier zu gestalten. Ihnen wurde demnach z.B. angedroht, dass sie von Hunden der Wärter in Beine, aber auch in Genitalien gebissen werden:

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/0/07/AbuGhraib13.jpg

Einem Insassen, welcher mit Elektroden an seinen Händen und seinem Geschlechtsorgan befestigt war, wurde mit einem tödlichen elektrischen Schlag gedroht, sobald er von einer Box herunterfalle.

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/18/Abu_Ghraib_17a.jpg http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/95/Abu_Ghraib_34.JPG

Auch wurden beispielsweise einem Insassen absichtlich mehrere Einschüsse am Gesäß zugefügt, wobei nicht einfach auf irgend ein Teil des Körpers gezielt wurde, sondern auf sein Gesäß:

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/0/04/Abu_Ghraib_29.JPG

Weitere Beispiele für Fotografien mit sexuellen Inhalten:

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/14/Abu_Ghraib_70.jpg http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/ab/Abu_Ghraib_63.jpg

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/6/60/Abu_Ghraib_73.jpg http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/23/Abu_Ghraib_51.jpg


Pornografische Motive haben hier offensichtlich im Vergleich zu anderen Folterdarstellungen wesentlich mehr Anteil als die nur aus gewalttätigen Akten bestehende Folter, denn noch nie war der Anteil an sexuellen und pornographischen Handlungen bei Kriegs- oder Krisenfotografie so immens. Auch die Tatsache, dass sich die Folterer mit den Opfern ablichten ließen ist neu, da zwar „auch deutsche Soldaten im 2. Weltkrieg Gräueltaten [fotografierten], die sie in Polen oder Russland begangen haben, doch Schnappschüsse, auf denen sich die Täter zusammen mit ihren Opfern ablichten ließen, sind höchst selten.“ ([25])

Fazit

Heutzutage wollen immer mehr Menschen die ganze Welt an ihrem Leben teil haben lassen und durch die Erfindung des Internets ist die öffentliche Selbstdarstellung der eigenen Person vor einer möglichst großen Rezipientengruppe für jedermann möglich geworden. Die wachsende visuelle Digitalisierung auch im privaten Bereich und die leichte Distribution durch das Internet machen dies auf einfachstem Wege möglich. Kameras sind allgegenwärtig, auch in Kriegs- und Krisengebieten und auch sehr viele Soldaten besitzen Digitalkameras. „Während einst Kriegsfotos die Domäne von Bildjournalisten waren, sind nun die Soldaten selbst alle Fotografen – sie dokumentieren den Krieg, ihren Spaß, ihre Beobachtungen dessen, was sie idyllisch finden, ihre Gräueltaten; und sie tauschen die Bilder untereinander aus oder verschicken sie per E-Mail rund um die Welt.“ ([26]) Die Versuchung ist groß, die moderne, durch das Internet globalisierte Mediengesellschaft zum verantwortlichen Sündenbock für die grausigen Ereignisse zu machen, die von Abu Ghraib bis Guantanamo geschehen sind und sicherlich irgendwo auf der Welt immer wieder passieren. Anfang 2006 wurde dem australischen Sender SBS weiteres Material aus dem Abu Ghraib Gefängnis zugespielt, genau wie die schon vor zwei Jahren veröffentlichten Folterbilder, die Ende 2003 entstanden waren. Auf der Website wird das Material nun fast lückenlos präsentiert: „SBS Dateline wirbt damit, nun als Weltpremiere die neuen Bilder, die der Öffentlichkeit bislang nicht zugänglich waren, zu zeigen. Sie würden »neue schreckliche Misshandlungen« von Folter, Mord und sexueller Demütigung zeigen, die in Abu Ghraib begangen wurden [, die noch] schlimmer waren, als man dies bislang gedacht hatte.“ ([27]) Angesichts solcher Vorgänge wird schnell die Frage laut, in wie fern solche Publikationen noch der Information der Öffentlichkeit dienen, denn der Skandal war zu diesem Zeitpunkt schon längst aufgedeckt und die Anklagen erhoben. SBS beschreibt seine Beweggründe für die späte Veröffentlichung weiterer Bilder damit, dass die Zusammenhänge des Skandals noch nicht in einen größeren Kontext gestellt worden seien und noch nicht publik gemachte Quellen wie Tagebucheinträge und Verhörprotokolle auch Gehör finden sollten. Zu dem wären bis jetzt nur Verantwortliche auf der untersten Befehlskette zur Verantwortung gezogen worden. (Vgl. [28]) Doch im Gegensatz zu dieser oberflächlich wohlmeinenden Argumentation scheint das einzige, was die Publikation weiterer Bilder erzielt, das Befriedigen einer schier nicht enden wollenden Gier nach Sensationen zu sein und noch mehr Gewalt zu schüren. Dies bestätigt auch die bereits angesprochene Tatsache, dass das Thema erst medieninteressant wurde, als die Fotos auftauchten: “Es bedurfte der Bilder, um das Entsetzliche für sie Wirklichkeit werden zu lassen. Bis dahin hatte es nur Worte gegeben. Worte sind in unserem Zeitalter der unendlichen digitalen Selbstverbreitung leichter zu vertuschen und werden schneller vergessen.“ ([29]) Erst die Aufnahmen von misshandelten und geschändeten Menschen konnten die Medien und damit die ganze Öffentlichkeit wachrütteln, nicht die auf Papier geschriebenen Berichte von Menschenrechtsorganisationen, die schon seit über einem Jahr vorlagen.

