Krieg der Worte: Zur Sprache der Kriegs- und Krisenberichterstattung

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Dieser Artikel beschäftigt sich mit der Entstehung des Diskurses „Krieg“ im Zusammenhang mit den Terroranschlägen des 11. September 2001. Zuerst wird der Begriff „Diskurs“ kurz erläutert, dann wird die Entstehung eines Diskurses an zwei praktischen Beispielen herausgearbeitet. Als Vorlage dienen hierzu Sandra Silbersteins Analyse der Reden Bushs am 11.09.2001 (und ergänzend Reden vom 12.9./ 14.9./ 16.9./ 20.9.2001) und Christoph Wellers Analyse der deutschen Live-Fernsehberichterstattung über die Anschläge am 11.09.2001 (ARD, ZDF und RTL). Zentrale Fragestellungen: Wie konnte der „war on terrorism“ durch sprachliche Mittel etabliert werden, und, in wieweit ist der Diskurs „Krieg“ ein mediales Konstrukt?


Inhaltsverzeichnis

Diskursbegriff

„Diskurs“: wörtliche Bedeutung

Der Begriff „Diskurs“ hat seine sprachlichen Wurzeln im altlat. „discurrere“ oder „discursus“ und wurde erst ab dem 16. Jahrhundert differenzierter für „gelehrte Abhandlungen“ verwendet (vgl. Keller 2004: 14). Bis zum heutigen Sprachgebrauch hat sich die Bedeutung des Begriffs in verschiedenen sprachlichen Ausprägungen unterschiedlich entwickelt. So bezeichnet der angelsächsische „discourse“ ein „einfaches Gespräch, eine Unterhaltung“, der französisch/romanische „discours/ discorso“ eine „’gelehrte Rede’, einen Vortrag, eine Abhandlung, Predigt, Vorlesung“. Im deutschen Sprachgebrauch lässt sich der „Diskurs“ als „ein öffentlich diskutiertes Thema […], eine spezifische Argumentationskette […] oder die Position/ Äußerung eines Politikers“ interpretieren (Keller 2004: 13).


„Diskurs“ und Diskurstheorien

Da die wörtliche Bedeutung des Begriffs „Diskurs“ sehr offen ist, erhält dieser eine genauere Definition durch Diskurstheorien und -analysen. Ein Diskurs wird in diesen durch disziplinär bestimmte, theoretische Fragestellungen näher abgegrenzt. Der Begriff „Diskurs“ wird verwendet, wenn sich „Forschungsfragen auf die Konstitution und Konstruktion von Welt im konkreten Zeichengebrauch und auf zugrunde liegende Strukturmuster oder Regeln der Bedeutungs(re-)produktion beziehen.“ Genauer erklärt bedeutet das: Diskurse sind Versuche, „Bedeutungszuschreibungen und Sinn-Ordnungen zumindest auf Zeit zu stabilisieren und dadurch eine kollektiv verbindliche Wissensordnung in einem sozialem Ensemble zu institutionalisieren.“ Diskursanalytische Verfahren machen sich wiederum zur Aufgabe, diese Prozesse vor verschiedenen theoretischen Hintergründen zu untersuchen (vgl. Keller 2004: 7-8).

Diese verschiedenen analytischen Ansätze sind sehr heterogen, behandeln unterschiedlichste Thematiken aus verschiedensten Sichtweisen. Dies macht eine einheitliche Definition eines Diskursbegriffs problematisch. Generell kann aber ein Konsens festgehalten werden, alle Theorien stellen sich die Frage, wie sich Sprache und soziale Muster gegenseitig bedingen. Fasst man diskursanalytische Theorien zusammen, lässt sich ein „Diskurs“ folgendermaßen definieren:

  1. Ein „Diskurs“ stellt ein kommunikatives Ereignis dar.
  2. Als „Diskurs“ wird außerdem ein vorausgesetztes, stillschweigendes, „institutionell eingebettetes“ (Keller 2004: 45) sinnbildendes Muster oder Regelsystem bezeichnet, in das einzelne Ereignisse derselben Anordnung wiederum eingegliedert werden.
  3. Schließlich kann ein „Diskurs“ auch materiell als gesammelter, also künstlich zusammengestellter, repräsentativer Textkorpus betrachtet werden, anhand dessen Diskurselemente herausgearbeitet und analysiert werden.


kurzer Überblick: Diskursforschung

(vgl. dazu: Keller 2004, ferner: Wikipedia-Eintrag: Diskurstheorien [Stand: 20.09.2006])

Großen Einfluss auf die Erarbeitung diskursanalytischer Methoden hatten die diskurstheoretischen Ideen des Philosophen Michel Foucaults aus den 1960er und 1970er Jahren. Foucault bezeichnete den „Diskurs“ als „eine Menge von an unterschiedlichen Stellen erscheinenden, verstreuten Aussagen, die nach demselben Muster oder Regelsystem gebildet worden sind, deswegen ein- und demselben Diskurs zugerechnet werden können und ihre Gegenstände konstituieren“ (vgl. Keller 2004: 42-52).

In Folge entstanden eine Vielzahl diskursanalytischer Forschungsansätze:

  • discourse analysis
  • (Korpus-) Linguistisch-historische Diskursanalysen
  • Critcal Discourse Analysis/ Kritische Diskursanalyse
  • Kulturalistische Diskursforschung
  • Wissenssoziologische Diskursanalyse

Eine einführende Übersicht und Erklärung über diese Disziplinen findet sich bei Keller, soll jedoch nicht Gegenstand dieses Eintrags sein.


Anwendbarkeit des Diskursbegriffs auf mediale Ereignisse des 11.09.2001

Da Diskursanalysen offen sind für vielfältige Themen (vgl. Foucaults Arbeiten), eignen sie sich zur praktischen Untersuchung medialer Produkte. Wie ein Diskurs bewusst und unbewusst geprägt wird, wird im Folgenden am Beispiel der Terroranschläge des 11. September 2001 analysiert. Angesichts der unvorhersehbaren Ereignisse erfolgten durch die Medien spontane Interpretationen und Deutungen, die bis heute den sprachlichen Diskurs um die Terroranschläge bestimmen. Auch intendierte Einordnungen, wie in den Reden Bushs geschehen, begründeten Diskurse, die dem Zweck dienten, Ereignisse verstehbar zu machen. Die folgenden Analysen sind also Beispiele dafür, wie ein öffentlicher Diskurs durch sprachliche Mittel bzw. durch mediale Beeinflussung geprägt werden kann.


