Krisenberichterstattung 7/24: Das CNN-Modell

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Inhaltsverzeichnis

24/7 News: 24 Std. am Tag / 7 Tage die Woche

In einer mit Medien gesättigten und globalisierten Welt, mit einem konstanten Fluss an Bildern und Nachrichtentexten haben sich die 24/7 News als eigenständiges Fernsehformat entwickelt. Hierbei steht 24/7 für eine täglich, 24-stündige Nachrichtenberichterstattung, dies sieben Tage die Woche. In der medialen Konkurrenz ist die Live-Berichterstattung aufgrund der Gleichzeitigkeit von Ereignis und Berichterstattung durch die Fähigkeit der sofortigen Übermittlung an ein globales Publikum zum entscheidenden Nachrichtenfaktor geworden. Die Konfliktberichterstattung nimmt hier einen entscheidenden Platz ein, denn wie schon Thussu 2003 feststellte: „news is largely about conflict, and conflict is always news.“ (Thussu 2003: 117)

Der immer steigende Bedarf, die immer steigende Nachfrage an 24/7 News birgt die Gefahr der Sensationalisierung sowie der Trivialisierung von Nachrichteninhalten oft sehr komplexer Sachverhalte. Ein Ergebnis ist die Tendenz zum Infotainment in der Konfliktberichterstattung. (vgl. Thussu 2003 117)

Voraussetzung für eine globale 24/7 News Berichterstattung waren die technische Entwicklung und Verknüpfung von Satelliten-, Kabel-, Computer- und Sendetechnik. Erst die durchgehende Digitalisierung des Berichterstattungsprozesses macht eine andauernde Jagd nach Nachrichteninhalten für eine globale Live-Berichterstattung möglich. Dauerte es während des Vietnamkrieges noch Tage bis Bilder des Kriegsgeschehens gesendet werden konnten, ist heute die Live-Berichterstattung von jeden Krisenherd der Welt möglich. So wurde CNN nicht zuletzt wegen der Live-Berichterstattung der Bombardierung Bagdads im Golfkrieg 1991 zum Marktführer der 24/7 News Berichterstattung. Dank dem Zusammenspiel Digitaler Aufnahme-, Kommunikations-, Übertragungs- und Sendetechnik wurde der Golfkrieg zum ersten „real-time“ Krieg in der Geschichte der Krisenberichterstattung.(vgl. Thussu 2003: 118)

Im Folgenden soll die Untersuchung von CNN als einem Sender mit besonderer Ausprägung, die 24/7- Berichterstattung näher beleuchten und Konsequenzen aufzeigen. Es stellt sich beispielsweise die Frage, ob der amerikanische Sender auf dem Medienmarkt und in der Arbeitsweise eine „CNNization“ hervorgerufen hat. Da ein Großteil der Berichterstattung sich politischen Themen widmet, ist außerdem von Interesse, ob sich die journalistische Arbeit von CNN auf das Konfliktmanagement von Regierungen oder Nichtregierungsorganisationen auswirkt. Zunächst geht es jedoch um die Anfänge, des Senders, der „(…) bei Großereignissen ein Volkssender. Sonst Station der Decision Makers“ ist. (Hug 1998: 21)


Die Anfänge der CNN-Berichterstattung

Der Fernsehsender Cable News Network (CNN) wurde 1975 von Ted Turner gegründet. Entstehen sollte ein Nachrichtensender, der seine Zuschauer mit den neusten Informationen im amerikanischen Kabelnetz versorgt. Das Novum war hierbei, die Spezialisierung auf Nachrichten und eine Sendezeit von 24 Stunden am Tag sieben Tage die Woche. Neben dem Ziel die Nachrichten gewinnbringend zu produzieren, wurde ein weiterer Fokus auf Live- Berichterstattung gelegt, um eine wirkliche Alternative zu herkömmlichen Nachrichtensendungen darzustellen. Turners Konzept sah vor Nachrichten – ähnlich einer Magazinsendung- in Themenblöcken zu präsentieren. Bemerkenswert ist diese Entscheidung insofern, als dass sich zu diesem Zeitpunkt auf dem amerikanischen Fernsehmarkt eine genau gegenteilige Entwicklung abzeichnete: der Informationsanteil nahm immer stärker ab, zugunsten von Unterhaltungsprogrammen. Um neben der nationalen auch die internationale Live- Berichterstattung stärker voranzutreiben erwarb Turner Satellitenverbindungen. Die Unterteilung in ein Tages- und Nachtprogramm wurde somit nur noch stärker obsolet, da CNN mit seiner 24/7 Berichterstattung in mehreren Zeitzonen empfangen werden konnte. Als Grundvorgaben für die CNN- Beitragsgestaltung galten und gelten nach wie vor die Nähe zum Zuschauer und das Herstellen von Betroffenheit. So erklärte Ted Turner: „we are the first to try to use communications creatively to reshape the world.“ (Hammann 1994: 36)

„CNN-Ereignisse“

Mehrere Jahre später lieferte CNN „das erste Glanzstück“. (Hug 1998: 20) Der Sender berichtete am 19.November 1985, 53 Stunden ununterbrochen vom Gipfeltreffen zwischen Ronald Reagan und Michail Gorbatschow aus Genf. Ein Jahr später sendete die Station aus Atlanta live die Explosion der Raumfähre Challeger. Diese 13 Stunden ununterbrochene Berichterstattung durch die Reporter Mary Anne Loughlin und Tom Minster, waren der bis dato längste zusammenhängende Auftritt von Reportern in der Fernsehgeschichte. Im Jahr 1989 dann ein weiterer Höhepunkt der CNN- Berichterstattung: Eine Livesendung über den Studentenaufmarsch auf dem Tienanmen- Platz in Peking. Reese Schonfeld, der erste Präsident des Senders stellte für die Informationsübermittlung zwei Prinzipien auf, die schon in den 80er Jahren verfolgt wurden und immer noch zu gelten scheinen. „Erstens: Wir wollen von überall als die ersten berichten. Zweitens: Wir berichten nicht über das, was geschehen ist; wir berichten über das; was im Begriffe ist zu geschehen.“ Ihren Höhepunkt findet die Anwendung dieser Prinzipien 1991, als die Korrespondenten Peter Arnett und Bernard Shaw live über den Angriff der Alliierten in Bagdad berichten. Als das Bombardement beginnt, befinden sie sich vor Ort im Hotel El- Raschid.