Das fortschrittsgläubige Amerika jedenfalls, das sich in der Öffentlichkeit gerne als Vorkämpfer für Demokratie, Freiheit und Menschenwürde präsentiert, leidet, trotz Verurteilung der Täter, durch diese Ereignisse im Irak bis heute an einem schweren Imageverlust. Selbst als US-Präsident Bush endlich das Wort „sorry“ in den Mund nahm, „schien sich das Bedauern vor allem auf die Beschädigung von Amerikas Anspruch auf moralische Überlegenheit und seine hegemoniale Absicht zu fokussieren, dem ignoranten Nahen Osten »Freiheit und Demokratie« zu bringen.“ ([30]) War eine der Kriegsbegründungen der USA das Einschreiten gegen Menschenrechtsverletzungen, wurden sie durch Abu Ghraib selbst zu Tätern in dem Land, das sie eigentlich schützen wollten. Die Bilder verankerten sich in ihrer befremdlichen und perversen Darstellungsweise realer und präsenter im Gedächtnis der Menschen als die emotionslosen und teilweise nichtssagenden Videosequenzen. Sie werden auf beispiellose Weise haften bleiben bis ein noch größerer fotografisch oder filmisch festgehaltener Schrecken ihre „heile“ Welt erschüttert: “This is as far as I know the first instance where digitally generated images made by an amateur photographer have erupted onto the scene of current events and had an impact. But it won't be the last.” A. D. Coleman, Fotografiekritiker ([31])

Literaturverzeichnis und Quellen

Literatur

Paul, Gerhard (2004): Bilder des Krieges - Krieg der Bilder. Die Visualisierung des modernen Krieges. München.

Sachsse, Rolf (2003): Fotografie. Vom technischen Bildmittel zur Krise der Repräsentation. Köln.

Seeßlen, Georg (2002): Krieg der Bilder - Bilder des Krieges. Abhandlung über die Katastrophe und die mediale Wirklichkeit. Berlin.

Sontag, Susan (2003): Das Leiden anderer betrachten. Frankfurt am Main.

Müller, Horst (2004): Folter frei. Abu Ghraib in den Medien. Mittweida: HVM – Hochschulverlag Mittweida


Internet

http://www.bangbus.com/t1/pps=comein/ [Aufgerufen am 20.09.2006]

http://www.beliefnet.com/story/160/story_16089_1.html [am 16.09.2006]

http://www.heise.de/tp/r4/artikel/17/17524/1.html [am 16.09.2006]

http://www.katesplayground.com/ [am 20.09.2006]

http://www.mikesapartment.com/main.htm [am 20.09.2006]

http://www.nytimes.com/2005/05/10/national/10graner.html?pagewanted=2&ei=5088&en=652512f1de86ae31&ex=1273377600&partner=rssnyt&emc=rss [am 22.08.2006]

http://www.salon.com/news/abu_ghraib/2006/03/14/introduction/ [am 12.09.2006]

http://www.sueddeutsche.de/ausland/artikel/247/32215/ [am 24.08.2006]

http://www.uni-konstanz.de/kulturtheorie/KoschorkeAbuGhraib.pdf#search=%22abu%20ghraib%20pornografie%22 [am 22.08.2006]

http://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Abu_Ghraib_prisoner_abuse_images [am 14.08.2006]

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