Beispiele für Diskursprägungen am 11. September 2001

Bushs öffentliche Reden zu den Anschlägen am 11.09.2001

In Folge der Anschläge auf das World Trade Center tritt der U.S.-amerikanische Präsident George W. Bush am 11. September 2001 drei Mal vor die Presse. Mit den drei Ansprachen verfolgt Bush verschiedenste Ziele: Einordnung der Ereignisse, Definition der Täter, Überzeugung der Adressaten durch sein Auftreten und damit Markierung seiner Machtposition als Präsident. Anhand einer Analyse der Ansprachen, wie Sandra Silberstein sie vorgenommen hat, kann herausgearbeitet werden, wie Bush durch sprachliche Mittel einen Definitionsrahmen und damit einen Diskurs vorgibt, der bis heute Gültigkeit hat. Seine Worte beeinflussten sowohl Wortschatz und Denkstrukturen seiner eigenen folgenden Reden, der der Medienakteure und der Bevölkerung, als auch das politische Vorgehen. Zentrale Frage der Analyse Silbersteins ist, wie durch strategisch eingesetzte sprachlich-rhetorische Mittel in drei kurzen Reden als Reaktion auf einen terroristischen Anschlag der „war on terrorism“ wurde (vgl. Silberstein 2002: 2).


Analyse der ersten Rede Bushs am 11.09.2001/ 09:30 a.m. (EDT)

Quelle: Remarks by the President After Two Planes Crash Into World Trade Center, 11.09.2001 [Stand: 20.09.2006]

Seine erste Rede in Folge der Anschläge hält der U.S.-amerikanische Präsident Bush rund 45 Minuten nach dem ersten Flugzeugeintritt in den Nordturm des World Trade Centers. Der Präsident befindet sich zu diesem Zeitpunkt noch in einer Grundschule, der Emma Booker Elementary School in Florida, die er an diesem Morgen besuchte. In der einminütigen Rede nimmt Präsident Bush in wenigen Sätzen eine Einordnung der Lage vor:

  • In einer ersten Einschätzung deklariert Bush die Lage allgemein als “difficult moment for America” und „national tragedy“, da bisher weder über die Urheber noch über die Motive etwas bekannt ist.
  • Mit einer Passivkonstruktion („two airplanes have crashed“), die die ungeklärte Informationslage ausdrückt, rekapituliert er die Ereignisse, fügt aber trotzdem bereits einen Definitionrahmen für diese an: „an apparent terrorist attack on our country“. Moralisch werden sie damit, unerheblich, wie viele Opfer es letztendlich geben wird, „nicht nur als illegal, sondern auch als illegitim“ gebrandmarkt (vgl. Daase 2001: 36).
  • Er setzt „country“ und „nation“ gleich, definiert also nicht ausschließlich das World Trade Center als Symbol für Kapitalismus und Wirtschaftspolitik als Opfer, bzw. den Staat, für den es symbolisch steht, sondern weitet den Anschlag auf die menschliche amerikanische Gemeinschaft aus. Dies soll sowohl Betroffenheit, als auch Patriotismus wecken, da er damit jeden Amerikaner zum Betroffenen macht.
  • Sich selbst setzt Busch mit seinem Volk gleich („we’ve had a national tragedy“, „our nation“). So wird das amerikanische Volk unter „we“ vereinigt zu einem Korpus, geweckt werden sollen Zusammengehörigkeitsgefühle und Patriotismus.
  • Gleichzeitig fundiert er seine authoritäre (Macht-)Position als Präsident der Vereinigten Staaten, indem er in aktiver Wortwahl anmerkt, was er veranlasst hat, um die Führung in der Aufklärung der Situation zu übernehmen: „I have spoken to the Vice President, to the Governor of New York, to the Director of the FBI, and have ordered that the full resources of the federal government go to help the victims and their families, and to conduct a full-scale investigation to hunt down and to find those folks who committed this act.”
  • Er appelliert an das Vertrauen der Zuhörer in ihn, bestätigt, dass alle Kapazitäten („full resources“) durch ihn mobilisiert worden seien, um zu helfen.
  • Sympathien erzeugen will er schließlich, indem er in einer formellen Rede umgangssprachliche Begrifflichkeiten verwendet: „find those folks“.
  • Schließlich deutet er bereits Vergeltung an, indem er auf eine Art Jagdjargon zurückgreift, die die Täter zum Jagdwild degradiert: „to hunt down“.

(vgl. Silberstein 2002: 3-4)


Analyse der zweiten Rede Bushs am 11.09.2006/ 01:04 p.m. (EDT)

Quelle: Remarks by the President Upon Arrival at Barksdale Air Force Base, 11.09.2001 [Stand: 20.09.2006]

Seine zweite öffentliche Ansprache hält Präsident Bush rund dreieinhalb Stunden später. Zu diesem Zeitpunkt wurde er aus Sicherheitsgründen zur Barksdale Air Force Base in Louisiana gebracht. Diese zweite Rede besteht aus einem ähnlichen rhetorischen Verlauf wie die erste:

  • Da Bush in Sicherheit gebracht werden musste und deshalb nicht “vor Ort” in New York sein kann, versichert er seinem Volk im ersten Satz, dass er trotz physischer Abwesenheit durch seinen Einsatz anwesend sei: „I want to reassure the American people that the full resources of the federal government are working […].“
  • Er schließt an die erste Rede an, indem er noch einmal sein weiteres geplantes Vorhaben erläutert: „The United States will hunt down and punish those responsible […].“ Beachte: hier spricht er bisher nur von der Bestrafung der Verantwortlichen.
  • Er definiert die Tat als „cowardly acts“ und charakterisiert übertragen auch die Urheber als Feiglinge.
  • Er festigt noch einmal seine Position als Befehlshaber – und damit auch seine Machtposition als Präsident – durch eine Darstellung seines Einflusses und seiner Kompetenzen: „I’ve been in regular contact with the Vice President, the Secretary of Defense, the national security team and my Cabinet.“
  • Er appelliert wieder an das Vertrauen in sein Vorgehen: “We have taken all appropriate security precautions to protect the American people. […] we have taken the necessary security precautions to continue the functions of you government.” Die Regierung und sich selbst definiert er so als Dienstleister für das Wohl des Volkes.
  • Auf etwaige militärische Folgen hinweisen könnte bereits, dass Alliierten kontaktiert: “We have been in touch with the leaders of Congress and with world leaders to assure them that we will do whatever is necessary to protect America and Americans.” Hier sind zwei Interpretationen seiner Ausdrucksweise möglich. Einerseits könnte er „world leaders“ um Unterstützung gebeten haben, andererseits könnten seine Worte aber auch eine Warnung an diese implizieren, dass er zum Schutz Amerikas alles tun würde, unberücksichtigt deren Einstellung zu seinen Maßnahmen.
  • Unterstützt wird diese Theorie durch die Wiederholung der warnenden Phrase: „make no mistakes“, auch in Kombination mit „we will show the world that we will pass this test.“
  • Schließlich deutet er ein “Gut-versus-Böse-Schema” an: “those responsible for these cowardly acts” gegen “our great nation”.