Von „Chicken Noodle News” zu Cable News Network

Das Beispiel des Angriffs der Alliierten auf Bagdad zeigt eine veränderte Kriegs- und Krisenberichterstattung. Sie ist nicht mehr nur eine Frage journalistischer Qualität, sondern auch eine Frage technologischer Kapazitäten. Man kann schon fast in der Kriegsterminologie von „capabilities“ sprechen, die in diesem Fall einem Gütezeichen für die journalistische Arbeit gleichkommt. Portable Satelliten uplinks, so genannte „flyaway dishes“ beispielsweise, ermöglichen es von jedem Punkt aus Nachrichten zu generieren und abzusetzen. In Krisengebieten unter Umständen ein wichtiges Hilfsmittel, das dem Journalisten ein Maximum an zeitlicher und räumlicher Flexibilität einräumen kann.

Während des Bombardements auf Bagdad etwa, brachen die Verbindungen der Sender ABC und NBC vor Ort ab. Auch das deutsche Fernsehen hatte kein Material. CNN besaß als einziger Sender eine intakte Verbindung, weil sie mit Hilfe einer Satellitenverbindung übertrugen, die schon in den 80er Jahren im Rahmen anderer Auslandsberichte erfolgreich genutzt wurde. Die Bilder und O-Töne der Korrespondenten Shaw und Arnett gingen um die ganze Welt und wurden von anderen ausländischen Sendern aufgekauft und kolportiert. Der Effekt war, dass die Berichterstattung über den Golfkrieg mit der technischen Überlegenheit und der extremen Mobilität von CNN in Verbindung gebracht wurde.

„The CNN team had what every other American news organization- the oldline networks, the newspapers and the wire services- wishes it had: (...) a continuing and officially sanctioned presence in the Iraqi capital, and the technology that allows its reporters to get their stories out”. (Diamond 1992: 66-81)

Für die meisten Journalisten wird CNN während des Golfkriegs die Haupt-Bezugsquelle für Informationsmaterial: NBC anchor man Tom Brokaw interviewte Bernard Shaw aus seinem Hotelzimmer in Bagdad, um die neusten Informationen zu erhalten und auch die damalige Tagesschau- Sprecherin Sabine Christiansen erhält Informationen des deutschen Auslandkorrespondenten nur aus zweiter Hand. Er lässt CNN parallel mitlaufen, während er von ihr interviewt wird, um die aktuellsten Informationen weitergeben zu können. Jetzt werden auch Zuschauer und die amerikanischen Printmedien auf den Sender aufmerksam. Die Einschaltquoten verfünffachen sich und einige Presse-Stimmen bewerten den Sender als: „undisputed star“ which „affirmed its credibility and worldwide clout with new authority“ (TIME). Der U.S News & World Report schreibt: „network that shows how to cover a war“ und Newsweek zufolge hätte der Nachrichtensender eine „new television order“ etabliert und bewertet weiter: „CNN is changing the news business forever.“ Das anfangs argwöhnisch beäugte „Chicken Noodle News“ wandelt in den Augen der Zuschauer und Kollegen sein Image und wird zum ernst zu nehmenden, viel beobachteten und viel zitierten „Cable News Network“. Die neue Art der Berichterstattung verändert aber nicht nur CNNs Stand auf dem Medienparkett, sondern auch die Erwartungshaltung an die journalistische Arbeit.

Auswirkungen

Der große Erfolg der 24/7 News Berichterstattung nach dem Vorbild von CNN führte dazu, dass viele Fernsehsender das Prinzip der 24/7 News-Berichterstattung imitierten oder, angesichts der hohen Anforderungen des Formats, vor ihm kapitulierten. (vgl. Zelizer 1992: 76)

Bei Fernsehsendern führte der Imitationsprozess zur Ausbildung einer großen Zahl an 24/7 News Berichterstattungsformaten. So verfügt heute fast jede Sendergruppe über einen eigenen 24 Stunden Nachrichtenkanal. Fox News, BBC World, BBC News 24, Sky News, Independent Television News (ITV News), Star News, Zee News, China Central Television (CCTV), Globo News, Al-Jazeera, SABC News, N24, n-tv, sind nur einige der zu nennenden Sender auf diesem Marktsegment.(vgl. Thussu 2003: 119)


Imitation

Al-Jazeera

Einer der weltweit erfolgreichsten Aufgreifer des 24/7-Modells ist der arabische Sender Al-Jazeera. Immer wieder als das „CNN des Ostens“ bezeichnet, hat Al-Jazeera (im Deutschen wird auch häufig die Schreibweise „Dschasira“ dem englischen „Jazeera“ vorgezogen) sich zu einer festen Größe was Nachrichtenberichterstattung über und für den Nahen Osten angeht, aber auch den arabischsprachigen Raum im allgemeinen, entwickelt. Die „Peaks“ in der Popularität machen dabei, ebenso wie bei CNN, die Krisen und Kriege aus. Vor allem seit dem 11. September 2001, als ein Großteil der westlichen Welt überhaupt zum ersten Mal von Al-Jazeera Notiz nahm, ist der Sender in einer außergewöhnlichen Geschwindigkeit gewachsen. Das Sendegebiet wurde und wird kontinuierlich ausgeweitet und das Programm über immer mehr Satelliten verbreitet. Neuestes „Produkt“ ist ein englischsprachiger Ableger, der sich vorrangig an das nicht-arabischsprachige Publikum richtet. Al-Jazeera entwickelte sich aus dem „BBC Arabic World Television“, welches die BBC nach kurzem Betrieb wieder einstellte. Das Personal, mit dem Al-Jazeera die Anfangszeit bestritt, setzte sich jedoch zu 70% aus ehemaligem Personal des BBC Arabic World Television zusammen. Im Gegensatz zu verschiedenen staatlich-nationalen Senden, die in der arabischen Welt bereits über Satellit empfangbar waren (z.B. Egyptian Satellite Channel ESC. vgl. Al-Mikhlafy 2006: 34ff), stellte Al-Jazeera den ersten „unabhängigen“ arabischen Satellitensender dar. Als ein Problem galt es zunächst, die Skepsis der arabischen Bevölkerung im Bezug auf Al-Jazeeras Glaubwürdigkeit zu gewinnen. „It's not just a question of presenting news and information; we have to bring the Arab audience back to trusting the Arab media, especially the news.”(http://www.tbsjournal.com/Archives/Fall00/al-Ali.htm)

Diese Unabhängigkeit beschränkt sich jedoch, was den Umgang mit der Regierung Katars, wo der Sender seine Zentrale hat, betrifft. Die Regierung Katars unterstützt den Sender finanziell in einem solchen Maße, dass sich daraus eine direkte Abhängigkeit ergibt: „Wenn der Emir nicht mehr möchte, kann er den Laden einfach dicht machen.“(Hafez 2006: http://www.tagesschau.de/aktuell/meldungen/0,1185,OID5331472,00.html) Der Sender ist zwar an privatwirtschaftlichem Gewinnstreben orientiert, jedoch sind die Mittel die durch Werbung eingebracht werden bei Weitem nicht ausreichend. Hinzu kommt, was ebenfalls ein Faktor für die faktisch nicht stattfindende Berichterstattung über Katars Innenpolitik ist, dass der aus sieben Personen bestehende Aufsichtsrat des Senders vom Emir von Katar eingesetzt wird. (vgl. Al-Mikhlafy 2006: 64)

Das Programm Al-Jazeeras ist der arabischen Zielgruppe angepasst. Nachrichten der arabischen Welt sind von vorrangigem Interesse internationalen Nachrichten gegenüber. Zu den beliebtesten Sendungen gehört "Die andere Meinung". Das Konzept der Sendung ist, dass zwei Studiogäste ihre einander gegensätzlichen Standpunkte verteidigen. Hierin wurden und werden auch einstige und noch derzeitige Tabuthemen angesprochen (z.B. Menschenrechte, Demokratie, politische Korruption, Rechte der Frau, oppositionelle politische Gruppen, Polygamie, Folter, konkurrierende Auslegungen der islamischen Lehre) (vgl. Miladi 2003: 153)

Das Motto von „Meinung und Gegenmeinung“ sowie kritische Berichterstattung im Allgemeinen, haben Al-Jazeera im Laufe seines Bestehens immer wieder erhebliche Probleme eingebracht. Während Anfangs das Korrespondentennetz die meisten Staaten im arabischen Raum abdeckte, wurden einige Länder mit der Zeit mehr und mehr negativ Al-Jazeera gegenüber eingestellt. Vor allem die Art und Weise der Berichterstattung über Themen die jeweiligen Herrscher oder Herrschaftshäuser betreffend, die Politik einzelner Staaten, die Berichterstattung über Israel im Besonderen, aber auch die Tatsache, Oppositionelle zu Wort kommen zu lassen, führte zu Versuchen vieler arabischer Staaten, Al-Jazeera zu blockieren. Es wurden Werbeboykotte von saudiarabischer Seite verhängt und die Reporter Al-Jazeeras mit Einreiseverboten in bestimmte Länder belegt. So schloss Jordaniens Regierung Al-Jazeeras Büro in Amman, nachdem ein Talkshowgast König Hussein der Kollaboration mit Israel beschuldigt hatte. Tunesiens Präsident forderte den Emir von Katar auf, eine Diskussion zur Missachtung der Menschenrechte in Tunesien zu untersagen. Der ägyptische Präsident Mubarak beschuldigte Al-Jazeera öffentlich, Reiberei, Feindseligkeit und Instabilität unter den arabischen Ländern zu verbreiten.(vgl. Miladi 2003: 157)

Von westlicher Seite her muss sich Al-Jazeera immer wieder dem Vorwurf, Beziehungen zu Al-Quaida zu unterhalten, stellen. In diesem Zusammenhang wird häufig eine zu „unkritische Berichterstattung“ bemängelt. „Einigen Reportern Al Dschasiras wurde sogar vorgeworfen, direkt mit Al Kaida zu kooperieren. 2005 wurde in Spanien der ehemalige Afghanistan-Korrespondent Taysur Alluni zu sieben Jahren Haft verurteilt. Er hatte 2001 ein Exklusivinterview mit Bin Laden geführt und später nach Überzeugung des Gerichts Al-Kaida-Führer in seinem Haus beherbergt und mit Geld unterstützt.“ (http://www.tagesschau.de/aktuell/meldungen/0,1185,OID5374202_TYP6_THE5330976_NAV_REF_BAB,0.html)

Gerade mit Beginn des Afghanistan-Krieges wurde die herausragende Stellung Al-Jazeeras deutlich. Obwohl auch anderen Fernsehanstalten angeboten, nahm einzig Al-Jazeera 1999 die Erlaubnis zur Eröffnung eines Korrespondentenbüros in Afghanistan (Kabul) war. (vgl. Al-Mikhlafy 2006: 80) Aus dieser privilegierten Vormachtstellung was die Berichterstattung aus dem südlichen Teil Afghanistans anbetraf, ergaben sich umfangreiche Kooperationsvereinbarung mit anderen Sendern. Contentsharingabkommen bestehen unter Anderem mit ABC, CBS, NBC, BBC. Mit dem ZDF besteht seit 2003 eine Vereinbarung, die dem Sender sechs Studnen vor allen anderen deutschen Fernsehsendern den Zugriff auf Al-JAzeeras Live-Berichterstattung gewährt. (vgl. Al-Mikhlafy 2006: 96). Mit CNN beispielsweise fand ein Korrespondentenaustausch statt, der es Korrespondenten der beiden Sender ermöglichte, auf dem jeweils anderen Sender zu erscheinen. Al-Jazeera zog daraus Nutzen für den Norden, wo sie keine Korrespondenten besaßen, CNN hatte dadurch Zugang zu den von den Taliban besetzen Gebieten.(vgl. Al-Mikhlafy 2006: 93f) Das Abkommen zwischen den beiden Sendern wurde jedoch im Februar 2002 von CNN gebrochen, als man ein Interview mit Bin Laden vom 22.10.2001 ausstrahlte. Das Interview war von Al-Jazeera zwar aufgezeichnet, jedoch nie selbst ausgestrahlt worden. Von amerikanischer Seite wurde der Sender unter Druck gesetzt, dass diese Sprachrohrfunktion die Al-Quaida unterstütze, da es ihr ermögliche unterschwellige Botschaften an ihre Anhänger mittels solcher Videos über die ganze Welt zu verbreiten. Die Ausstrahlung des Interviews durch CNN führte zum Bruch in der Beziehung zwischen Al-Jazeera und CNN.

Mit Begin des Irakkrieges wurde die Kritik an Al-Jazeera, gerade durch die Verbreitung von Bildern, die amerikanische Verluste im Krieg zeigten, immer stärker: „Its [Al-Jazeera] capacity to provide live coverage from the theatre of war in Afghanistan and its determination to show pictures of death and destruction not seen on Western television networks angered the United States government, which tried in an number of ways to put heavy pressure on the channel to tone down its coverage”(vgl. Miladi 2003: 150)

Gleichzeitig gewann Al-Jazeera jedoch weiter an Bedeutung auf dem europäischen und nordamerikanischen Markt. Obwohl weltweit mit weniger als einem Fünftel der Mitarbeiter CNN’s ausgestattet, legten sich die westlichen Sender auf Al-Jazeera als den Lieferant für die besten Bilder fest. Auch die arabischsprachige Website konnte 45 % ihrer Aufrufe in Europa und den USA verzeichnen.(vgl. Miles 2005: 176)