(vgl. Silberstein 2002: 4-5)


Analyse der dritten Rede Bushs am 11.09.2001/ 08.30 p.m. (EDT)

Quelle: Statement by the President in His Address to the Nation, 11.09.2001, 8:30 p.m. [Stand: 20.09.2006]

Die dritte Rede des Tages hält Präsident Bush am Abend zur sogenannten „prime time“. Seine beiden bisherigen Reden können als Einleitung für die nun vorliegende angesehen werden. Auch hier greift er wieder auf das bisher analysierte Argumentationsmuster zurück, wiederholt und verstärkt dieses:

  • Bush beginnt seine Ansprache durch eine nochmalige Definition der Anschlagsziele. Dabei stellt er sich, die Todesopfer und seine Zuhörer wieder auf eine Ebene: „Today, our fellow citizens, our way of life, our very freedom came under attack […].“ Jetzt war nicht mehr die Nation das Ziel, Bush appelliert an die patriotischen Gefühle seiner amerikanischen Zuhörer, da er die großen amerikanischen Werte als angegriffen darstellt. Silberstein geht so weit, zu bemerken, dass dies die Werte sind, für deren Schutz Amerikaner ihr Leben geben würden (vgl. Silberstein 2002: 6)
  • An den Nationalstolz und das Mitgefühl seiner Zuhörer richtet sich auch Bushs Erklärung zu den menschlichen Todesopfern. Er vereint die Opfer zu einem Teil eines größeren Konzepts, der amerikanischen Nation: „The victims were in airplanes, or in their offices; secretaries, businessmen and women, military and federal workers; moms and dads, friends and neighbors.“
  • Bush definiert die Tat genauer als “series of deliberate and deadly terrorist acts,” “evil, despicable acts of terror” und “acts of mass murder.”
  • Und schließlich stellt er ein bereits in der letzten Rede angedeutetes „Gut-gegen-Böse-Schema“ auf. So vereint er das amerikanische Volk zu einer kollektiven Identität, das Gute, dem ein gemeinsamer Feind, das Böse, gegenübersteht: „Today, our nation saw evil, the very worst of human nature.“ versus „And we responded with the best of America […].“/ „the brightest beacon for freedom and opportunity in the world.”
  • Um zu überzeugen, dass er an den Sieg des Guten glaubt, sieht Bush positiv in die Zukunft:
“our country is strong.”
“A great people has been moved to defend a great nation. Terrorist attacks can shake the foundations of our biggest buildings, but they cannot touch the foundation of America. These acts shattered steel, but they cannot dent the steel of American resolve.”
“no one will keep that light from shining.”
“Our financial institutions remain strong, and the American economy will be open for business, as well.”
“America has stood down enemies before, and we will do so this time.”
“Our military is powerful, and it’s prepared.”
  • Seine leitende Position als legitimen Befehlshaber, sowie die Servicefunktion werden nochmals bekräftigt: „Immediately following the first attack, I implemented our government’s emergency response plans.”/ “The functions of our government continue without interruption.”/ “[…] on behalf of the American people, I thank the many world leaders […].”
  • Bush erweitert außerdem den Kreis derer, die für die Anschläge verantwortlich gemacht werden sollen. Die Theorie einer Warnung an die „world leaders“ (siehe zweite Rede) scheint hier bestätigt, wenn Bush ankündigt: „I've directed the full resources of our intelligence and law enforcement communities to find those responsible and to bring them to justice. We will make no distinction between the terrorists who committed these acts and those who harbor them.”
  • Schließlich kündigt Bush den „war on terrorism“ an und legt damit den Grundstein für einen „Kriegs-Diskurs“, der nicht nur seine weitere Politik, sondern auch das Denken der Menschen bis heute bestimmen wird. Gleichzeitig formuliert er eine vorausgesetzte Zustimmung der Alliierten:
America and our friends and allies join with all those who want peace and security in the world, and we stand together to win the war against terrorism.
This is a day when all Americans from every walk of life unite in our resolve for justice and peace. […] we go forward to defend freedom and all that is good and just in our world.

(vgl. Silberstein 2002: 6 ff.)


Analyse weiterer Reden Bushs nach dem 11.09.2006

Die Reden, die Präsident Bush in den Tagen nach dem 11. September 2001 hält, bauen wiederum auf seiner Rhetorik des 11.09.01 auf. Den „war on terrorism“ setzt er nun als Fakt voraus, er bildet die diskursive Grundlage, auf der er bis heute argumentiert:

Rede vom 12.09.2001

Quelle: Remarks by the President In Photo Opportunity with the National Security Team, 12.09.2001 [Stand: 20.09.2006]

  • Bush erweitert seine bisherige Definition der Terroranschläge: „ The deliberate and deadly attacks […] were more than acts of terror. They were acts of war.“ Damit ergänzt er seine Kriegslogik und räumt einen möglichen Kritikpunkt aus, eine fehlende offizielle Kriegserklärung der Gegenseite. Die Terroranschläge selbst werden zur Kriegerklärung.
  • Bush erweitert die attackierten Werte um „freedom and democracy“ (vorher: „freedom and opportunity“). Damit zählen seiner Definition nach alle demokratischen Länder zu Angriffsopfern: „This enemy attacked not just our people, but all freedom-loving people everywhere in the world.” Sie sind damit vermeintliche Allianzen im Krieg gegen den Terrorismus.
  • Diese setzt er voraus, legitimiert durch den Kampf von Gut gegen Böse: „The freedom-loving nations of the world stand by our side. This will be a monumental struggle of good versus evil.”
Rede vom 14.09.2001

Quelle: President’s Remarks At National Day of Prayer and Remembrance, 14.09.2001 [Stand: 20.09.2001]

Bush legitimiert seinen Krieg, indem er ihn als reine Pflichterfüllung bzw. “Notwehr” darstellt: „[…] our responsibility to history is already clear: to answer these attacks and rid the world of evil. War has been waged against us by stealth and deceit and murder. […] This conflict was begun on the timing and terms of others.”