Das Problem der Sprachbarriere bewirkte bis 2006, dass Al-Jazeera kaum Einfluss auf den internationalen Nachrichtenfluss hatte, sondern lediglich als Quelle von anderen Medien zitiert wurde. Direktes Ansprechen funktionierte nur auf dem arabischen Sprachgebiet und dort eben vorrangig mit arabischen Themen, die für internationales Publikum ohnehin von sekundärem Interesse waren. Hafez äußerte sich dazu in einem Interview mit www.tagesschau.de wie folgt:

tagesschau.de: Was sind die Auswirkungen von Al Dschasira auf den internationalen Nachrichtenfluss, der ja bisher von westlichen Medien dominiert wird? Hafez: In dieser Hinsicht wird die Wirkung Al Dschasiras grandios überschätzt. Da ist zum einen die Sprachbarriere, mit der europäische und amerikanische Publika und Journalisten zu kämpfen haben. Was gelegentlich stattfindet ist ein Bildertransfer. Bilder kommen also zu uns durch, Texte aber höchstens in extremen Krisensituationen. Insofern bleibt die arabische Sicht auf unsere politischen Probleme meist doch überwiegend im Verborgenen. Es sind erste Ansätze, aber es ist noch nicht die Umkehrung des Nord-Süd-Flusses.“ (Hafez 2006)

Mit der Einführung eines englischsprachigen Angebotes in 2006, ergänzend zum bereits längere Zeit existierenden englischsprachigen Webauftritt, will Al-Jazeera insbesondere den Asiatischen Raum stärker erreichen, wo meist Englisch vorrangig vor Arabisch verstanden wird. Hugh Miles sieht in der Ausstrahlung in Englisch eine Möglichkeit, die Blockade des finanzkräftigen saudiarabischen Werbemarkts zu kompensieren und durch europäische und amerikanische Unternehmen Werbeeinnahmen zu verbuchen.(vgl. Miles 2003: 310)

n-tv

Die Kooperationen CNN’s erstrecken sich auf viele Länder und viele Fernsehstationen. Bereits 1992 verhandelt man mit dem ZDF über einen Einstieg in den Deutschen Markt, was aufgrund der öffentlich-rechtlichen Strukturen jedoch scheitert und kurz darauf zu einem Einstieg CNN’s bei dem 24-Stunden Nachrichtensender n-tv führt. Die Zusammenarbeit beider Stationen ist in erster Linie logistischer und technologischer Art. n-tv kann das gesamte Programm CNN’s auswerten und verwenden. Die Beiträge können teilweise oder komplett übernommen und synchronisiert werden. Das gleiche gilt umgekehrt für CNN, was beiden Sendern den Aufbau doppelter Nachrichteninfrastruktur erspart. Neben diesem „Contentsharing“ ist CNN auch finanziell an dem deutschen Sender beteiligt.(vgl. Hammann 1994: 115) Ursprünglich hielt CNN 29% an n-tv, Time Warner hält 23% und hat zusätzlich Anteile an CNN. Im April 2006 erfolgte die vollständige Übernahme von n-tv durch die RTL Group.

Printmedien

Auch die Printmedien mussten auf den Erfolg der Live-Berichterstattung von CNN reagieren. Zeitungen druckten während des Golfkrieges Sonderausgaben und Beilagen mit Hintergrundinformationen, traditionelle Formate wurden zugunsten einer visuellen Aufbereitung mit Grafiken angepasst. So bauen auch heute die Zeitungen noch auf prägnante Fotos, Infografiken, Infoboxen und Landkarten, einfach auf Bestandteile die der zunehmenden Bedeutung visueller Elemente in der Nachrichtenvermittlung Rechnung tragen.(vgl. Zelizer 1992: 76)


Der amerikanische Markt

Amerikanische Sender betrachten die journalistische Leistung von CNN als neuen Maßstab sowohl für die Art der Berichterstattung, als auch für die Risikobereitschaft ihrer Mitarbeiter. Der Stil langer Live- Berichte wird beispielsweise schon im selben Jahr, von einem amerikanischen Lokalsender nachgeahmt. Bei einem Flugzeugabsturz 1991 in Philadelphia berichten die lokalen Medien sechs Stunden live über das Ereignis. Ein Lokaljournalist äußert sich dazu folgendermaßen: „we might not have necessarily done without the lessons learned from CNN“.(Zelizer 1992: 77) Inwieweit sich diese Darstellungsart international durchgesetzt hat und weiter getrieben wurde sieht man am Beispiel der Berichterstattung über den 11. September 2001. Journalisten waren in kürzester Zeit vor Ort und Mitten im Geschehen, sodass die Zuschauer an den Bildschirmen live miterleben konnten, als Kameramänner beim Einsturz des zweiten World Trade Center- Turmes mit den anderen Anwesenden um ihr Leben rannten. Die Kamera lief die ganze Zeit mit. Auch und gerade in der Kriegsberichterstattung erleben die Rezipienten am Fernsehschirm die Kriegswirren „hautnah“ mit. Ermöglicht wird dies durch „embedded journalists“, wie beispielsweise im Irakkrieg.

„Kapitulation“

Eine andere Strategie dem Erfolg der 24/7 News Berichterstattung zu begegnen ist die Kapitulation vor den Anforderungen und den finanziellen Notwendigkeiten dieses Formats. Während CNN nach eigenen Angaben in den 90er Jahren über 2 Millionen Dollar pro Jahr in die Eröffnung neuer Büros investiert, schließen andere Fernsehstationen Korrespondentenbüros und stellen die breaking news Berichterstattung ein. So zitiert Zelizer einen NBC Offiziellen mit den Worten: „We are not going back to covering everything that breaks…“.<ref>Zelizer, 1992. S. 77</ref> Diese Aufgabe der breaking news durch andere Fernsehstationen überlies CNN als globalem Marktführer die Exklusivität in der 24/7 breaking news Berichterstattung. (vgl. Zelizer 1992: 77)

Das Neue für die Berichterstattung war der Druck einen kontinuierlichen Fluss an neuen Informationen zu liefern. Hier wurde der Live-Aspekt und die Exklusivität einer Geschichte zum entscheidenden Nachrichtenwert, Exaktheit und Verständnis gingen darüber verloren. Journalisten stehen im 24/7 News Berichterstattungsalltag unter dem Druck der minütlichen Deadline. Der editoriale Druck eine Berichterstattung so zeitnah wie möglich auszustrahlen, lässt wenig Raum für investigativen Journalismus. So bildet das Filtern der wahren Informationen von unwahren Informationen, das Aussieben von Gerüchten und Lügen im Dunstkreis von Desinformation und Missinformation die eigentliche Herausforderung.(vgl. Thussu 2003: 120) Denn die Autorität des Journalisten über die vermittelte Information gründet in der Tatsache, dass die Öffentlichkeit im Normalfall den Wahrheitsgehalt einer Information nicht nachprüfen kann.(vgl. Zelizer 1992: 66)