Rede vom 16.09.2001

Quelle: Remarks by the President Upon Arrival, 16.09.2001 [Stand: 20.09.2001]

Bush erweitert die Definition des Feindes: „I will keep my focus to make sure that not only are these brought to justice, but anybody who's been associated will be brought to justice. Those who harbor terrorists will be brought to justice.”

Rede vom 20.09.2001

Quelle: Address to a Joint Session of Congress and the American People, 20.09.2001 [Stand: 20.09.2001]

  • Der Krieg gegen den Feind wird zum Weltkrieg stilisiert: “This is the world's fight. This is civilization's fight.”
  • Noch einmal erweitert Bush sein Feindbild und seine Mission: „Our war on terror begins with al Qaeda, but it does not end there. It will not end until every terrorist group of global reach has been found, stopped and defeated.”
  • Und ebenfalls greift noch einmal auf seine Warnung an die “world leaders” zurück, könnten von Vergeltungsschlägen betroffen sein. Gleichzeitig wirkt seine Ausdrucksweise wie eine Erpressung möglicher Alliierter: „Every nation, in every region, now has a decision to make. Either you are with us, or you are with the terrorists. From this day forward, any nation that continues to harbor or support terrorism will be regarded by the United States as a hostile regime.”


Fazit zur Analyse der Reden Bushs

In einer einzigen Rede (11.9.01, 08.30 p.m.) – die beiden vorherigen Reden können als Hinführung zur offiziellen Rede gewertet werden – wurde aus einem Terrorakt ein Krieg. Durch sprachlich-rhetorische Mittel konnte Bush diese Bedeutungsklimax logisch erscheinend darlegen und sich nebenbei als Präsident behaupten. Bis zum 11.09.2001 war sein Amtsinhaberschaft immer noch Legitimitätszweifeln ausgesetzt gewesen, aufgrund der umstrittenen Wahlergebnisse der Präsidentschaftswahlen im November 2000. Seine präsidiale Position war also durchaus nicht in dem Maße autoritär, wie er sie nach den Terroranschlägen statuieren konnte. Durch die Ereignisse des 11.09.2001 und seinem damit verbundenen verbalen Einsatz, konnte sich Bush als Führer des Landes behaupten, indem er an Patriotismus und sonstige amerikanische Werte appellierte.

Die Macht, den Krieg trotz fehlender offizieller Kriegserklärung zu erklären, hatte Präsident Bush durch den 1973 festgelegten „War Powers Act“ (vgl. Silberstein 2002: 10). Die Macht den „Kriegs-Diskurs“ zu begründen, gab ihm seine Präsidentschaft. Sein Status als Politiker und höchste Führungsperson des Staates garantieren ihm die volle Aufmerksamkeit der Medien, die seine Worte sowohl verbreiten, als auch reproduzieren und interpretieren. Sobald Bush die Einordnung der Ereignisse vorgenommen hatte, war der Kriegs-Diskurs begründet. Fortgeführt und erweitert wurde er durch seine Reden, seine Politik, im Denken der Menschen und in der Medienberichterstattung. Bereits am 12.11.2001 führten Zeitungsschlagzeilen den Diskurs weiter aus, ein Krieg und seine Folgen wurden diskutiert. Unberücksichtigt blieb, dass es sich bei Bushs Rede des Vorabends noch um einen speziellen „war on terrorism“, nicht Krieg im Allgemeinen gehandelt hatte (vgl. Brown 2003: 95-96). Das Deutungsmuster „Krieg“ war jedoch durch Bushs Wortwahl aktiviert worden und nicht mehr aufzuhalten. Folgen dieser Kriegsargumentation, also militärische Einsätze, galten seitdem als logische und sogar erwartete Konsequenz auf die Anschläge vom 11. September 2001: „Drei Tage nach den Anschlägen waren 85 Prozent der Amerikaner bereit, in einen Krieg einzutreten“ (Daase 2001: 43). Da diese Bereitschaft nicht nur beim amerikanischen Volk vorhanden war, gelang es der amerikanischen Regierung durch die Verbindung der Anschläge vom 11.09.2001 mit dem Diskurs „Krieg“, „all die Institutionen zu mobilisieren, die für den Fall eines bewaffneten Angriffs durch einen feindlichen Staat entwickelt worden waren: das Recht auf Selbstverteidigung, die Beistandsverpflichtung der Alliierten, die Ermächtigung zum Einsatz der Streitkräfte und die Zustimmung der Öffentlichkeit.“ (Daase 2001: 43).

Ein militärischer Einsatz erfolgte offiziell ab dem 07.10.2001 durch Angriffe in Afghanistan (vgl. Presidential Address to the Nation, 07.10.2001 [Stand: 20.09.2001]) und gipfelten schließlich im Krieg gegen den Irak in 2003, für dessen Legitimation sich die U.S.-amerikanische Regierung unter anderem auf Bushs „war on terrorism“-Rhetorik berief.

Der ideologische Grundstein, der „Kriegs-Diskurs“, der sowohl sprachlich als auch realpolitisch bis heute die U.S. Politik begleitet bzw. bestimmt, wurde durch Worte gelegt (vgl. Silberstein 2002: 10-11).


Deutsche Fernsehberichterstattung am 11.09.2001

Quelle: Weller Christoph (2002): „Die massenmediale Konstruktion der Terroranschläge am 11. September 2001. Eine Analyse der Fernsehberichterstattung und ihre theoretische Grundlage.“ [Stand: 20.09.2006]

Ein weiteres Beispiel der Diskursprägung am 11. September 2001 hat Christoph Weller erarbeitet, indem er die Live-Berichterstattung der deutschen Fernsehsender ARD, ZDF und RTL analysierte. Während deren Sondersendungen kam es zu zum Teil unbewussten Diskursprägungen. Interpretierten die drei Sender die Ereignisse in New York erst unterschiedlich und spekulierten häufig über mögliche Hintergründe der Ereignisse, kamen am Ende des Tages alle drei übereinstimmend auf das gleiche Fazit: die Schlagwörter „Krieg“ und „Vergeltung“.