So kann die Notwendigkeit des Füllens von Sendezeit dazu führen, dass Journalisten auf unüberprüfte Quellen zurückgreifen, um im schnellen Konkurrenzgeschäft der breaking news dem Mitbewerber einen Schritt bzw. eine Information voraus zu sein. In Ermangelung neuer Informationen fängt man an zu spekulieren anstatt zu berichten und verfällt in eine Art von Chat-Show, wo Experten versuchen die Lage zu erklären, zu analysieren und zu diskutieren. So wird dann auch der eigentliche Prozess des Berichterstattens zur eigentlichen Nachricht, wenn von einem sich live entwickelten Konflikt berichtet wird ohne jedoch auf neue Informationen verweisen zu können.(vgl. Thussu 2003: 121) Wenn der Live-Bericht um des Live-Berichts Willen zum Nachrichtenereignis wird, ist dies der Notwendigkeit der möglichst stetigen Visualisierung im Infotainment geschuldet. Dies trägt jedoch nicht unbedingt zu Verständnis eines Konfliktes bei, da es der visuell durchgestylten 24/7 breaking news Berichterstattung an Erklärungen und Hintergrundinformationen zum Konflikt mangelt.(Thussu, Daya Kishan / Freedman 2003: 133f)

Der Zwang zur Visualisierung, die kürze Halbwertzeit einer Nachricht, die Notwendigkeit ständiger Live-Berichterstattung führen zu einer Tendenz des Infotainments. Dies wird durch eine Art High-Tech-Berichterstattung im Videospielformat mit komplexen Grafiken, Satellitenbildern und eingeblendeten Landkarten, visuellen Computereffekten und rhetorischen sowie reißerischen Überschriften unterstützt. (vgl. Thussu 2003: 122 ff)

Der CNN- Effekt

Unter dem CNN-Effekt versteht man die These, dass die Medienberichterstattung auf Konfliktintervention durch Regierungen oder andere Entscheidungsträger Einfluss ausübt. Anhänger des CNN-Effekts unterstellen, dass die Medienberichterstattung Regierungen dazu bringt, gegen ihren eigentlichen Willen bei humanitären Krisen militärisch zu intervenieren. Auslöser für Handlungen jeglicher Art ist die journalistische Berichterstattung über menschliches Leid. Der öffentliche Druck auf die westlichen Regierungen soll dabei so groß werden, dass am Ende des Prozesses eine Interventionsentscheidung steht.

Die Skeptiker hingegen unterstellen, dass der CNN-Effekt bei Interventionsentscheidungen zu vernachlässigen sei. Ja sogar einen gegenteiligen Effekt birgt, nämlich, dass Regierungen aus Angst vor negativen Fernsehbildern davon abgehalten werden bei humanitären Krisen militärisch einzugreifen.(vgl. Jakobsen 2000: 132)

Einfluss der Medienberichterstattung

Bei der Betrachtung des CNN-Effektes lassen sich Krisen nach Jakobsen in drei Entwicklungsphasen unterteilen. Die Prä-Gewalt-Phase, die Gewalt-Phase und die Post-Gewalt-Phase. Alle drei Phasen haben Konsequenzen für die Krisenberichterstattung, aber auch für den politischen Willen auf Krisen interventionär zu reagieren.

In der Prä-Gewalt-Phase ist nach Jakobsen der Einfluss des CNN-Effekts zu vernachlässigen. Medien tendieren dazu die Phase vor dem gewaltsamen Ausbruch des Konfliktes zu ignorieren. Dies ist dem Zwang der Visualisierung geschuldet, der es notwendig zu machen scheint einen Konflikt durch gewaltsame Bilder zu vermitteln. Zumindest scheinen gewaltsame Bilder die Konfliktproblematik besser zu transportieren und besser die Aufmerksamkeit des globalen Publikums zu erzielen. Diese Bilder sind in der Prä-Gewalt-Phase nicht vorhanden, somit ist die Konfliktproblematik im 24/7 News Berichterstattungsgeschäft nicht zu vermitteln. Aber auch Regierungen haben an der Prä-Gewalt-Phase scheinbar kein Interesse. Dies kann zu einen daran liegen, dass wichtigere Themen auf der Tagesordnung stehen, zum andern daran, dass Warnsignale schwer zu identifizieren oder oftmals auch falsch sind. Oft fehlt es aber auch am politischen Willen, denn diplomatische Erfolge in der Prä-Gewalt-Phase sind, nicht zuletzt wegen des fehlenden Medieninteresses, unsichtbar und werden nicht wahrgenommen. Nicht sichtbare Erfolge sind somit keine Erfolge im politischen Sinne, da sie keine Wahlen gewinnen helfen.(vgl. Jakobsen 2000: 132 f)

Während der Gewalt-Phase ist der Einfluss des CNN-Effektes nach Jakobsen stärker aber ein direkter Einfluss auf Krisen ist sehr begrenzt. Zum einen ist die Entscheidung über die Berichterstattung, zum anderen die Entscheidung zur Intervention nicht notwendigerweise von humanitären Überlegungen abhängig. Medienunternehmen entscheiden nach anderen Relevanzkriterien wie geographische Nähe, Kosten, Logistik, rechtliche Hindernisse wie Visumsbeschränkungen, Gefahr für Leib und Leben der Journalisten aber auch die Relevanz für die nationalen Interessen. Oft ist auch ein dramatisches Schlüsselereignis von Nöten um eine Berichterstattung und das öffentliche Interesse in Gang zu setzen bzw. zu wecken. So werden längst nicht alle Krisen von Medien zum Gegenstand der Berichterstattung gemacht. Auch die Interventionsentscheidung von Regierungen richtet sich oftmals nach anderen, strategischen und nicht humanitären Überlegungen. Man könnte in der Gewalt-Phase sogar einen umgekehrten CNN-Effekt unterstellen. Nämlich, dass Regierungen die Berichterstattung auf solche Konflikte und Krisen lenken, deren Intervention im strategischen Interesse einer Regierung liegen. Medienberichterstattung führt nur in seltenen Fällen zu einer Intervention gegen den Regierungswillen, vielmehr intervenieren Regierungen auch entgegen der öffentlichen Meinung bei Krisen von nationalem Interesse. Eine Intervention gegen den eigentlichen politischen Willen ist immer mit einem sog. zero-casualty-approach verbunden, der das Risiko eigener militärischer Verluste minimiert und ein klares Interventionsende vorsieht. (vgl. Jakobsen, 2000: 133 ff)

In der Post-Gewalt-Phase ist der CNN-Effekt nach Jakobsen wieder zu vernachlässigen, da der gewaltsame Konflikt mit gewaltsamen Bildern beigelegt wurde und somit das Medieninteresse an der Krise wieder nachlässt. Dieses flammt erst wieder mit einem erneuten, gewaltsamen Ausbruch des Konfliktes auf.(vgl. Jakobsen 2000: 137 f)

Insgesamt lässt sich sagen, dass der CNN-Effekt in der Prä- und Post-Gewalt-Phase zu vernachlässigen ist, in der Gewalt-Phase zwar stärker aber nur in einer sehr geringen Zahl von Fällen wirklich relevant ist.

Auswirkungen der Medienberichterstattung auf das Konfliktmanagement

Auch wenn der CNN-Effekt auf die militärische Interventionsbereitschaft westlicher Regierungen nur in einer sehr kleinen Anzahl von Fällen und auch nur während der Gewalt-Phase einen Effekt zeigt, hat der CNN-Effekt auf einer anderen Ebene Konsequenzen.

Das fehlende Interesse an einer Berichterstattung während der Prä- und Post-Gewalt-Phase führt dazu, dass der ausbrechende Konflikt als irrational und unlösbar erscheint, da die Ursache und die anfängliche Entwicklung des Konfliktes nicht im Fokus der öffentlichen Berichterstattung ablief. Aufgrund der scheinbaren Irrationalität und Unlösbarkeit des Konfliktes schwindet die öffentliche Unterstützung zur Konfliktlösung beizutragen.

Abseits der militärischen und politischen Bereiche findet sich zum Teil ein Sonderfall der Einflussnahme durch die Berichterstattung über menschliches Leid während der Gewalt-Phase. Sie kann zu einer Kanalisation von privaten Hilfsgeldern und Spenden führen, weg von langfristigen Entwicklungsprojekten zur Konflikt- und Krisenvermeidung, hin zu kurzfristigen Nothilfemaßnahmen. Dies ist besonders vor dem Hintergrund problematisch, dass wie schon beschrieben die mediale Aufmerksamkeit nicht von humanitären Überlegungen gesteuert wird. Folgen nun die Spendengelder den Kameras, so werden die Krisen erst dann bedacht wenn der Konflikt bereits ausgebrochen ist und nicht vorbeugend zur Konfliktvermeidung. Auch werden bei weitem nicht alle Krisen bedacht, da nicht alle Krisen Gegenstand der Berichterstattung sind.(vgl. Jakobsen 2000: 138 ff)

Der somalische Bürgerkrieg

Anhand der amerikanischen Intervention im somalischen Bürgerkriel (Das Fallbeispiel bezieht sich auf den Zeitraum von 1991 bis 1994.), soll nun untersucht werden, in welchem Ausmaß die mediale Berichterstattung Auswirkungen auf die Ereignisdynamik der Krise und das politische und militärische Vorgehen haben.

Bereits Ende der 80er Jahre formiert sich in Somalia (Landkarte von Somalia, siehe Abbildungsverzeichnis Nr.1) eine von Clans und Stämmen getragene Aufstandsbewegungen gegen die Regierung Mohammed Siad Barres. Nach seiner Flucht im Januar 1991 kommt es zu Kämpfen zwischen den rivalisierenden Clanchefs, die beide die Nachfolge für sich beanspruchen. Im September 1991 brechen schwere Kämpfe zwischen Stammesgruppen unter der Führung von Präsident Ali Mahdi und General Mohammed Aidid aus. Für die somalische Bevölkerung haben die gewaltsamen Auseinandersetzungen folgenschwere humanitäre Konsequenzen: 1992 bricht eine Hungerkatastrophe aus. Fotos von halbverhungerten Kindern und Erwachsenen mehren sich in Magazinen oder auf Zeitschriften-Cover.(Foto und Cover, siehe Abbildungsverzeichnis Nr.2, Nr.3)

http://www.zdf.de/ZDFde/img/111/0,1886,2329327,00.jpg http://img.timeinc.net/time/magazine/archive/covers/1992/1101921214_400.jpg

Immer mehr Informationen dringen ins Ausland. Die Vereinten Nationen sehen im Fall Somalia erhöhten Handlungsbedarf und entsenden im Dezember 1992, unter dem Namen „Operation Restore Hope“, 20.000 US-Marines nach Somalia, um sicherzustellen, dass Hilfslieferungen die Bedürftigen in dem vom Bürgerkrieg verwüsteten Land erreichen. Internationale Hilfswerke konnten zu diesem Zeitpunkt nur unter größten Problemen Hilfsgüter verteilen. Überall forderten bewaffnete Auseinandersetzungen um Lagerhäuser und Lastwagenladungen Tote, oft auch unter den Mitarbeitern der Hilfsdienste. Warlords und Milizenchefs waren dazu übergegangen Teile der Güter gewaltsam zu beschlagnahmen, um ihre bewaffneten Anhänger zu versorgen oder die Waren auf dem Schwarzmarkt weiterzuverkaufen.

Die Hilfsaktion der UNO wurde zum Medienspektakel. „CNN-Leute waren als erste vor Ort- schon vor Ankunft der amerikanischen Hilfstruppen.“ Der Schweitzer Journalist Heiner Hug, der damals auch aus dem Krisengebiet berichtete beschreibt die Szenerie weiter: „Phantastische Bilder gingen um die Welt: gewaltige Luftkissenboote. Im rötlichen Morgenlicht setzten sie auf somalischen Sand.“ (Hug 1998: 11) http://go.hrw.com/atlas/norm_map/somalia.gif

Die Situationsbeschreibung klingt eher nach ästhetischen Aufnahmen, denn nach den aufrüttelnden Bildern, die sonst für Militäreinsätze so typisch sind. Die Mission erhält dadurch einen positiven und Touch und vermittelt den Eindruck als setzten sich die Soldaten „im rötlichen Morgenlicht“ keiner wirklichen Gefahr aus. Zu diesem Zeitpunkt findet die Mission in der amerikanischen Bevölkerung breite Zustimmung, was durch die Medienbilder unterstützt wird. Die bis dato lancierten Fotos und Berichte zeigen die humanitäre Notwendigkeit und schaffen für die Bevölkerung die moralische Legitimation den Einsatz zu befürworten.