Weller bediente sich in seiner Analyse konstruktivistischer Beobachtungssysteme und analysierte, wie Medien, deren Vertreter in dieser Live-Situation ebenfalls nichts anderes als bloße Beobachter einer Situation sein konnten, das Ereignis interpretierten und infolge dessen zu ihren Schlussfolgerungen und Deutungen kamen, d.h. durch öffentliche Kommunikation einen Diskurs analog zu ihren aufgerufenen Deutungsmustern etablierten. Dass eine Offenlegung von Beobachtungsoperationen gerade für das Fernsehen wichtig ist, ist dadurch begründet, dass dieses als Leitmedium nicht nur meinungsbildend wirkt, da vom Rezipienten angenommen wird, in der Berichterstattung werde Wirklichkeit widergespiegelt (vgl. Weller 2002: 13), sondern auch den Ablauf internationaler Politik beeinflussen kann. Diese Faktoren sind auch in der Analyse der Berichterstattung des 11. September 2001 erkennbar. Einerseits greifen Politiker für ihre eigene Argumentation auf Deutungen der TV-Moderatoren zurück (vgl. Weller 2002: 3), andererseits kann der Politik durch die Darstellung einer Lage eine Handlungsweise nahe gelegt bzw. sogar aufgezwungen werden.


Theoretische Grundlage: Die Ermittlung des Analysewerkzeugs bei der Untersuchung der politischen Wirkungsweise von Massenmedien

Welche theoretische Grundlage führt zu welchem Analysewerkzeug beim Untersuchungsgegenstand „Leitmedium Fernsehen“?

Um die politische Wirkungsweise von Massenmedien zu untersuchen, muss man sich von bisher lieb gewonnenen, einer Analyse oftmals zugrunde liegenden Deutungsmustern verabschieden. Wird a priori eine intendierte Manipulation beim handelnden Akteur unterstellt, so begrenzt man sein Blickfeld für die vielfältig zugrunde liegenden Umstände erheblich. Daher ist es nicht sinnvoll, die politische Wirkungsweise von Massenmedien grundsätzlich rationalistisch-handlungstheoretisch begreifen zu wollen (vgl. Weller 2002:4). Selbst wenn journalistisches Handeln an sich zielgerichtet ist, so sind diese Ziele in den seltensten Fällen vornehmlich politisch motiviert (ebd.). Um einen umfassenderen Ansatz zu erlangen, ist es ratsam, die journalistischen Rahmenbedingungen (Berufsethos, Einschaltquoten, Abhängigkeitsverhältnisse etc.) zu betrachten, welche den Entscheidungen zugrunde liegen. Um also herauszufinden, „welche Aspekte anhand welches Deutungsmusters massenmediale Beachtung finden“, sollte man sich vergegenwärtigen, dass „diese Entscheidungen(…) aber in aller Regel nicht unter Berücksichtigung der möglichen politischen Wirkungen und Konsequenzen getroffen [werden] , sondern aufgrund der genannten Rahmenbedingungen.“ (Weller 2002: 5)

Die „Manipulationsforschung“ ist laut Weller kein geeignetes Mittel für eine empirisch fundierte Analyse, da deren Vorgehen bislang darauf zielte, mögliche Manipulationsinteressen der agierenden Parteien im Rückschluss auf deren Handlungen zu interpretieren, also a posteriori eine Unterstellung der manipulativen Interessen impliziert (vgl. Weller 2002: 7 ff.). Wenn man also weiß, wonach man sucht, sind die Indizien leichter aufzuspüren. Daraus ergibt sich allerdings, dass man zu keinem anderen Schluss kommen kann als die zu Beginn gesetzte These der intendierten Manipulation der unter Verdacht gestellten Akteure „Massenmedien“ oder „Politiker“.

„Trotz politisch motivierter Einzelintentionen in der Berichterstattung] gibt es zwischen den Einzelmedien eine sehr breite Übereinstimmung darüber, was als Ereignis der internationalen Politik massenmedial berichtet wird und auch darüber, welches grundlegende Deutungsmuster als angemessen betrachtet wird.“ (Weller 2002: 5)

Jedoch wie gelangt man dann zu einer allgemeingültigen Erkenntnis, welche Strukturen der massenmedialen Vermittlung von Politik zugrunde liegen? Um Manipulationen zu erkennen, muss eine möglichst wertneutrale und alle Seiten umfassende Betrachtungsweise angewendet werden. Zunächst wird davon ausgegangen, dass eine Erfassung der Realität ohne eine Hinzufügung einer Deutung sowohl im Medium, beim Journalisten als auch beim Rezipienten (und letzten Endes auch beim Untersuchenden selbst) bezweifelt wird (vgl. Weller 2002:3). Weiterhin bietet es sich insbesondere bei der heutigen Positionierung der Massenmedien sowohl als „schnelle Quelle für Informationen als auch agenda-setter für den außenpolitischen Apparat“ an, auf Luhmanns „operativen Konstruktivismus“ zurückzugreifen, „der die Massenmedien als Beobachtungssystem konzeptualisiert.“ (Weller 2002: 12)

Statt eines einseitigen, womöglich vorverurteilenden Indizienprozesses „(…) beschreibt der Konstruktivismus ein Beobachten des Beobachtens, das sich dafür interessiert, wie der beobachtete Beobachter beobachtet. (…) man kann auf diese Weise nun auch noch beobachten, was/wie ein beobachteter Beobachter nicht beobachten kann.“ (Luhmann 1990: 46)

Daraus resultiert die Fragestellung, welche stets zum gleichen diskursiven Ansatz in der Massenkommunikationsforschung führt, nämlich: „Welche Beobachtungsmechanismen liegen der massenmedialen Konstruktion der Wirklichkeit internationaler Politik zugrunde?“ (Weller 2002: 12) Stets zugrunde liegen sollte der konstruktivistischen Analyse aber auch, dass „[die Wirklichkeiten jeweils geprägt sind] von den beim Beobachten verwendeten Entscheidungen und deshalb verschieden (…), was in der Konsequenz zwangsläufig zu unterschiedlichen Deutungen der beobachteten Situation führt.“ (Weller 2002:14) Das vorgefundene und entschlüsselte Beobachtungssystem wird also vom Untersuchenden selbst anhand dessen jeweils eigener Wirklichkeit aus eingeordnet, welche wiederum der Maßstab für Übereinstimmungen und Unterscheidungen mit dieser Wirklichkeit darstellt (vgl. Weller 2002: 15).