„The harrowing faces of starvation, the inert shapes of death. These are the images that have finally brought the world to Somalia's rescue. Why did it take so long, when some reporters have been telling the story for months?”<ref>Auszug aus dem Artikel „landscape of death“ des TIME Magazines (Ausgabe: 14. Dezember 1992)</ref>

Die Situation in Somalia hingegen entwickelt sich anders als erwartet. Die Clanführer und ihre Milizionäre sehen in der Intervention der UN-Truppen weniger eine Hilfe als eine Bedrohung der eigenen Macht. Aber fast alle außer Präsident Aidid erklären sich irgendwann bereit mit der UN zu kooperieren, da er selbst die Führung in Somalia anstrebte und mit Anschlägen gegen UN-Soldaten beginnt. Für die Blauhelme wird die Ausschaltung Aidids immer mehr zum Schlüssel für den Erfolg ihrer Hilfsmission. Grundlage für ihr Vorgehen wird eine UNO- Resolution, die eine Art „Haftbefehl“ darstellt. CNN berichtet nun schon seit mehreren Monaten aus dem somalischen Krisengebiet und befindet sich zum Teil nah an den UNO- Truppen. In ihrem Bemühen, Aidid zu fangen, unternehmen die militärischen Einheiten eine Reihe von Luftangriffen auf Ziele im Herzen Mogadischus und setzen zusätzlich Bodentruppen ein. Bei diesen Aktionen werden zahlreiche unbeteiligte Zivilisten und auch amerikanische Soldaten getötet.

Nach mehrmonatigen unregelmäßigen Kampfhandlungen feuern im Sommer 1993 amerikanische Kampfhubschrauber Raketen auf ein Hochhaus, in dem sich einer der großen Clans zur Beratung versammelt hat. Die Zahl der Opfer steigt immer mehr. Nach mehreren Verlusten, auch auf amerikanischer Seite, die von den Medien dokumentiert werden, schlägt die Stimmung sowohl in Amerika, als auch in Somalia um. Vor Ort zweifelt die Bevölkerung an den redlichen Absichten amerikanischer Truppen, da ihre Einsätze immer wieder viele Menschenleben von unbeteiligten Zivilisten kosten. Auch die USA haben immer wieder den Tot amerikanischer Soldaten zu beklagen. Die Nachrichten ziehen negative Bilanzen. Der damals gerade ins Amt gewählte amerikanische Präsident Bill Clinton setzt die Spezialeinheit der US-Ranger ein, um Aidid zu fassen, und die Situation in Somalia endgültig zu entschärfen. Diese Ranger, die sich rund um das Gebäude, in dem sie Aidid und seine Gefolgsleute vermuten, von "Black Hawk"-Hubschraubern abseilen, werden angegriffen. Der Einsatz eskaliert und endet nach einem unvorhergesehenen 16-stündigen Häuserkampf mit hohen Verlusten auf beiden Seiten. Zurück im somalischen Camp werden die überlebenden US-Soldaten durch CNN-Berichte mit dem Ausmaß der fehlgeschlagenen Mission und dem Schicksal ihrer vermissten Kameraden konfrontiert: „Wir wussten, dass Männer vermisst waren“, so der beteiligte Soldat Dan Schilling. „Dann sahen wir die ersten Bilder, wie Somalis die Leichen schändeten. Aufnahmen, die zeigen, wie ein nackter, toter US-Soldat mit Füßen getreten wird, wie ein Soldat an einem Seil über die Straße geschleift wird.“

http://www.zdf.de/ZDFde/img/107/0,1886,2329323,00.jpg <ref>Screenshot siehe Abbildungsverzeichnis Nr.4; Zitat aus ZDF –Reportage http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/11/0,1872,2128523,00.html</ref>

Auch die Stimmung in den amerikanischen Medien schlägt um. Das TIME- Magazine veröffentlicht am 18. Oktober 1993 eine Ausgabe auf dessen Cover
http://img.timeinc.net/time/magazine/archive/covers/1993/1101931018_400.jpg <ref>Cover siehe Abbildungsverzeichnis Nr.6</ref> das blutverschmierte Gesicht eines amerikanischen Soldaten zu sehen ist und betitelt diese Nahaufnahme mit der Frage: „What in the world are we doing?“. Ein Auszug der Titelgeschichte lässt Einschätzungen offen zu Tage treten, die wahrscheinlich die Stimmung in der Bevölkerung reflektieren:

„It seemed simple at first. There were people in need. America would help. But the mission to Somalia, which began with visions of charity, now puts forth images of horror. While America's attention was focused at home, the goals of the mission shifted dangerously, and now the effort threatens to become a violent standoff (…)."

Die Zustimmung und Notwendigkeit, die noch fast ein Jahr vorher proklamiert wurden, sind scheinbar vollständig umgeschlagen. Ein Gelingen der Mission scheint nicht mehr denkbar und die Clinton-Regierung kündigt an, ihre Truppen noch im selben Jahr aus der UNO-Mission abzuziehen, die im März 1995 vollständig aufgegeben wird.

Fazit

Die Fragen ob, und inwiefern die Ereignisdynamik eines Konfliktes von den Medien und hier insbesondere von CNN beeinflusst wird, geht eng mit der Frage einher, welche Reaktionen Bilder (Der hier gewählte Begriff „Bilder“ meint sowohl Fotos, als auch Bewegtbilder)bewirken. Stellt man eine „Kettenreaktion für die Wirkung von Bildern auf, könnte sie folgendermaßen aussehen:
http://medien03.uni-trier.de/buwiki/images/7/77/CNN.JPG
Diese schematische Darstellung kann in beide Richtungen gelesen werden und zeigt die Wechselseitigkeit der Beeinflussung auf. Das Schema muss auf verschiedene Konfliktphasen angewendet werden und darf nicht als statisches System verstanden werden. Die Wechselwirkungen sind sehr komplex und empirisch kaum feststellbar. Es ist jedoch davon auszugehen, dass im Falle des somalischen Bürgerkriegs die Veröffentlichung der Bilder die Entscheidung für oder gegen eine Verlängerung des Einsatzes amerikanischer Truppen maßgeblich beeinflusst hat. „Die plötzliche Entscheidung der USA sich aus Somalia zurückzuziehen, wurde sehr davon beeinflusst, dass die Fernsehstationen massakrierte US-Soldaten zeigten, die man durch die Straßen Mogadischus schleifte. Der amerikanischen Öffentlichkeit war der Sinn des Somalia- Einsatzes nicht mehr zu vermitteln.“(Weber 1997: 92)

Der CNN- Effekt ist mehr als eine Metapher für globale Berichterstattung und ihre Auswirkungen zu verstehen, denn als Reaktion, die speziell auf diesen Sender zurückzuführen ist. Das gleiche Wirkungsprinzip setzt auch bei anderen 24-Stunden Nachrichtensendern mit globaler Reichweite ein. Es beschreibt vielmehr das Phänomen mit welcher Geschwindigkeit Informationen heutzutage übermittelt werden, was verkürzte Reaktionszeiten für involvierte Gruppen beinhaltet, beispielsweise, wenn Politiker kurz nach einem Ereignis um ein Statement gebeten werden. Des Weiteren birgt es die Möglichkeit ein Publikum durch „hautnahe“ Bilder emotional anzusprechen, aber auch die Gefahr zu wenig Zeit zu haben um Themen angemessen zu recherchieren, da Nachrichten immer schneller veraltet sind. „The breaking story [is] old by dinner-time.“ (vgl. Zelizer 1992: 70) Auch die Gelegenheit aus mehreren Krisenregionen zu berichten und Ereignisse zusammenzuführen kann Druck auf Entscheidungsträger ausüben. Sie sind unter Umständen dazu gezwungen ihre Prioritäten für die Intervention in einer bestimmten Region zu rechtfertigen. Der amerikanische Staatssekretär unter der Regierung von George Bush erklärt hier die Regierungsentscheidung im Fall Somalia:

“Here was the Somali case where there was clearly a humanitarian need but there was also a way for the Administration to make its point on that subject and at the same time, to be blunt with you, take some of the pressure off not doing anything in Bosnia or what part of Yugoslavia it was at the time we were supposed to be doing something about. (...)There were people in the State Department pushing me very hard on both issues and there was no question in my mind, I wasn't going to do anything if I could avoid it on the Yugoslav case at the time. The Somali case was a much easier case and permitted us at the same time to do something right and to make it clear we were doing it. (...) the television, the press, the whole thing gave us an opportunity to make a choice which to some degree, (...) took pressure off the constant drumbeat that the Bush Administration didn't give a damn about human rights.” (Auszug aus einem Interview der amerikanischen Brookings Institution "The CNN Effect": How 24-Hour News Coverage Affects Government Decisions and Public Opinion)

Die Berichterstattung hat also in diesem Fall nicht unbedingt das politische Vorgehen beeinflusst, aber das politische „agenda setting“ maßgeblich geprägt. Neben der Beeinflussung ist Beschleunigung eine weitere wichtige Wirkung, die dem CNN- Effekt zugesprochen wird. Regierungen, die sich im Falle eines Konfliktes zurückhaltend zeigen, können aufgrund der Berichterstattung den Zeitpunkt für eine Intervention anders wählen als geplant, weil die öffentliche Meinung, die zum größten Teil auch Wählerschaft ist, Druck auf eine Regierung oder andere Entscheidungsträger ausüben kann. Der UN- Generalsekretär Kofi Annan stellt hierzu fest:

„The ‘CNN factor’ tends to mobilize pressure at the peak of the problem-which is to say, at the very moment when effective intervention is most costly,most dangerous, and least likely to succeed.” (Jakobsen 2000: 138)

Der CNN-Effekt lässt sich also als eine Art „CNNization“ der Arbeitsweise von Journalisten und der Veränderungen auf dem Medienmarkt benennen. Die Frage nach dem Einfluss der medialen Berichterstattung auf das Konfliktmanagement von Regierungen und Nichtregierungsorganisationen kann mit drei Schlagworten beantwortet werden: Beschleunigung, Behinderung und Agenda Setting. Wie stark die Effekte im Einzelnen sind, hängt von der Art der Krise oder des Konfliktes ab, bzw. von der Instanz, die sich damit beschäftigt.

Verweise

<references />


Literatur

Al-Mikhlafy, Abdo Jamil 2006: Al-Jazeera. Ein regionaler Spieler auf globaler Medienbühne. Marburg: Schüren Verlag.

Baker, Kiran 2003: Conflict and Control: The War in Afghanistan and th 24-hour News Cycle. In:

Thussu, Daya Kishan / Freedman, Des (Eds.) 2003: War and the Media. Reporting Conflict 24/7. London, Thousand Oaks, New Delhi: SAGE Publications: 241-247.

Hammann, Jutta 1994: Nachrichten für das globale Dorf: Entwicklung, Organisation und Arbeitsweise von CNN. Berlin: Vistas Verlag.

Jakobsen, Peter Viggo 2000: Focus on the CNN Effect Misses the Point: The Real Media Impact on Conflict Management is Invisible and Indirect. In: Journal of Peace Research, 37(2), 131 ff.

Miladi, Noureddine 2003: Mapping the Al-Jazeera Phenomenon. In: Thussu, Daya Kishan / Freedman, Des (Eds.) 2003: War and the Media. Reporting Conflict 24/7. London, Thousand Oaks, New Delhi: SAGE Publications:149-160.

Philo, Greg, Alison Gilmour, Maureen Gilmour, Susanna Rust, Etta Gaskell, Lucy West 2003: The Israeli-Palestinian conflict: TV news and public understanding. In: Thussu, Daya Kishan / Freedman, Des (Eds.) 2003: War and the Media. Reporting Conflict 24/7. London, Thousand Oaks, New Delhi: SAGE Publications: 133 - 148

Robinson, Piers 2002: The CNN Effect. The Myth of News, Foreign Policy and Intervention. London, New York: Routledge.

Thussu, Daya Kishan 2000: Legitimizing "Humanitarian Intervention"? CNN, NATO and the Kosovo Crisis. In: European Journal of Communication, 15(3), 345ff.

Thussu, Daya Kishan 2003: Live TV and Bloodless Deaths: War, Infotainment and 24/7 News. In: Thussu, Daya Kishan / Freedman, Des (Eds.) 2003: War and the Media. Reporting Conflict 24/7. London, Thousand Oaks, New Delhi: SAGE Publications: 117-132.

Thussu, Daya Kishan / Freedman, Des (Eds.) 2003: War and the Media. Reporting Conflict 24/7. London, Thousand Oaks, New Delhi: SAGE Publications.

Weber, Mathias (1997): Der UNO- Einsatz in Somalia. Die Problematik einer „humanitären Intervention“.Denzlingen: m.w.-Verlag

Zelizer, Barbie 1992: CNN, the Gulf War and Journalistic Practice. In: Journal of Communication, 1, 66-81.


Internetquellen

http://www.brookings.edu/comm/transcripts/20020123.html [Stand: 26.09.2006]
http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/11/0,1872,2128523,00.html [Stand: 26.09.2006]
http://www.time.com [Stand: 26.09.2006]

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1 Quelle: [1] [Stand : 30.09.2006]

Abb. 2 Somalia 1992 Quelle: [2] [Stand : 30.09.2006]

Abb. 3 Cover TIME Magazine vom 14. Dezember 1992 Quelle: [3] [Stand : 30.09.2006]

Abb. 4 Screenshot des CNN- Materials vom 03. Oktober 1993 Quelle : [4] [Stand : 30.09.2006]

Abb. 5 Eigene Darstellung

Abb. 6 Cover TIME Magazine vom 18. Oktober 1993 Quelle: [5] [Stand : 30.09.2006]

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