Wenn man sich also der fragilen Position als Untersuchender sowie der Untersuchten selbst bewusst ist, bietet sich die konstruktivistische Analyse bei der Untersuchung der massenmedialen Politikvermittlung und deren Wirkungsweise als ein angebrachtes Mittel an: „Die konstruktivistische Analyse zielt also darauf zu erkennen und zu beschreiben, anhand welcher Beobachtungsoperationen die in den Massenmedien dargestellte Wirklichkeit der internationalen Politik hervorgebracht wird“ (Weller 2002: 13), wobei stets zu beachten ist:

„Jenes Bild, was wir uns von der Welt machen, wird also nicht durch die Welt hervorgebracht, sondern durch Beobachtungssysteme und deren Unterscheidungen.“ (Weller 2002: 15)


sprachliche Deutung des Geschehens in der TV-Berichterstattung

Dass es den Moderatoren der Sender schwer fiel, das Ereignis kurz nach dem Einschlag der Flugzeuge in die Türme des World Trade Centers zu beurteilen, wird an deren unterschiedlich gewählten Formulierungen deutlich:

Sind die Passagierflugzeuge "in das World-Trade-Center gestürzt" (ZDF, 15:00; ARD, 15:04) oder "in den Turm geprallt" (ZDF, 15:09) oder "auf die Türme des World-Trade-Centers gestürzt" (ARD, 15:09) oder "in den Turm hineingeflogen" (ARD, 15:10) oder "in einen Turm hineingerast" (RTL, 15:12; 15:33) oder "in den Turm geflogen" (RTL, 15:13; ARD, 15:15) oder haben die Flugzeuge die Türme des World-Trade-Centers "getroffen" (RTL, 15:13) oder sind sie "in den Turm des World-Trade-Centers eingeschlagen" (RTL, 15:29) oder haben die Flugzeuge "das World-Trade-Center gerammt" (ARD, 15:33) oder sind sie "in die Türme gerast" (ARD, 15:33; RTL, 15:35) oder wurden die Flugzeuge "in diese zwei Türme gesteuert" (RTL, 15:35)? (Weller 2002: 18-19)

Eine eindeutige Festlegung auf einen Begriff impliziert automatisch eine politische Deutung der Ereignisse und determiniert die weitere Berichterstattung. Sich dahingehend festzulegen, ist also eine wichtige Entscheidung für einen Sender. Alle drei Sender verfolgten in ihrer sprachlichen Wertung der Ereignisse ein ähnliches Schema. Sie werteten den ersten Flugzeugeintritt kurz nach 15 Uhr noch als „Unglück“. Nach dem zweiten Flugzeugeintritt schien hingegen ein Anschlag offensichtlich und es erfolgte ein Wechsel von der Definition „Unglück“ zu „Anschlag“, von einem nicht-intendierten zu einem intendierten Ereignis. „Unglück“ wird nur noch gelegentlich zur definitorischen Abgrenzung zu „Anschlag“ eingesetzt: z.B. "Das kann [...] kein Unglück sein" (ARD, 15:50). Auch die sonstige Wortwahl wird dem intendierten Hintergrund angepasst (vgl. Weller 2002: 19-22).


Aussagen der Sondersendungstitel

Die Sondersendungen der drei Fernsehsender wurden jeweils mit einem stets eingeblendeten Titel versehen, der den Zuschauern auf einen Blick Information und Orientierung bieten sollte. Schaltet jemand erst später zu, muss er sich anhand eines solchen Titels sofort erklären können, was gerade passiert bzw. worüber berichtet wird. Deshalb war es für die Sender erforderlich, den Titel genau hinsichtlich seiner Aussage(kraft) auszuwählen. Mit ihm wird ein Deutungsmuster vorgegeben, unter das alles weitere (Bilder, Moderation) eingeordnet wird (vgl. Weller 2002: 22). Ist der Titel missverständlich, kann so leicht ein falscher Eindruck beim Zuschauer entstehen. Da am 11.09.2001 alles spontan und in kürzester Zeit, vor allem live, gesendet wurde, wurden die Titel im Laufe der Sendungen der Informationslage und den Erkenntnissen der Sender angepasst:

  • RTL: ab 16:00 Uhr = „Terror in den USA“
ab 16:30 Uhr = „Terror gegen Amerika“
Von der Definition des Terrors innerhalb des Staates, wird die Situation umgedeutet, in einen Terror, der von außen veranlasst wirkt. Die Präposition „gegen“ erweitert die Aussage auf internationale Zusammenhänge. Opfer ist jetzt ganz „Amerika“, das ganze amerikanische Volk (vgl. Weller 2002: 23).
  • ZDF: ab 16:00 Uhr = „ZDF-Spezial“
ab 16:50 Uhr = „Terrorkrieg gegen Amerika“
ZDF ergänzt sein ZDF-Spezial erst um 16:50 Uhr mit einem Titel. Ursache dafür könnte sicherlich die obengenannte Problematik sein, die unsichere Informationslage machte es schwierig, die Situation in einem Satz zu beschreiben, da dieser implizit auch eine politische Aussage enthält. Legitimiert wird der spätere Titel durch eine Aussage des als Experten hinzugezogenen Dietmar Ossenberg, der die Ereignisse um 15:51 Uhr als „Krieg“ bezeichnete. Dieses Deutungsmuster wird vom Sender aufgenommen (vgl. Weller 2002: 23-25). Auch das ZDF wählt die Präposition „gegen“, um einen von Außen veranlassten Terror zu indizieren.
  • ARD: ab 15:11 Uhr = „Katastrophe“
ab 17:02 Uhr = „Terror gegen die USA“
ARD betitelt die Ereignisse zu einem Zeitpunkt als „Katastrophe“, als zwar der zweite Anschlag schon passiert war, aber die politische Lage noch ungeklärt ist. Eine dahingehende Deutung unterbleibt damit vorerst. Später wechselt der Titel, enthält ebenfalls den Hinweis auf internationale Zusammenhänge, aber vornehmlich gerichtet gegen den Staat USA. Die Auswahl der Bezeichnung „Terror“ ist einerseits durch den Anschein der Lage, andererseits durch die Aussage des ARD-Experten beeinflusst, der den von Nachrichtenagenturen gemeldeten Bekenneranruf der DFLP (Democratic Front for the Liberation of Palestine) für wahrscheinlich erachtete und die Ereignisses deshalb als terroristischen Racheakt wertete (vgl. Weller 2002: 24, 27-28).


Zusammenfassend analysiert Weller, dass vier Unterscheidungen durch die Titel der Sondersendungen getroffen wurden (vgl. Weller 2002: 24):

  • gegen den Staat vs. gegen die Bevölkerung gerichteter Anschlag („USA“ vs. „Amerika“),
  • nicht-intendiertes vs. intendiertes Ereignis („Katastrophe“ vs. „Terror“),
  • nationale vs. internationale Urheber („in“ vs. „gegen“),
  • Erwartung einer militärischen vs. einer zivilen Reaktion

Die Interpretationen der Sender haben sich im Verlaufe des Nachmittags einander angepasst. Dennoch wird deutlich, dass erst divergierende Definitionen rein durch Beobachtungen und Spekulationen beeinflusst waren, obwohl gleiche Bilder und Daten vorlagen, die keine politische Deutung vorgaben (vg. Weller 2002: 24).


Expertenaussagen

Die von den TV-Sendern hinzugezogenen „Experten“ deuteten die Ereignisse des 11.09.2001 je nach Wissensstand und Fachgebiet. Damit beeinflussten sie nicht nur die weitergehende Deutung der Ereignisse durch die jeweiligen Sender und deren Mitarbeiter, sondern hinterließen auch Deutungsmuster, die längerfristige Folgen hatten. Interessant ist, dass die Experten zu stark von einander abweichenden Schlussfolgerungen kamen.

Der ZDF-Experte Dietmar Ossenberg wertete die Anschläge als „Krieg im wahrsten Sinne des Wortes.“ Er öffnete damit ein Bedeutungsfeld, dessen er sich nicht bewusst zu sein schien. Vielmehr wollte er wohl die Größe des Ereignisse definieren, die Bezeichnung „Terroranschlag“ schien dafür zu schwach zu sein und er griff zur affektiv stärker wirkenden Bezeichnung „Krieg“ – auch um auszudrücken, dass seiner Meinung nach nicht nur eine kleine terroristische Gruppe hinter den Anschlägen stecke (vgl. Weller 2002: 25).

Der RTL-Experte deutete die Ereignisse hingegen zuerst als terroristische Anschläge durch Gruppen innerhalb der U.S.A. (vgl. Weller 2002: 27).

Der ARD-Experte glaubte, an die Wahrscheinlichkeit, dass die DFLP (Democratic Front for the Liberation of Palestine), die sich laut Berichten der Nachrichtenagenturen für die Anschläge verantwortlich erklärt hätten, in Zusammenarbeit mit der PFLP (Peoples Front for the Liberation of Palestine) die Urheber der Anschläge seien. Ein weiterer Islam- und Terrorismusexperte, der im Hamburger Studio befragt wird, tippt hingegen auf Bin Laden als Urheber und spricht ebenfalls von einem „terroristischen Krieg“ (vgl. Weller 2002: 27/28).

Deutlich wird durch diese divergierenden Analysen, dass die politische Deutung, die durch das Fernsehen vermittelt wird und meinungsbildend wirkt, sehr stark abhängig von der Auswahl der Experten und deren Interessen, ihrem „individuellen Wissenskontext und den davon gesteuerten Beobachtungsoperationen“ ist (vgl. Weller 2002: 28). Zu kritisieren sind vor allem die auf Spekulationen basierenden Erklärungen, die dem Publikum präsentiert wurden.

Begründet ist dies durch die Live-Situation, in der ständig sowohl Bilder gezeigt, als auch Informationen mit Nachrichtenwert – zumindest scheinbare – vermittelt werden müssen. Es gibt keine Pausen, die eine Reflektion über Hintergründe möglicher Deutungsschemata ermöglichen. So fallen spontane Begriffe und Formeln, ohne dass mögliche Nebenbedeutungen oder Folgen zwingend bewusst oder intendiert wären (vgl. Weller 2002: 26, 33). Auch im amerikanischen Fernsehen war diese Situation nicht anders. Nik Gowing, Moderator bei dem 24/7-Nachrichtensender BBC-World, moderierte dort am 11. September 2001 ebenfalls live. Später beschrieb er diese Situation folgendermaßen:

Even in those first few minutes and hours when we had the video of the two planes hitting the World Trade Center, and then the catastrophic collapse of the buildings, we could not be sure what had happened. We could only speculate about navigational or avionics problems on the planes. Terrorism was probably third or fourth in our speculation. It took literally one to two hours before we had a pretty clear idea of what had happened. Reporting lagged well behind reality. (Gowing 2003: 235)

In der deutschen TV-Berichterstattung geschah es so, dass zeitweise Situationen, die auf den Live-Bildern zu sehen waren, von den Moderatoren falsch interpretiert wurden (vgl. z.B. Weller 2002: 38). Der Zuschauer wurde von den Fernsehsendern also nicht nur teilweise falsch informiert, ihm wurde auch ein Deutungsmuster nahe gelegt, das weitere Folgen in sich trägt.


Einflüsse und Folgen des aufgerufenen Deutungsmusters „Krieg“

Im Gegensatz zu „Terror“, ist „Krieg“ ein bekanntes Deutungsmuster. Die Information „Terror“ liefert nur eine vage Erklärung, kann alles Mögliche umfassen, Hintergründe sind meist unklar. So wurde „Krieg“ als Erklärung für die Terroranschläge vom 11.09.2001 dankbar angenommen. Sich von einmal geweckten Assoziationen wieder zu lösen, fällt schwer. Sowohl dem ZDF-Experten, als auch dem Moderator gelingt dies nicht, sie führen ihr Gespräch vor dem Hintergrund einer „Kriegslogik“ fort und ordnen die Ereignisse darunter ein (vgl. Weller 2002: 26). Diese werden so erklärbar, bestätigen aber wiederum – sofern das Ereignis sich in die Kriegslogik einfügen lässt – die eigene Argumentation. Der Diskurs „Krieg“ war damit begründet, öffentlich verkündet und wird umso verstärkt als Erklärungsmuster verankert, da er von einem „Experten“ angeführt wurde, dessen Aussagen als “richtig“ vorausgesetzt werden. Diese werden durch das Leitmedium Fernsehen verbreitet und von weiteren Meinungsbildnern aufgenommen, der Diskurs wird so weitergetragen (vgl. Weller 2002: 34).

Durch die überraschend eingetretene Situation und die unklare Informationslage waren auch Politiker darauf angewiesen, sich über elektronische Massenmedien, z.B. das Fernsehen, über das Geschehen zu informieren. In einer Presseansprache des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder (11.09.01, 17:48 Uhr) findet sich der „Kriegsdiskurs“ wieder:

Dies ist eine Kriegserklärung gegen die gesamte zivilisierte Welt. Wer diesen Terroristen hilft oder sie schützt, verstößt gegen alle fundamentalen Werte, die das Zusammenleben der Völker untereinander begründen. Das deutsche Volk steht in dieser Stunde, die so schwer ist für die Menschen in den Vereinigten Staaten, fest an der Seite der Vereinigten Staaten von Amerika. Ich habe dem amerikanischen Präsidenten George Bush die uneingeschränkte Solidarität Deutschlands zugesichert. […] (vgl. Weller 2002: 41)

Der massenmediale Diskurs und das Deutungsmuster „Krieg“ hatten sich zu diesem Zeitpunkt somit schon durchgesetzt. Dass Gerhard Schröder das Deutungsmuster aus der TV-Berichterstattung adaptierte, sieht Weller dadurch bestätigt, dass Schröder in einem ca. eine Stunde vorher (z.B. ARD, 16:26 Uhr) veröffentlichten Telegramm an den amerikanischen Präsidenten die Ereignisse in den U.S.A. noch als „terroristische Anschläge“ tituliert (vgl. Weller 2002: 41). Die Deutung „Krieg“ wurde vom ZDF-Experte Ossenberg erstmalig um 15:51 Uhr verwendet, der „Kriegsdiskurs“ entstand wahrscheinlich also erst nach dem Verfassen des Telegramms des Bundeskanzlers.

Weitere Bestätigung und Festigung erhält der „Kriegsdiskurs“ damit durch die „offizielle“ Bestätigung und Anwendung, in dessen Folge er wieder legitim als Regierungserklärung zitiert werden konnte (vgl. Weller 2002: 41-42). Gleichzeitig wird das weitere Handeln der deutschen Regierung mit der endgültigen Etablierung des „Krieges“ auf einen Kriegskurs festgelegt.


Fazit zur Analyse der deutschen TV-Berichterstattung

Man könnte also sagen, nicht nur der „Kriegsdiskurs“ um den 11. September 2001 ist eine mediale Konstruktion, sondern auch der „Krieg“, der im Folgenden geführt werden sollte. Unerheblich, ob Gerhard Schröder das Deutungsmuster nun aus der TV-Berichterstattung übernommen hat oder nicht, hatte das Fernsehen als Leitmedium den Einfluss, die öffentliche Meinung zu beeinflussen und in ihr den „Kriegsdiskurs“ zu verankern. Das in der U.S.-amerikanischen Rhetorik ebenfalls entstandene diskursive Kriegsschema, medial wieder nach Deutschland übermittelt, hatte hier also keinen Überraschungseffekt, auch Deutschland war medial bedingt schon auf „Krieg“ vorbereitet. Die gleichen Gedankengänge wie in den U.S.A. wurden hier schon nachvollzogen. Vielmehr war es der rot-grünen Bundesregierung wohl unmöglich geworden, die amerikanische Kriegslogik komplett abzulehnen, da Schröder sich selbst dazu entsprechend geäußert hatte, die Ereignisse des 11. September 2001 unter dem Thema „Krieg“ eingeordnet hatte. Die Angriff auf Afghanistan erschien somit auch in Deutschland als logische Reaktion auf die Terroranschläge (vgl. Weller 2002: 3, 32-33, 42-43).


Zusammenfassung unter dem Stichpunkt „Diskurs“

Der Diskursbegriff sowie Diskurstheorien kommen zum Greifen, sobald eine Einordnung eines Vorfalls stattfindet. D.h. für den 11. September 2001: medial vermittelte Kommunikation formte den Diskurs, der sich anschließend in sprachlicher Form, in Einstellungen sowie in real-politischer Hinsicht fortsetzte. Sowohl in Bushs Reden, als auch in der deutschen Fernsehberichterstattung von ARD, ZDF und RTL wird aus einem Unglück, ein Anschlag, ein terroristischer Anschlag und schließlich der „Krieg“, der ein neues erwartetes Handlungsmotiv aktiviert. Fortan wird der 11. September 2001 also nicht mehr „in einer ‚Terrorismuslogik’ (Reaktionen mit vornehmlich polizeilichen und geheimdienstlichen Maßnahmen), sondern in einer ‚Kriegs-Logik’ (Militäraktionen, Vergeltung etc.)“ diskutiert (Weller 2002: 26).

Aus dem kommunikativen Ereignis „Krieg“ wird ein etabliertes, stillschweigendes Muster, in das alle weiteren Aussagen und Taten eingeordnet werden. Den Ursprung, also die Begründung des Musters, herauszuarbeiten, ist Aufgabe eines diskursanalytischen Vorgehens, wie es bei Silberstein und Weller erfolgt. Schließlich kann der Diskurs als noch andauernd, z.B. in Form militärischer Aktion in Afghanistan oder Bushs anhaltende Kriegs-Argumentation, angesehen werden. Eine repräsentative Auswahl an weiteren Reden oder Erörterungen zum Thema könnte wieder als Diskurs im Sinne einer korpusorientierten Diskursanalyse bearbeitet werden.


Literatur

  • Brown, Robin (2003): “Spinning the War: Political Communications, Information Operations and Public Diplomacy in the War on Terrorism”. In: Thussu, Daya Kishan and Des Freedman: War and the Media. London, SAGE Publications. 87-100.
  • Daase, Christopher (2001): “Zum Wandel der amerikanischen Terrorismusbekämpfung. Der 11. September und die Folgen.“ In: Mittelweg 36, Nr. 10, 35-48.
  • Graham, Phil u.a. (2004): „A call to arms at the end of history: a discourse-historical analysis of George W. Bush’s declaration of war on terror.” In: Discourse & Society. Vol.15, N. 2-3, 199-221.
  • Gowing, Nik (2003): „Journalists and war: the troubling new tensions post 9/11.“ In: Thussu, Daya Kishan and Des Freedman: War and the Media. London, SAGE Publications. 231-240.
  • Keller, Reiner (2004): Diskursforschung. Eine Einführung für Sozialwissenschaftler. Opladen: Leske + Budrich. 7-60.
  • Leudar, Ivan u.a. (2004): “On membership categorization: ‘us’, ‘them’ and ‘doing violence’ in political discourse.” In: Discourse & Society. Vol.15, N. 2-3, 243-266.
  • Silberstein, Sandra (2002): War of Words. Language, Politics and 9/11. London/NY: Routledge.
  • Weller Christoph (2002): „Die massenmediale Konstruktion der Terroranschläge am 11. September 2001. Eine Analyse der Fernsehberichterstattung und ihre theoretische Grundlage.“ In: INEF Report. Institut für Entwicklung und Frieden der Gerhard-Mercator-Universität Duisburg. Heft 63.


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